Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Healthcare - defensiver Baustein für unruhige Zeiten

In zunehmend stürmischen Börsenphasen suchen Investoren nach Sicherheit. Ein defensiver Baustein sind Healthcare-Aktien, „gesunde“ Renditeaussichten inklusive.

Medizinische Durchbrüche in der Aids-Therapie oder Hepatitis-C-Behandlung, bei Gen- und Zelltherapien gegen seltene Krankheiten oder Krebs sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Die Gesundheitsbranche bietet aber viel mehr als spektakuläre Forschungsergebnisse. Mit ihrem kontinuierlichen und vor allem konjunkturunabhängigen Wachstum ist sie auch für Investoren interessant. 

Healthcare-Aktien sind ein defensiver Baustein für das Portfolio. Schließlich ist Gesundheit immer ein gutes Geschäft. Auch wenn die Konjunktur lahmt, an ihrer medizinischen Versorgung und ihren Medikamenten sparen die Menschen nicht. Deshalb sind Aktien aus der Gesundheitsbranche weniger zyklisch als die aus anderen Sektoren. Und sie bringen in stürmischeren Zeiten Ruhe ins Depot. Das war auch im vergangenen Jahr so. Während der globale Aktienindex MSCI World gut zehn Prozent verlor, legte der MSCI Healthcare immerhin ein Prozent zu. 

 

Doppelt so starkes Wachstum

Gesundheit ist nicht nur eine stabile, sondern vor allem auch eine Wachstumsbranche. „Der Healthcare-Sektor wächst mit rund fünf Prozent etwa doppelt so stark wie das globale Wirtschaftswachstum“, sagt Dr. Cyrill Zimmermann, Head Healthcare Funds & Mandates bei Bellevue Asset Management. Es sind gleich mehrere Trends, die langfristig für Wachstum sorgen. Der stärkste dürfte der demographische Wandel sein. „Wir werden immer älter, und es hat sich gezeigt, dass wir - etwas salopp formuliert - mit zunehmendem Alter verstärkt ins ‚medizinische Ersatzteillager‘ greifen müssen“, sagt Zimmermann. „Überalterung bedeutet, dass die Nachfrage nach medizinischen Leistungen steigt.“ 

Die Demografie ist nicht der einzige Wachstumstreiber für die Branche. Ein weiterer ist der heutige Lebensstil viele Menschen. „Ungesunde Ernährung gepaart mit wenig körperlicher Bewegung sowie Stress führen zu chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, so Zimmermann. Aktuell gibt es beispielsweise weltweit 420 Millionen Diabetiker, Tendenz steigend. Der Bellevue-Experte nennt noch einen dritten Wachstumstreiber: die eigentliche Entwicklung der Medizin, also Innovationen. „Dazu gehören neue Formen der Therapie oder die Digitalisierung, die eine bessere und effektivere Diagnose bewirkt“, sagt er.

 

Studie beleuchtet künftige Gesundheitsversorgung

Der Einzug digitaler Technologien in den Healthcare-Bereich birgt enormes finanzielles Potenzial, stellt die Pharmabranche aber auch vor große Herausforderungen. Das zeigt auch die aktuelle Studie „Future of Health“ von Strategy&, der Strategieberatung von PwC. Zwar prognostiziert die Umfrage unter 120 Managern der weltweit größten Pharmaunternehmen einen Zuwachs des globalen Healthcare-Marktes um zehn Prozent, von 10,6 Billionen US-Dollar im vergangenen Jahr auf 11,6 Billionen US-Dollar bis 2030. Allerdings wird aufgrund des künftig stark wachsenden Anteils der Bevölkerung mit Zugang zur Gesundheitsversorgung ein Rückgang der Ausgaben pro Patient um 27,5 Prozent erwartet. Auf dieser Basis könnten innerhalb der nächsten Dekade die operativen Nettomargen in der Pharmaindustrie von aktuell 25 Prozent signifikant abfallen, heißt es. 

„Im Rahmen unserer Befragung erwarten die Gesundheitsmanager unsichere Zeiten für ihr derzeitiges Geschäftsmodell“, fasst Dr. Thomas Solbach, Healthare-Experte und Partner bei Strategy& Deutschland, die Studienergebnisse zusammen. „Die traditionellen Pharmakonzerne müssen entweder sehr viel effizienter werden, um ihre Margen zu halten, oder sie investieren gezielt in Wachstumsfelder wie Diagnostik, Prävention und Digital-Health-Lösungen.“ Dafür seien schnelle strategische Entscheidungen gefragt, nachdem Tech-Unternehmen bereits seit einigen Jahren stark in den Markt drängen und an digitalen Angeboten arbeiten würden. „Allein die Zahl der Partnerschaften, Zukäufe und Ventures großer Player wie Amazon, Alphabet, Apple, Alibaba und Tencent hat sich im Healthcare-Sektor zwischen 2014 und heute verzwölffacht“, sagt Solbach. „Zudem halten diese Unternehmen mittlerweile mehr als 6000 gesundheitsbezogene Patente.“

 

Kosteneinsparung durch Innovationen

Der Kostendruck im öffentlichen Gesundheitswesen steigt zusehends, vor allem in den USA. Dort werden jährlich immerhin mehr als 17 Prozent des Bruttoinlandprodukts für das Gesundheitswesen ausgegeben. McKinsey hat in einer Studie ein Einsparungspotenzial von gut 300 Milliarden US-Dollar berechnet. „Genau hier können Innovationen etwa im Bereich der digitalen Gesundheit helfen, Kosten zu sparen“, sagt Zimmermann. Ein Großteil der Gesundheitskosten würden bei den Dienstleistungen anfallen, etwa in Krankenhäusern, in der Rehabilitation oder bei Arztbesuchen. Hier komme etwa die Telemedizin zunehmend zum Einsatz. „Ein Arztbesuch in den USA kostet rund 150 US-Dollar; mit Facetime sinken die Kosten auf rund ein Drittel“, so Zimmermann. „Und im Krankenhaus können Patienten verstärkt aus der stationären in die ambulante Behandlung verlagert werden, um danach mittels Telemonitoring aus der Ferne medizinisch überwacht zu werden.“ Wo Chancen sind, sind natürlich auch Risiken. Doch die sind bei Digital Health vergleichsweise gut einschätzbar: „In der Medizintechnologie geht es um Menschenleben, deshalb werden neue Technologien erst mit großer Verzögerung eingeführt, wenn sie bereits erprobt und sicher sind“, sagt Zimmermann. 

Gesundheit ist auch für Investoren ein spannendes Thema. „Die mittelfristigen Renditeerwartungen liegen zwischen fünf und zehn Prozent“, sagt der Experte. „So konnten wir beispielsweise mit unserem eigens entwickelten BB Adamant Healthcare Index, der weltweit halbjährlich die 40 attraktivsten Gesundheitswerte auswählt, über die vergangenen zwölf Jahre eine annualisierte Performance von 14 Prozent bei einer Volatilität von 14 Prozent erzielen.“ 

 

Übernahmen treiben Kurse an

Und welche Einzelaktien sind einen Blick wert? Für Investoren seien Firmen aus dem Biotechbereich wie Genmab und Vertex oder Incyte im Onkologiebereich spannend. Neben der Gentherapie wird auch die personalisierte Medizin immer wichtiger; besonders moderne Therapieverfahren bei Krebserkrankungen. Hier sorgten kürzlich die Übernahmen von Loxo Oncology oder Array Pharma für Interesse. „In beiden Biotechfirmen war unser Biotech-Fonds investiert und wir erwarten weitere Übernahmen“, sagt Zimmermann. 

Innerhalb der Medtechbranche findet er Robotikfirmen wie Intuitive Surgical spannend oder Firmen, die minimal-invasive Verfahren mit speziellen Kathetertechnologien anbieten wie Edwards Lifescience oder Asahi Intecc aus Japan. „Im asiatischen Kontext ist auch eine Ping An Health von Interesse, die dank des Einsatzes künstlicher Intelligenz das nicht existierende Hausarztmodell in Zentralchina anbieten und täglich über ein halbe Million Konsultationen abwickeln“, sagt der Experte. Er betont allerdings, dass Investoren diese spannenden Bereiche am besten über einen Biotech oder Digital Health Fonds abdecken, da die Risiken bei Einzelaktien doch substantiell sein könnten. „Bei aller Euphorie sollte man sich stets der Risiken bewusst sein und bei der Anlage auf Unternehmen konzentrieren, die bereits am Markt sind und nachweislich Umsätze erwirtschaften“, sagt der Bellevue-Experte Zimmermann.