Christian W. Röhl
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Hauptversammlungen werden abgesagt: Cool bleiben, ohne Dividenden zu kassieren

Um das Coronavirus einzudämmen, wird das öffentliche Leben auf Notbetrieb heruntergefahren. Dieser Lockdown schlägt auch auf die Hauptversammlungen deutscher Aktiengesellschaften durch.

Als erster Großkonzern hat Daimler sein für den 1. April geplantes Aktionärstreffen abgesagt. Zu normalen Zeiten wären ein paar tausend Menschen in den Berliner CityCube gekommen, um die erste HV-Rede des neuen Vorstandsvorsitzenden Ola Källenius zu verfolgen und sich danach um die traditionellen Saitenwürschtle zu balgen.  


Reine Online-HVs sind vom Gesetz nicht vorgesehen

Weitere Absagen, auch von kleineren Firmen, werden unweigerlich folgen. Denn der Gesetzgeber hat zwar den rechtlichen Rahmen geschaffen, damit Aktionäre die Hauptversammlung via Livestream verfolgen und sogar online abstimmen können. Allerdings muss die Satzung darauf ausgelegt sein – und viele Unternehmen haben die notwendigen Anpassungen in den vergangenen Jahren nicht umgesetzt.

Doch selbst das würde in der momentanen Situation kaum helfen. Denn rein virtuelle Aktionärstreffen sind nicht statthaft, im juristischen Kern ist die Hauptversammlung noch immer eine Präsenzveranstaltung – und nur wer körperlich anwesend ist, kann reden und Anträge stellen. Insofern können Unternehmen ihre Investoren zwar bitten, der HV fernzubleiben und für die Abstimmungen entweder Weisungen zu erteilen oder das Stimmrecht gleich an Aktionärsvereinigungen wie die DSW zu übertragen. Aber wer sich form- und fristgerecht angemeldet hat, dem muss Zutritt gewährt werden. Andernfalls sind sämtliche Beschlüsse anfechtbar.


Standard-HV wäre unverantwortlich

Für eine Limitierung der Teilnehmerzahl etwa auf die vom Berliner Senat als Obergrenze festgelegte Zahl von 50 Personen gibt es keinerlei rechtskonforme Handhabe. Viel wichtiger jedoch: Nachdem die Strategie der Behörden nun ganz klar darauf abzielt, durch maximale Einschränkung sozialer Kontakte ein Abflachen der Infektionskurve zu erreichen, wäre es unverantwortlich, wenn eine Aktiengesellschaft Vorstände, Aufsichtsräte, Mitarbeiterstäbe, Rechtsberater, Wirtschaftsprüfer und Eigentümer(vertreter) durch die Weltgeschichte reisen lässt und stundenlang in einen Raum pfercht – um am Ende ein paar Formalien durchzuwinken.

Denn bei allem Respekt vor der Hauptversammlung als oberstem Organ der Aktiengesellschaft: Die übliche Standard-Agenda mit Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat, Wahl des Abschlussprüfers, den (von Anlegerschützern ohnehin kritisch beäugten) Vorratsbeschlüssen zu Genehmigtem und Bedingtem Kapital sowie ggfs. ein paar kosmetischen Änderungen der Satzung kann man auch später erledigen. Das Aktiengesetz schreibt schließlich nur vor, dass die HV in den ersten acht Monaten nach Geschäftsjahresende abgehalten werden muss – und bis Ende August kann noch vieles passieren, hoffentlich eine Wende zum Besseren.


Manche HV-Agenda erledigt sich wohl von selbst

Natürlich gibt es auch Unternehmen, bei denen die Hauptversammlung jetzt strategische Weichenstellungen vornehmen müsste: Zusammenschlüsse absegnen, Kapitalmaßnahmen vorbereiten, aktivistische Investoren unterstützen oder zurückweisen. Aber ganz im Ernst – ist diese Extremsituation das richtige Umfeld, um solche Entscheidungen qualifiziert zu erörtern? Zumal sich die eine oder andere Transaktion durch den Crash an den Finanzmärkten sowieso erledigt haben dürfte. Und für Notmaßnahmen wie Staatshilfe ist der HV-Vorlauf ohnehin zu lang. Hier muss und kann – siehe die Teilverstaatlichung der Commerzbank im Zuge der Finanzkrise – ad hoc gehandelt werden.


Dividendenregen fällt aus

Bleibt also nur ein Thema, das wirklich wichtig ist: Die Dividende, die erst überwiesen werden darf, wenn die Hauptversammlung dem Gewinnverwendungsvorschlag zugestimmt hat. Zwar eröffnet das Aktiengesetz eine Möglichkeit, auch ohne HV-Beschluss eine Abschlagszahlung auf den Bilanzgewinn des Vorjahres zu leisten. Doch auch das muss in der Satzung verankert sein, was bei vielen Firmen eben nicht der Fall ist. 

Der für die Jahreszeit typisch deutsche Dividendenregen dürfte also weitgehend ausfallen. Und das ist auch gut so, zumindest aus Sicht der Unternehmen. Denn derzeit kann niemand seriös einschätzen, wann sich die Katastrophenlage wieder normalisiert, wie stark die Konjunktur einbricht und wie lange es dauern wird, bis eine nachhaltige Erholung einsetzt. Macht also Sinn, wenn das Geld erstmal in der Firmenkasse bleiben kann – und falls der Vorstand nach Abwägung aller Risiken (sofern das überhaupt geht) noch immer findet, dass der Cash-Bestand zu hoch und der Aktienkurs zu niedrig ist, darf man ja durchaus mal über selektive Aktienrückkäufe nachdenken.


Weiteres Argument für internationale Diversifikation

Die Aktionäre haben davon freilich erstmal nichts. Manche Pensionskassen oder Stiftungen planen die Dividenden spätestens ab der offiziellen Ankündigung fest als Zufluss ein. Und für viele Privatanleger sind die Ausschüttungen nicht nur passives Einkommen, sondern auch ein psychologischer Anker, um cool zu bleiben, wenn die Kurse abschmieren. Hier hilft jetzt nur die – ohnehin dringend gebotene – internationale Diversifikation: In vielen anderen Ländern braucht es für die Ausschüttung keinen HV-Beschluss, auch Interims-Zahlungen sind einfacher auf den Weg zu bringen, und die USA haben in puncto Dividenden-Kontinuität sowieso eine ungleich stärkere Tradition.


Dividende ist nicht der neue Zins

Dennoch werden Investoren in den nächsten Monaten die Erfahrung machen, dass Dividende eben nicht der neue Zins ist – sondern eine unternehmerische Gewinnbeteiligung, die überdies nicht nur am letzten Jahresabschluss hängt, sondern auch an der aktuellen Geschäftslage. Und deshalb sollte man nicht allzu enttäuscht und empört sein, wenn der eine oder andere US-Dividenden-Aristokrat seine Ausschüttung einfriert und manche der jetzt in Deutschland ausfallenden Hauptversammlungen im Herbst mit deutlich niedrigeren Dividendenvorschlägen nachgeholt werden. 

Natürlich wäre das ein Image- und Vertrauensverlust. Aber wichtiger als der kurzfristige Shareholder Value ist der nachhaltige Erfolg eines Unternehmens – an dem Aktionäre ja direkt beteiligt sind. Gerade das sollte zwischen Lockdown im Alltag und Drawdown an der Börse nicht aus dem Blickfeld geraten: Es gibt ein Leben nach der Krise. Und in den leidvollen Lektionen, die diese Krise uns erteilt, werden auch immense wirtschaftliche Chancen liegen.