Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Im Porträt: Lingohr & Partner - überzeugte Value-Investoren

Die Asset Manager von Lingohr & Partner setzten auf wertorientierte, fundamentale Kapitalanlage, streng regelbasiert. Ihr Anlagestil ist Value. CIO Goran Vasiljevic nennt Lingohr eine Symphonie zwischen Mensch und Maschine. Zuletzt gab es einige Dissonanzen.

Wenn Goran Vasiljevic über Kennzahlen, Cash Flows und Bewertungen spricht, dann leuchten seine Augen. Der 38-Jährige ist überzeugter Value-Investor. Bei Lingohr & Partner ist er damit genau richtig. „Das ist ganz klar seit 25 Jahren unser Thema“, sagt der Chief Investment Officer (CIO). „Egal, wie gut oder schlecht Value läuft.“ Und zuletzt lief diese Renditequelle überhaupt nicht gut. Im Gegenteil. „Die vergangenen 18 Monate waren die schlimmsten, die wir jemals erlebt haben“, gibt Vasiljevic offen zu. „Studien haben sogar gezeigt, dass Value so schlecht gelaufen ist wie in den vergangenen 30 Jahren nicht.“

Das trifft einen reinen Value-Investor natürlich hart. Wenig überraschend haben institutionelle Investoren in den vergangenen Jahren viel Geld abgezogen. Im Jahr 2011, damals war Firmengründer Frank Lingohr noch an Bord, verwalteten die Experten mit Sitz in Erkrath nahe Düsseldorf noch zehn Milliarden Euro. Doch schon damals lief Value bereits seit ein paar Jahren nicht mehr gut und der Asset Manager verlor große Kunden und viele Assets under Management (AuM). Einige Jahre spät zog sich der Gründer aus dem operativen Geschäft zurück, Ende 2015 starb er überraschend. Die Erkrather verwalteten damals noch 4,3 Milliarden. In den vergangenen 18 Monaten verstärkte sich die Value-Flaute an den Märkten weiter. Heute sind es nur noch 2,8 Milliarden AuM.

Auch wenn man nicht mehr zu den ganz Großen gehört, der große Name ist geblieben. Die Lingohr & Partner Asset Management ist eine unabhängige Vermögensverwaltungsgesellschaft mit Fokus auf internationale Aktienmärkte. Anleihen, Rohstoffe oder andere Anlageklasse spielen keine Rolle. Seit 1993 bieten die Experten unterschiedliche Aktienprodukte für institutionelle und vermögende Privatkunden an, aktuell sind es jeweils zehn Publikums- und zehn Spezialfonds. Hinzu kommen Einzelmandate.

Die eigene Investmentphilosophie beschreiben Lingohr & Partner als wertorientierte, fundamentale Kapitalanlage - basiert auf den Ansätzen von Benjamin Graham und Phil Fischer. „Unser Ziel ist es, durch eine wertorientierte, risikoaverse Anlagepolitik langfristig einen stetigen Vermögenszuwachs sowie Outperformance gegenüber Benchmarks zu erzielen“, heißt es auf der Homepage. Zuletzt lief es mit der Performance allerdings nicht so gut, wie CIO Vasiljevic auch offen zugibt. „Wir waren 2007 der weltbeste Investor, haben eine Outperformance von zehn Prozent nach Kosten geliefert“, erinnert sich Vasiljevic. Die größten institutionellen Investoren der Welt waren die Kunden von Lingohr & Partner. „Seit 2011 läuft Value nicht mehr, allerdings hatten wir auch Schwächen im System.“ Vasiljevic ist seit 2011 bei Lingohr, übernahm 2015 die Leitung des Investment-Teams und überarbeitete die Strategie.

„Unsere Maxime ist es, unterbewertete Aktien zu finden“, sagt Vasiljevic. Die klassische Definition von Value Investing. „Ein über Jahrzehnte entwickelter, sorgfältig geprüfter und stetig weiterentwickelter Prozess erlaubt es uns, Einflüsse von Emotionen auszuschließen und uns ausschließlich auf die Bewertung der Unternehmen zu konzentrieren.“ Schließlich haben Emotionen bei der Geldanlage so ihre Tücken. Wer sich seinen Gefühlen leiten lässt macht unweigerlich Fehler. Oder um es mit dem legendären Graham zu sagen: „Der größte Feind des Anlegers schaut ihm jeden Morgen aus dem Spiegel entgegen.“ Die Lingohr-Experten schalten Emotionen durch einen regelgebundenen Investmentprozesses aus, denn sie „stur“ umsetzen. Vasiljevic bezeichnet Lingohr & Partner als „Symphonie zwischen Mensch und Maschine“. „Wir schalten die Schwächen, also die Emotionen des Menschen aus und nutzen die Stärken den Maschine“, sagt er.

Doch wie genau funktioniert das? In mehreren Schritten wird das Investmentuniversum zuerst von etwa 18.000 Aktien auf rund 500 Titel reduziert, von denen später etwa 250 Aktien für die Portfolios ausgewählt werden. Ausgewählt werden die Kaufs- und Verkaufskandidaten auf Grundlage einer konsequent angewandten, regelgebundenen Disziplin - genannt CHICCO. Das Modell läuft einmal pro Woche, ein oder zwei Werte schaut sich das Investment-Team, bestehend aus vier Portfoliomanagern und drei Analysten, dann näher an und handelt gegebenenfalls.

Zuletzt gab es aber leider einige Dissonanzen, die Symphonie zwischen Mensch und Maschine lief irgendwie unrund. „Unser Cash-flow basiertes Unternehmensbewertungensmodell  lief 18 Monate schlechter als andere Modelle“, sagt der CIO. Das aktuelle Marktumfeld ist eine Herausforderung für Value-Investoren. Die nicht enden wollenden Nullzinspolitik der Notenbanken mit der extremen Liquidität, die die Märkte seit zehn Jahren steigen lässt, befeuert Growth-Aktien. Value ist nicht gefragt. „Wir sind ganz klar in einer Blase, in einer sehr irrationalen Marktphase - eine Kombination aus Dotcom- und Nifty-Fifty-Blase“, sagt Vasiljevic. Für einen Quant-Anleger wie Lingohr & Partner ist das schwierig. „Das heißt aber nicht, dass es langfristig nicht funktioniert.“ Die Kunden hätte Lingohr & Partner zuletzt ziemlich enttäuscht und das fühle sich natürlich nicht gut an. „Wir, die Modelle, Portfolios und das Investment Team sind so gut aufgestellt, wie noch nie, aber unser Outcome hat noch nicht gestimmt“, sagt er.

Der Strategie und dem Anlageprozess bleiben Vasiljevic und sein Team aber treu. Aus Überzeugung. Und weil „die Verlierer von heute die Gewinner von morgen sind“. Das passt zu Value-Investoren, die schließlich kaufen, was sonst zu diesem Zeitpunkt niemand haben will. Momentan sind das übrigens Autobauer und ihre Zulieferer, aber auch europäische Banken, allerdings nicht die deutschen.