Im Brennpunkt der medizinischen Innovation: Digitales Diabetes Management

In der Medizintechnik stehen bahnbrechende Innovationen vor der Marktzulassung. Das Zusammenspiel von Glukosesensoren, Insulinpumpen und Algorithmen wird die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessern. Das Marktpotenzial ist enorm. Anleger dürften von diesem Innovationsschub profitieren.

Vom Ziel, Diabetespatienten mit Hilfe einer künstlichen Bauchspeicheldrüse die Lebensqualität von gesunden Menschen zu geben, ist die medizinische Forschung noch etliche Jahre entfernt. Dank der jüngsten Fortschritte werden sich in den nächsten zwei Jahren die Behandlungsoptionen im Sinne eines besseren Managements der Krankheit im Alltag jedoch erheblich verbessern. Dass Innovationen zur Behandlung dieser globalen Volkskrankheit dringend vonnöten sind, untermauern die jüngsten Erhebungen der International Diabetes Federation. Demnach haben sich die Diabeteserkrankungen zwischen 2000 und 2017 auf 425 Millionen Patienten beinahe verdreifacht.


Quelle: International Diabetes Federation (IDF)

Somit ist einer von elf Menschen weltweit an Diabetes erkrankt. Vor allem die rapide Zunahme in Regionen wie Afrika und Südostasien wird dazu führen, dass sich diese Zahl bis 2045 auf rund 630 Millionen Patienten erhöhen wird. Die damit verbundenen Belastungen für die Gesundheitssysteme verdeutlicht eine andere Ziffer: 12% der globalen Gesundheitsausgaben von 2017 in Höhe von USD 730 Mrd. entfielen auf die Behandlung von Diabetes, d.h. hauptsächlich auf die Behandlung der Folgeerkrankungen.

 

Besseres Monitoring in Echtzeit

Am besten lassen sich gesundheitliche Verbesserungen für Diabetiker anhand der sogenannten «Time in Range» messen. Darunter versteht man aus medizinischer Sicht den Zeitraum über 24 Stunden, in dem sich der Blutzuckerspiegel eines Patienten in einer Bandbreite von 70 bis 180 Milligramm pro Deziliter Blut bewegt. Gesunde Menschen kommen hier auf einen Wert von 90%. Bei Diabetespatienten lassen sich inzwischen Spitzenwerte von 72% erzielen – den neuesten Hybrid Closed Loop-Systemen sei Dank. Ein Sensor direkt unter der Haut misst alle 5 Minuten die Gewebeglukose und sendet diesen Wert elektronisch an die Insulinpumpe. Die Informationen werden von einem Algorithmus verarbeitet. Eine drohende Unterzuckerung kann frühzeitig erkannt und die Insulinabgabe gedrosselt oder gestoppt werden. Im Fall einer Überzuckerung wird die Insulinabgabe erhöht.

Zum Vergleich: bei der klassischen Kombination von Glukosemessungen mittels Fingerpieks und Teststreifen in Verbindung mit mehreren Insulininjektionen täglich liegt die «Time in Range» bei 45%. Die seit einigen Jahren marktreife Kombination von Insulinpumpe und traditioneller Glukosemessung ermöglicht 55%. Der Basal-IQ, also ein einfacher Algorithmus, wie ihn das Unternehmen Tandem Diabetes entwickelt hat, schafft eine «Time in Range» von 65%.

 

Neue Produkte vor der Zulassung

Vier neue Produkte stehen hier in den nächsten zwei Jahren vor der Marktzulassung. Den Anfang machen könnte noch in diesem Jahr der von Tandem Diabetes entwickelte Tandem t:slim X2 mit IQ-Control Technologie. Die massgeblichen klinischen Daten hatte das Unternehmen im Juni auf der Fachkonferenz der American Diabetes Association (ADA) präsentiert. Das Advanced Hybrid Closed Loop-System von Medtronic hat sich zum Ziel gesetzt, eine «Time in Range» von über 80% zu erreichen, und soll – eine positive Entscheidung der FDA vorausgesetzt – bis Mitte 2020 auf den Markt kommen. Dieses System besteht aus der Insulinpumpe MiniMed 780G, dem Guardian Sensor 3 Glukosesensor und dem Sugar.IQ Algorithmus.

Noch einen Schritt weiter geht Medtronic mit dem Personalized Closed Loop-System, dessen Markteintritt im zweiten Quartal 2021 vorgesehen ist. Im Zusammenspiel mit der MiniMed 780G zum Einsatz kommen, sollen erstmals der Einwegsensor Synergy sowie das von der akquirierten Firma Nutrino entwickelte Analysesystem, das anhand der Daten für die zuvor erfolgte Nahrungsaufnahme den Insulinbedarf errechnet. Bereits im zweiten Halbjahr 2020 fällt die Entscheidung für die US-Zulassung der von Insulet entwickelten schlauchlosen Insulinpumpe Omnipod Horizon, die einen Algorithmus enthält. Diese Einwegpumpe wird direkt auf der Haut getragen und mit Glukosemesswerten vom Dexcom G6 Glukosesensor versorgt.

Ein wichtiger Bestandteil für ein funktionierendes Hybrid Closed Loop-System sind Sensoren für die Echtzeitmessung des Glukosespiegels. Hier hat Medtronic mit den bereits beschriebenen Produkten Zeus und Synergy zwei Hoffnungsträger am Laufen. Noch in diesem Jahr könnte das von Abbott entwickelte Flash-Glukose-Messsystem FreeStyle Libre 2 von der FDA zugelassen werden. Dieser Sensor gibt bei Unter- oder Überzuckerung per Bluetooth Warnsignale ab, kann dabei aber nicht die genauen Werte übermitteln. Der G7 von Dexcom, das Nachfolgeprodukt für das Pionierpropdukt G6, ist nicht nur deutlich kleiner und günstiger. Der fingerkuppengroße Sensor kann schätzungsweise bis zu 15 Tage und damit bis zu 5 Tage länger als sein Vorgänger getragen werden. Die Markteinführung ist für Ende 2020 geplant.

 

Neue Produkte senken Behandlungskosten

Die beiden Produkte adressieren einen Markt, dessen Marktvolumen nach unserer Einschätzung bis 2023 USD 10 Mrd. überschreiten kann. Die kontinuierlichen Glukosesensoren werden dabei im Zeitraum 2017 bis 2023 mit jährlichen Wachstumsraten von 23% auf USD 7 Mrd. die etwas größere Dynamik bei deutlich höheren Umsatzvolumina aufweisen. Abbott und Dexcom sollen dabei die größten Umsätze erzielen, gefolgt von Medtronic. Bei den Insulinpumpen und Hybrid Closed Loop-Systemen gehen wir davon aus, dass Insulet und Tandem Diabetes ab 2021 Marktanteile von Medtronic gewinnen werden.

In der Summe liegen die größten Hindernisse für das künstliche Pankreas auf der Medikamentenseite. Bei den verfügbaren Insulinen dauert es 30 bis 50 Minuten, bis die vollständige Wirkung einsetzt. Diese Zeitspanne ist nicht schnell genug, wenn etwa nach einer spontanen Mahlzeit der Blutzuckerspiegel schnell steigt. Auf Sicht der nächsten drei bis fünf Jahre sind hier keine marktreifen Lösungen in Sicht. Was die künftige Kostenerstattung angeht, wird die gesamte Behandlung von den Krankenversicherungen noch nicht für alle Versicherten bezahlt. Für den Sensor von Dexcom, der den Blutzuckerspiegel in Echtzeit überwacht, liegen die täglichen Kosten bei USD 8 bis 10. Dazu kommen noch die Kosten für die Insulinpumpe. Demgegenüber stehen die Behandlungskosten für Folgeerkrankungen von Diabetes wie Schlaganfall, Herz- und Niereninsuffizienz. Allein in Nordamerika und Mexiko werden die damit verbundenen Behandlungskosten auf USD 370 Mrd. jährlich geschätzt. Wir sehen es deshalb nur als eine Frage der Zeit, bis mit dem Markteintritt der neuen Produkte die Bereitschaft zur gänzlichen Kostenerstattung steigt.

 

Diabetesfirmen in unseren Fondsportfolios

Aus Anlegersicht bietet das Diabetes-Management ein lukratives Potenzial. Hohe Eintrittsbarrieren im Verbund mit signifikantem Potenzial für Kostensenkungen in der Diabetesbehandlung schaffen attraktive Investmentopportunitäten. Der BB Adamant Medtech & Services umfasst die drei Kernthemen Diabetes, robotergestützte Chirurgie und strukturelle Herzkrankheiten. Bei den Services liegt der Fokus auf US-Krankenversicherern. 80% des Portfolios besteht aus Large Caps, per Ende Juli 2019 waren 26% der Portfoliofirmen teils oder ganz in Diabetes tätig. Dabei handelt es sich um Medtronic, Abbott, Becton Dickinson, Dexcom, Insulet und Tandem Diabetes. Der BB Adamant Digital Health ist mit rund 10% des Portfolios im Bereich Diabetes unterwegs. Unser Anlagefokus liegt hier auf Small und Mid Caps, die 83% der Portfoliofirmen stellen. Im Einzelnen sind es Dexcom, Tandem, Insulet und der Diabetes-Dienstleister Livongo – Firmen also, die beim Umsatz mit einer hohen Wachstumsdynamik glänzen, aber noch nicht alle profitabel sind.