Gold oder Bitcoin: Horten statt Shorten

Die richtige Asset Allokation zu finden, fällt zunehmend schwer. Gold und Bitcoin ergänzen in Kombination mit Aktien die Möglichkeiten zur Krisenvorsorge – um eine Absicherung ohne Verfallstag. Über Sinn und Unsinn dieses Verhaltens – und wie Gold und Bitcoin im Portfolio harmonieren können.

Aktuell drückt der Inflationsanstieg die realen Renditen in den USA auf ein neues Rekord-Tief seit der großen Dollar-Abwertung Anfang der 70er Jahre. Aktienanleger könnten beruhigt sein. Die Teuerung schreckt eher Bondanleger ab. Bei der Suche nach einem Inflationsausgleich stehen Investoren mit Sachwerten jedoch vor einem Dilemma. Sie sorgen sich über hohe Bewertungen bei Aktien und Immobilien.


Nachfrage nach Inflationsausgleich 

Andere Vermögenswerte, die man nicht beliebig vermehren kann, werden plötzlich interessant. Die kapitalmarktfähige Alternative zu Oldtimern, Luxusuhren und Rotwein sind traditionell das Gold und neuerdings eben der Bitcoin.

Als Geldersatz genießt Gold seit jeher Vertrauen. Seinen Ruf als Krisengewinner hat sich das Edelmetall bei vielen Gelegenheiten verdient. In der Vergangenheit konnte es gegenüber dem amerikanischen Leitindex S&P 500 zulegen, sobald die Unsicherheit stieg. Diese Phasen negativer Korrelation halten meistens nur ein bis zwei Jahre. Das passt aber gut – denn länger dauern Korrekturen an den Aktienbörsen nur selten.

In der Kryptowelt geben Korrelationsanalysen aufgrund der kurzen Historie nicht viel her. Viel eher geht es um die Frage, ob man wirklich eine Alternative zum zentralbankgesteuerten Finanzsystem braucht. Warum sonst sollten Anleger solche extremen Kursabschläge wie im Mai akzeptieren? Dabei geht es nicht um den praktischen Nutzen des Bitcoin als Zahlungsmittel, sondern um einen Schutz gegen die schleichende Enteignung durch Inflation.


Ende der Inflationstoleranz 

Wer als 35-jähriger weiß, dass sich in weiteren 35 Jahren bei zwei Prozent Inflation pro Jahr die Kaufkraft eines Vermögens halbiert, wird überlegen, wie die Finanzwelt zukünftig aussehen könnte. Dass Währungssysteme eher ein Vertrauens-Mikado sind, zeigt die Entwicklung von vor 50 Jahren. Im August 1971 entbanden sich die USA von der Bretton-Woods-Vereinbarung, unter Notenbanken Dollars gegen die Fed-Bestände an hinterlegtem Gold zu tauschen. Die ausländischen Dollarreserven wären schon vorher nicht einzulösen gewesen.

Solche Abmachungen können trotzdem erstaunlich lang halten. Spitzt sich die Lage bei mehreren Teilnehmern zu, sinkt das Vertrauen untereinander – bis einer zuckt. Dann müssen sich alle bewegen. Derzeit steht das Vertrauen in die lockere Geldpolitik der Fed auf dem Prüfstand. Es hält noch – vorausgesetzt, dass die Inflationsrate im nächsten Jahr wieder sinkt. Dabei gibt es einen Risikofaktor.


Digitale Basis für Vertrauen

Die USA verzeichneten im letzten Jahr bei der realen Geldmenge den stärksten Schub seit vielen Dekaden. Der Geldsegen von plus 25 Prozent trifft auf den corona-bedingten Nachfragestau und verstopfte Lieferketten. Mit dem Wiederhochfahren der Konjunktur kommt jetzt Dynamik, sprich Umlaufgeschwindigkeit, in das Geldsystem und treibt die Inflationsraten an.

Was im Moment noch wirkt wie ein Ketchup-Flaschen-Effekt – erst kommt nichts raus und dann alles auf einmal – könnte sich zu einer unaufhaltsam rollenden Welle entwickeln, die schwer zu kontrollieren ist. Wer die Kontrollverluste während der globalen Finanzkrise miterlebt hat, dem kann man die Sehnsucht nach einer Systemalternative nicht übelnehmen.

Selbst diese Vorstellung dürfte im Kalkül der Notenbanken enthalten sein. Würden sie den Bitcoin per Dekret einfach wegregulieren, bekämen die Zweifel am System geradezu Brief und Siegel. Um Vertrauen zurückzugewinnen, ist es besser, digitale Währungen wie den Bitcoin zu dulden, bis es für dezentrale Finanzlösungen einen guten ordnungspolitischen Rahmen gibt.


Absicherung ohne Verfallstermin

Indem Anleger sowohl Gold als auch den Bitcoin in ein Vermögenskonzept einbinden, lassen sich zwei miteinander verbundene Probleme lösen. Beide Assets sichern unmittelbar gegen Inflationsrisiken ab. Sollte die Teuerung im nächsten Jahr weiter steigen, wird es schwer, die Zinsen unter Kontrolle zu halten, was wiederum Sachwerte unter Druck brächte. Insofern sind auch Aktien als das bislang produktivste Langfristinvestment nicht ganz alternativlos.

Diversifikation bedeutet übrigens nicht, ausschließlich Gewinner im Depot zu haben, sondern die unterschiedliche Zyklik verschiedener Märkte für sich zu nutzen. Derivateabsicherungen haben gelegentlich Rolleffekte an Verfallstagen. Dagegen lassen sich Gold- und Bitcoin-Positionen auch dann länger halten, wenn man mal im Minus liegt. Und, nur für alle Fälle, bietet der Bitcoin eine „Konzept-Diversifikation“ innerhalb des Finanzsystems.