Impfstoff-Nachzügler: Diese Pharma- und Biotech-Aktien könn(t)en 2021 durchstarten
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14.07.2021

Impfstoff-Nachzügler: Diese Pharma- und Biotech-Aktien könn(t)en 2021 durchstarten

Nur wenige Pharma-Unternehmen reagierten nach dem Scheitern ihrer Covid-Impfstoffentwicklung mit einem so rigorosen Abbruch wie Merck. Sanofi, GSK oder CureVac setzen trotz Rückschlägen weiter auf die Erforschung eines eigenen Vakzins. Weltweit befinden sich viele Firmen noch immer im Wettrennen, um das eigene Präparat möglichst schnell auf den Markt zu bringen. Wer sind die Player und woher kommen sie?

Es scheint, als sei der Point of no Return in Tübingen erreicht: Trotz mangelnder Wirksamkeit in der ersten Zulassungsstudie treibt CureVac mit dem Kooperationspartner, dem britischen Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline, kurz GSK, die eigene Impfstoff-Entwicklung weiter voran. Zu groß die Investitionen, die bereits in Forschung und Entwicklung geflossen sind, und zu verlockend die Margen, die es in den nächsten Monaten und Jahren in der globalen Pandemie-Bekämpfung zu verdienen gibt. Denn wenn das Ziel einer globalen Herdenimmunität – was einer Impfquote von 80 Prozent entspricht – erreicht werden soll, werden laut Schätzungen zwischen zehn und zwölf Milliarden Dosen benötigt. Mögliche Impfauffrischungen und höhere Impfquoten nicht eingerechnet.


Welche Chancen bietet der weltweite Forschungsboom?                                                                          

Anfang Juli 2021 waren in der EU vier Impfstoffe der Hersteller BionTech/Pfizer, Moderna, AstraZeneca und Janssen (Johnson & Johnson) zugelassen. Allerdings konnten Anleger bisher nur bedingt von Wertsteigerungen an den Börsen profitieren, wie der Asset-Manager Schroders bereits in einer Analyse feststellte. Während die Aktien von AstraZeneca und Pfizer im Vergleich zu Januar 2020 seitwärts tendierten, verzeichneten Moderna und BionTech dreistellige Kurssprünge. „Einige der Unterschiede bei der Kursentwicklung der vier Unternehmen lassen sich jedoch zum Teil auf die Technologie zurückführen, die hinter den Impfstoffen steckt. BionTech und Moderna sind Biotech-Spezialisten. Der Erfolg ihrer Impfstoffe hat die Investitionen dieser Unternehmen in die neuartige mRNA-Technologie gerechtfertigt“, kommentierte Schroders die Entwicklung. Das Zukunftspotenzial der mRNA-Technologie führte demnach zu der steileren Wertentwicklung. Es zeigt aber auch: Ein zugelassener Impfstoff ist noch lange kein Garant für ein Kursfeuerwerk.

Sicher ist hingegen: Die globale Impfstoff-Pipeline ist gut gefüllt. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) arbeiteten im Mai 2021 weltweit 3.000 Forscher aus 134 Ländern an der Impfstoffentwicklung. 184 Projekte befinden sich in der präklinischen Phase, über 100 Impfstoffkandidaten werden derzeit im Rahmen von klinischen Studien erprobt. 25 davon sind Phase III-Studien, die als letzte große Hürde im Zulassungsprozess gelten und die relativ präzise Auskunft über Wirksamkeit und Verträglichkeit geben. Besonders große Forschungscluster, so die WHO-Daten, bestehen in Europa, USA und Asien. Zeit, einen Blick auf die weiteren potenziellen Impfstoffhersteller der Zukunft zu werfen.


Impfstoffentwicklung in Europa 

Denn neben den bereits zugelassenen Präparaten europäischen Vakzinen von AstraZeneca und BionTech/Pfizer stehen auch in der zweiten Reihe aussichtsreiche Kandidaten bereit. Sofern CureVac die Wirksamkeit seines ebenfalls mRNA-basierten Impfstoffs CVnCoV steigern kann, könnte das Tübinger Unternehmen mit Hilfe des Kooperationspartners GSK die Produktion schnell hochfahren. Beide Firmen erhalten finanzielle Förderung aus England und Deutschland, so wie weitreichende Unterstützung bei Produktion und Logistik von Partnern wie Wacker, Polymun, Novartis, Bayer und Celonic.

In Frankreich haben die Healthcare-Spezialisten Sanofi und Valneva ihre Vakzine in der Forschung. Bei Sanofi ist ebenfalls GSK als Partner an Bord. Nachdem der erste Anlauf scheiterte, befindet sich der Totimpfstoff mit Virusprotein seit Ende Mai 2021 in der Phase III-Studie. Neben Sanofi und CureVac hat der britische Pharmakonzern GSK seine Aktivitäten auch außerhalb Europas ausgebaut und eine Zusammenarbeit mit der kanadischen Firma Medicago (Totimpfstoff in Phase III) und der südkoreanischen SK BioScience vereinbar. 


Impfstoffentwicklung in den USA

Wie Europa, verfügen auch die USA über zugelassene Impfstoffe aus heimischer Forschung und Produktion (Moderna und Johnson & Johnson). Als nächster aussichtsreicher Kandidat wird Novavax gehandelt. In den USA zeigte der Protein-Impfstoff bereits eine hohe Wirksamkeit, die Zulassung wird dort für das dritte Quartal 2021erwartet. In Europa soll die Zulassung ebenfalls im dritten Quartal 2021 beantragt werden. Das besondere bei Novavax: Der Hersteller mit Sitz in Gaithersburg forscht zusätzlich an einer Impfstoff-Kombination, die sowohl gegen SARS-CoV-2 als auch der saisonalen Influenza wirken soll. Im bisherigen Jahresverlauf wies die Aktie starke Schwankungen auf, der Höchststand zu Jahresbeginn könnte nach erfolgreicher Zulassung wieder erreicht werden.

Nicht ganz so weit ist Inovio Pharmaceuticals. Die Forschung des DNA-basierten Impfstoffes wurde in den USA zunächst aufgrund schwacher Ergebnisse und fehlender Anschlussfinanzierung eingestellt, um nun außerhalb des Landes in Lateinamerika fortgesetzt zu werden. Der Hype um die Aktie ist entsprechend schnell abgeflaut.

Das Biotech-Unternehmen Vaxart geht bei der Verabreichung seines Vektorviren-Impfstoffes ganz neue Wege: Das Vakzin soll über eine Tablette verabreicht, die keiner Kühlung bedarf. Allerdings steht die Forschung hier noch am Anfang, nämlich in der Phase-I-Studie. Die einfache Darreichungsform ist eine grundlegende Innovation, einerseits aufgrund der einfachen Logistik, andererseits für Menschen mit Angst vor Spritzen. Weiteres Potenzial bieten die beiden Phase-I-Vektor-Impfstoffe von Gritstone Bio und ImmunityBio.


Impfstoffentwicklung in China

In einer Analyse der weltweiten Impfstoffe und ihrer Hersteller darf China natürlich nicht fehlen. Im Reich der Mitte wurden bisher die Vakzine der heimischen Produzenten Sinopharm, Sinovac Biotech und Cansino zugelassen. Während Sinopharm im Mai 2021 als erste chinesische Firma von der WHO eine Notfallzulassung erhielt und damit den Impfstoff an UN-Organisationen verkaufen kann, hat bislang weder ein chinesischer noch ein russischer oder indischer Hersteller eine EU-Zulassung erhalten. Das könnte sich aber bald ändern, da für den russischen Impfstoff Sputvik V und den chinesischen Sinovac die Prüfverfahren auf Zulassung bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) gestartet sind. An der Börse hingegen konnte allenfalls Cansino Biologics bisher überzeugen. In Sinopharm und Sinovac zeigten die Anleger bislang kein langfristiges Vertrauen. Vielsprechender könnte ein Engagement bei Walvax Biotechnology sein: Der mRNA-basierte Impfstoff befindet sich seit April 2021in Phase III. Parallel dazu zog auch der Aktienkurs wieder an.


Impfstoffentwicklung in Asien

Anlegern, die außerhalb Chinas Impfstoff-Nachzügler suchen, könnten in Japan fündig werden. Aus dem Gastgeber-Land der Olympischen Spiele, die im am 23. Juli 2021 beginnen, stammen zwei vielversprechende Vakzin-Kandidaten. Einer davon ist AnGes MG in Zusammenarbeit mit der Universität Osaka Uni. Der DNA-basierte Impfstoff ist in der Entwicklung allerdings noch nicht so weit wie der rekombinante Proteinimpfstoff von Shionogi. Mit dem japanischen Konzern Daiichi Sankyo, der im Frühjahr 2021 mit ersten klinischen Studien für einen mRNA-Impfstoff begann, und KM Biologics setzen weitere japanische Pharmaunternehmen auf die eigene Forschung und Entwicklung. Bis ein eigenes Präparat steht, werden die 125 Millionen Japaner weiterhin mit den Vakzinen von BionTech, Moderna und AstraZe­neca geimpft.

Fast in direkter Nachbarschaft zu Japan könnten sich Taiwan und Südkorea mit eigenen Produktionen der globalen Impfkampagne anschließen. United Biomedical und Medigen Vaccine Biologics aus Taiwan zeigten im Juni 2021 in der Phase II erste gute Daten zur Wirksamkeit, allerdings sind beide Unternehmen nicht an der Börse handelbar. Südkoreas Regierung gab zudem gerade bekannt, die Forschung und Entwicklung im eigenen Land stärker fördern zu wollen. Davon könnten auch Auftragsfertiger und Dienstleister wie EuBiologics oder SK Bioscience profitieren.

In Indien und 15 weiteren Ländern wird der Vektor-Impfstoff von Bharat Biotech bereits verimpft, allerdings gilt das Mittel aufgrund der vergleichsweisen geringen Wirksamkeit (ca. 78 Prozent) nicht als der große Hoffnungsträger. Die Bharat Biotech-Aktie hat seit Mitte 2020 dennoch stark zugelegt. Ähnlich sieht es bei Zydus Cadila Healthcare (Ahmedabad/Indien) aus. Deren DNA-basierter Impfstoff befindet sich seit Anfang 2021 in Phase III und zeigte in einer Zwischenauswertung 67 Prozent Wirksamkeit bei symptomatischen Covid-19-Infektionen. Seit Anfang 2020 hat sich der Aktienkurs mehr als verdoppelt.

Für Anleger gilt: Aktien von Impfstoffherstellern sind starken Schwankungen unterworfen – positive und negative Meldungen können die Kurse beeinflussen, zumindest kurzfristig. Vor dem Kauf sollten Investoren eine intensive Analyse hinsichtlich Forschungsvorsprung und zukünftiger Pipeline durchführen „Langfristig wird es bei den Aktien der Impfstoffhersteller darauf ankommen, wer die Technologie weiterführt, die aufgrund der Corona-Pandemie entwickelt wurde, um andere Krankheiten wie Krebs oder HIV zu heilen“, fasst Commerzbank-Analyst Daniel Wendorff zusammen. Forschende Hersteller, die ihre Grundlagenforschung für weiterführende Anwendungsbereiche wie der Krebstherapie oder Alzheimerbehandlung nutzen können, werden klar im Vorteil sein und auch an der Börse entsprechend beliebt werden.




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