Gamestop, Fonds und ETFs: Wie riskant ist die Wertpapierleihe?

Privatanleger gegen Hedgefonds, David gegen Goliath, Kleinaktionäre gegen Leerverkäufer - der Zockerkrieg an der Wall Street hat die Schlagzeilen wochenlang bestimmt. Wie immer, wenn Short Seller öffentlichkeitswirksam auf den Plan treten, folgt fast schon reflexartig die Diskussion über den Sinn und Zweck der Leerverkäufe. Gefolgt von der nicht weniger unsachlichen und ziemlich hitzigen Debatte darüber, wie gefährlich die Wertpapierleihe eigentlich für ETFs und Fonds ist.


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Ohne Risiko ist an den Finanzmärkten kein Geschäft, auch die Wertpapierleihe nicht. Aber deshalb von einer Gefahr zu reden, geht vielen Marktteilnehmern zu weit. „Wertpapierleihe gehört zum Standardrepertoire von Fondsmanagern“, sagt beispielsweise Thomas Meyer zu Drewer, Head of Public Distribution für Deutschland & Österreich bei Lyxor. „Werden Wertpapiere verliehen, so erhält der Fonds dafür eine Leihegebühr, die nach Abzug möglicherweise anfallender Kosten die Wertentwicklung eines Fonds verbessert und somit dem Anleger zu Gute kommt.“ Also Entwarnung? Ja, aber nicht ganz. „Wie bei so vielem ist es eine Frage des Risikomanagements“, sagt Dirk Rathjen, Vorstand des Instituts für Vermögensaufbau (IVA). „Sucht man sich als Fondsmanager seine Gegenparteien gut aus und berücksichtigt man, dass bei aller Sorgfalt der Prüfung dem Mehrertrag ein gewisses Risiko gegenübersteht, ist Wertpapierleihe sehr lohnend und bringt ein sehr gutes Rendite-Risiko-Verhältnis mit sich.“


Aufsichtsrechtlich streng reguliert

Unter institutionellen Investoren ist die Wertpapierleihe seit Jahrzehnten weit verbreitet und ist heute aufsichtsrechtlich streng reguliert. Aktiv gemanagte Fonds, ETFs und sogar Staatsfonds verleihen eine Aktie oder Anleihe für eine bestimmte Dauer, oft nur wenige Tage. Geliehen werden die Wertpapiere von anderen institutionellen Adressen, oft sind es Hedgefonds. Diese zahlen eine Leihgebühr. Während der Leihdauer muss der Leihnehmer dem Leihgeber Sicherheiten zur Verfügung stellen. Das können Cash oder hochliquide Wertpapiere wie Staatsanleihen mit bester Bonität sein. Der Wert dieser Sicherheiten muss in der EU bei UCITS-Fonds mindestens 105 oder 110 Prozent des Wertes der geliehenen Wertpapiere betragen. Diese Übersicherung ist gesetzlich vorgeschrieben.

Ohne Risiko ist die Wertpapierleihe aber trotzdem nicht. Die weniger kreditwürdigen Gegenparteien hätten mitunter Schwierigkeiten, so viel geliehen zu bekommen, wie sie gern hätten, so Rathjen. „Sie fragen am stärksten nach und da beginnt das Dilemma und das Risiko für die Verleiher.“ Für die verleihende Institution ergeben sich durch die Wertpapierleihe in der Regel zwei Risiken, warnt auch Carsten Roemheld. „Zum einen besteht das Risiko, dass die Wertpapiere aufgrund eines Ausfalls des Schuldners nicht zurückgegeben werden“, sagt der Kapitalmarktstratege bei Fidelity International. Dafür müssen aber eben zuvor Sicherheiten in ausreichender Höhe hinterlegt werden, um den möglichen finanziellen Schaden auszugleichen. „Zum zweiten besteht das Risiko steigender Volatilitäten einzelner Wertpapiere, da der Verleih vom Leihenehmer für Short-Positionen genutzt werden kann, wodurch die Preisbildung größeren Schwankungen ausgesetzt ist.“ Aber: Kein Risiko ohne Chance. Die Wertpapierleihe sei vor allem für ETFs sehr lukrativ, da diese deutlich weniger Erträge generieren als aktive Fonds mit einer Verwaltungsvergütung, ergänzt Roemheld. So können Performance-Rückstande zum betreffenden Index aufgeholt werden, die für den Anleger durch die laufenden Kosten eines ETF entstehen.


Spekulationen dank Wertpapierleihe

Doch warum hat die Wertpapierleihe einen so schlechten Ruf in der Öffentlichkeit? Das könnte auch dran liegen, dass die Wertpapierleihe eben oft zur Spekulation genutzt wird. „Mit Leerverkäufen kann der Kurs von Wertpapieren zu Fall gebracht werden und die Preisdynamik massiv verstärkt werden“, so IVA-Vorstand Rathjen. Die Kursschwankungen nehmen mitunter ohne wirtschaftlichen Grund zu. Ein Argument vieler Marktteilnehmer, das auch Fidelity-Experte Roemheld beobachtet hat. „Weiterhin erhöhen sich über diese Geschäfte die Systemrisiken, wenn die Schieflage mehrerer großer Fonds mit ähnlichen Positionen zu Liquiditätsproblemen an den Kapitalmärkten führt“, sagt er. „Im Gegensatz zum Long-Geschäft sind die Verlustrisiken beim Shorting theoretisch unbegrenzt.“ Und schließlich gebe es die Auffassung, dass es auch an den Aktienmärkten nicht möglich sein sollte, Güter zu verkaufen, die man nicht besitzt.

Meist fehle schlicht das Verständnis davon, was Wertpapierleihe überhaupt ist und welchem Zweck sie dient, kritisiert ein Experte, der namentlich nicht genannt werden möchte. Hinzu komme, dass Wertpapierleihe fast immer nur im Zusammenhang mit Umständen beleuchtet wird, die gesellschaftlich als weniger akzeptabel gelten – Leerverkäufe lassen grüßen –, ohne auch hier die gesamten Zusammenhänge zu verstehen. Aufklärung tut also Not, denn vor allem für ETFs, aber auch für Fonds ist die Wertpapierleihe ein willkommenes Zusatzgeschäft.