Family-Offices setzen auf Venture-Capital: Investieren in den Startup-Boom
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2021-12-15

Family-Offices setzen auf Venture-Capital: Investieren in den Startup-Boom

Die Venture-Capital-Industrie wächst, und jeder will ein Stück vom Kuchen abhaben. Zuletzt haben auch Family-Offices die historisch illiquide Anlageklasse für sich entdeckt. Die Performance spricht für sich – und ohne Wagniskapital gäbe es weder BioNTech noch Moderna. CAPinside-Experte Lukas Hofer mit einer Analyse.

Laurance S. Rockefeller, das vierte der sechs Rockefeller-Kinder, gründete 1946 Rockefeller Brothers Inc. Mit einer Kapitalisierung von 1,5 Millionen US-Dollar war die Investmentgesellschaft der größte Wagniskapitalgeber (auf Englisch: „Venture-Capital“, VC) nach dem Zweiten Weltkrieg. In den 1960er-Jahren, als die VC-Industrie Fahrt aufnahm, wurde der Fonds unter dem Namen Venrock Associates weltweit bekannt. Über Jahrzehnte hinweg investierte Venrock insgesamt über 2,5 Milliarden US-Dollar in mehr als 440 Unternehmen. 125 davon resultierten in einem Börsengang – darunter bekannte Namen wie Apple und Intel.

Venrock’s Erfolgsgeschichte – und vor allem der Erfolg der finanzierten Startups – steht stellvertretend für die Wachstumskurve der VC-Industrie. Seit den 1960er-Jahren haben sich VC-Fonds als Wachstumsmotor der kapitalistischen Wirtschaftsordnung etabliert. Meist stehen sie als eher unbekannte Finanzierer im Hintergrund, doch ihre Investments haben E-Commerce, Suchmaschinen, iPhones, Elektroautos und mRNA-Impfstoffe überhaupt erst ermöglicht.




Neue Mitstreiter

Die Corona-Pandemie hat den VC-Boom weiter beflügelt: Konjunkturprogramme stellten zusätzliches Kapital bereit und die Aktienkurse VC-finanzierter Tech-Firmen explodierten während der Lockdowns. Viele Unternehmen nutzten die Gelegenheit zu Börsengängen. Allein im letzten Jahr betrug die Marktkapitalisierung von VC-finanzierten Tech-IPOs laut Pitchbook über 200 Milliarden Dollar – ein Rekordjahr. Dieses Jahr könnte sie auf 500 Milliarden Dollar steigen.

Der Erfolg der Branche lockt neue Investoren auf den Plan. Traditionelle VC-Fonds erhielten ihr Kapital meist von Institutionen wie Pensionskassen und investierten dementsprechend eher konservativ. Heute konkurrieren sie mit Hedgefonds und Private-Equity-Fonds mit hohem Risikoappetit um die besten Startups. Die VC-Investments dieser neuen Mitstreiter könnten sich von 144 Milliarden im Jahr 2020 auf 260 Milliarden im Jahr 2021 fast verdoppeln und machen damit voraussichtlich circa die Hälfte der gesamten Kapitalisierung aus.

Auch Family-Offices drängen in den Markt. Laut einer Umfrage von SVB Capital und Campden Wealth plant die Mehrheit der befragten Family-Offices ihre Startup-Investments im nächsten Jahr signifikant zu erhöhen. Dass diese Investments oft von Familienmitgliedern der jüngeren Generation gewünscht werden, deutet auf eine Trendwende hin: Family-Offices werden auch in Zukunft weiter verstärkt in Startups investieren.

Für Family-Offices kann der Einstieg in die VC-Industrie durchaus sinnvoll sein. Ähnlich wie VC-Fonds basiert ihr Geschäftsmodell auf einem umfangreichen Netzwerk und persönlichen Kontakten. Außerdem sind im Niedrigzinsumfeld und in Anbetracht hoher Bewertungen am Aktienmarkt Diversifikationsalternativen gefragt. VC-Investments kommen da gelegen: In den letzten drei Jahren hatte die Anlageklasse laut Pitchbook die weltweit beste Performance, besser als Private-Equity und der Aktienmarkt. Einzig Kryptowährungen lieferten höhere Renditen.


Eine Branche im Wandel

Durch neue Investorentypen und zusätzliches Kapital hat sich die Industrie in den letzten Jahren verändert: Die Portfolios enthalten längst nicht mehr nur Tech-Firmen, sondern beispielsweise auch Biopharma- und Konsumgüter-Startups. Statt wie bisher hauptsächlich Seed-Runden zu finanzieren – das sind Startups in der Frühphase ohne nennenswerte Umsätze oder Gewinne – finanzieren VC-Fonds heute auch etablierte Jungfirmen, die kurz vor dem Börsengang stehen.

Außerdem ist die VC-Branche kein US-amerikanisches Phänomen mehr. Vor 20 Jahren fanden über 80 Prozent der weltweiten VC-Investments in den USA statt. Heute sind es nur noch 49 Prozent. Chinas Marktanteil wuchs von fünf Prozent im Jahr 2000 auf 37 Prozent im Jahr 2018. Seit die Regierung chinesische Tech-Firmen stärker reguliert, sind es allerdings nur noch knapp 20 Prozent.

Das schnelle Wachstum birgt auch Risiken: Zum einen sind die Bewertungen junger Startups massiv gestiegen. Die durchschnittliche Seed-Bewertung eines US-Startups beträgt heute 3,3 Millionen US-Dollar – das ist fünfmal so viel wie vor zehn Jahren. Zum anderen kann die einfache Verfügbarkeit von Kapital zu Fehlanreizen führen. Denn Startup-Gründer sollten sich vor allem auf Innovationen und funktionierende Geschäftsmodelle konzentrieren, statt auf Finanzmodelle und hohe Bewertungen.

Dennoch ist der VC-Boom insgesamt gut für die globale Wirtschaft. Besser zu viele Startups als zu wenige! Ohne Wagniskapital gäbe es vermutlich weder BioNTech noch Moderna. Privatanleger sind bei Venture-Capital trotzdem weiterhin außen vor. Zwar gibt es verschiedene Investmentplattformen und Fintechs, die über Umwege Investitionen in VC-Fonds ermöglichen. Trotzdem bleibt die Anlageklasse illiquide und aufgrund hoher Einstiegsbarrieren vorwiegend ein Thema für Institutionen. Für wohlhabende Privatanleger werden VC-Investments durch das zunehmende Engagement von Family-Offices in der Zukunft jedoch einfacher werden. 

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