Oliver Zastrow
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Hin und Her der Märkte: Tech-Werte oder zyklische Reopening-Aktien?

Plötzlich ist die Inflation zurück – oder zumindest die entsprechenden Erwartungen. Vermögensverwalter Oliver Zastrow von Albrecht, Kitta & Co. zu den Auswirkungen auf die verschiedenen Aktien-Sektoren.

Ganz klar: Corona-bedingt war 2020 das Jahr der Stay-at-home-Aktien. Die Kurse von Zoom, Hellofresh und Co. schienen nur den Weg nach oben zu kennen. Ähnliches war bei den Werten aus den Megatrend-Bereichen wie erneuerbare Energien, Wasserstoff, aber auch Medizin- und Biotechnologie zu beobachten. Doch im November ging der Rally die Luft aus. Plötzlich kamen die „Reopening-Aktien“ wieder ins Laufen, also die zyklischen Werte aus der Old Economy, die von der Erholung der Konjunktur profitieren.

Für Anleger stellt sich damit die Frage, wohin die Reise in den kommenden Monaten geht. Ist jetzt Tech out und analog in? Wie sieht es aus bei Tesla versus Volkswagen oder Airbnb versus Tui. Was ist aus Sicht der Anleger aussichtsreicher? Ist es der E- Auto-Pionier aus Kalifornien, dem selbst die etablierten Autohersteller zugestehen, bei den Batterien und bei der Vernetzung technologisch mehrere Jahre Vorsprung zu haben? Der gleichzeitig bislang aber nur dadurch Geld verdient, indem er in Europa seine CO2-Emissionsrechte an Fiat Chrysler verkauft? Oder ist VW der richtige Kauf? Ein Unternehmen, das in Dutzenden „normalen“ Jahren gezeigt hat, dass es gutes Geld verdient und jetzt noch mit seiner ganzen Konzern-Power im Bereich Elektromobilität auf die Überholspur gewechselt ist?

Auch bei der Gegenüberstellung von Airbnb und Tui stellen sich für Anleger interessante Fragen. Auf der einen Seite steht ein datengetriebenes Unternehmen, das gewissermaßen keine Hardware benötigt. Auf der anderen Seite ist ein Touristik- Konzern der alten Schule positioniert, der Reisebüros betreibt und mit eigenen Hotels, Flugzeugen und Kreuzfahrtschiffen unterwegs ist, der also ein kapitalintensives Geschäftsmodell verfolgt, aber auch auf allen Stufen der Wertschöpfung Geld verdienen kann, wenn die Menschen wieder in den Urlaub fahren dürfen.


Astronomische Divergenzen selbst innerhalb derselben Branche

Klar ist, dass es riesige Bewertungsunterschiede zwischen den Tech-Werten und den Aktien aus der Old Economy gibt. Tesla kommt auf eine Marktkapitalisierung von rund 500 Milliarden Euro und ein 2021-er-KGV von circa 230. VW, der nach Absatzzahlen größte Autohersteller der Welt, ist dagegen an der Böse gerade einmal 100 Milliarden Euro wert und ist mit etwas mehr als dem Siebenfachen des für dieses Jahr erwarteten Gewinns bewertet. Und Airbnb kommt zumindest auf den dreifachen Börsenwert von Tui.

Tatsache ist: Das Inflationsthema dürfte die Anleger in den kommenden Monaten weiter beschäftigen. Bei den Verbraucherpreisen ist in den USA im Sommer ein Anstieg im Bereich von drei Prozent denkbar. In Europa ist aufgrund der geringeren fiskalischen Stimuli ein niedriges Niveau zu erwarten. Aber auch hier hat sich die Inflation von Dezember bis Januar von 0,3 auf 0,9 Prozent verdreifacht. Damit stellt sich die Frage, ob nicht auch die Zinsen wieder anziehen werden und was das für die verschiedenen Aktiensektoren bedeuten würde.

Dabei unterstellen die Börsianer gerne den Tech-Werten, dass diese stärker unter höheren Zinsen leiden, weil ihre in der Zukunft schnell wachsenden Gewinne dann stärker abdiskontiert werden, was den Gegenwartswert reduziert. Grundsätzlich stimmt dieser Zusammenhang. Doch es gibt Tech-Werte, die schon heute enorme Mengen an Geld verdienen. Und ein Konzern wie Apple hat auch die Preismacht, seine iPhones 100 Dollar teurer zu verkaufen, wenn die Preise wieder merklich anspringen sollten.

Gleichzeitig könnten verschiedene „Reopening-Aktien“ von spürbaren Nachholeffekten profitieren, wenn die Lockdowns weltweit wieder gelockert werden. Die Verbraucher haben während der Corona-Krise sehr viel mehr Geld gespart als in früheren Jahren. Jetzt wollen sich viele Menschen sicherlich wieder einmal etwas gönnen. Allerdings haben die meisten Erwerbstätigen nach wie vor nicht mehr als 30 Tage Urlaub und können daher wohl kaum zweimal in den Sommerurlaub fahren. Und dass die Lufthansa schon bald wieder an die alten Zeiten anknüpft, glaubt selbst Airline-Chef Carsten Spohr nicht und dampft die Fliegerflotte stark ein.


Zweigleisige Strategie

Tatsächlich lautet die Frage nicht, Tech oder besser Zykliker, sondern welche Aktien aus beiden Sektoren aussichtsreich sind. Bei den Technologie-Werten heißt die Antwort: Big Tech – also Unternehmen, die schon seit Jahren profitabel arbeiten, die über große Cash-Reserven verfügen und im besten Fall auch noch die Preise bestimmen können. Ihnen dürften steigende Zinsen wohl kaum etwas anhaben. Vielmehr liefert hier die Korrektur günstige Einstiegsgelegenheiten. Tech-Unternehmen, die erst in ein paar Jahren profitabel werden, dürften dagegen unter steigenden Zinsen leiden.

Bei den Zyklikern kommt es darauf an, welchen von ihnen von ein Reopening wirklich zugutekommt. Die Banken können mit höheren Zinsen sicherlich besser leben als mit niedrigen. Und dem Ölpreis beziehungsweise den entsprechenden Förderern spielt die konjunkturelle Erholung in die Hände. Dasselbe gilt für den Bereich Basic Resources. Und die Autohersteller dürften sich in den kommenden Monaten über in der Corona-Krise verschobene Autokäufe freuen. Ob es bei den Reiseveranstaltern und Fluglinien umfangreich Nachholeffekte geben wird, darf dagegen bezweifelt werden.