Indexmonitor 2021: Nur Sicherheit brachte Verluste im Börsenjahr der Superlative
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04.01.2022

Indexmonitor 2021: Nur Sicherheit brachte Verluste im Börsenjahr der Superlative

Anfang Januar stürmt ein barbarischer Mob das Capitol in Washington. Ende Dezember stehen Tausende russische Panzer an der Grenze zur Ukraine. Dazwischen immer neue Virus-Wellen, global gestörte Lieferketten, rasant steigende Energie- und Lebensmittelpreise, drastische regulatorische Eingriffe und faule Immobilienkredite in China, der chaotische Brexit. Der Indexmonitor von CAPinside-Experte Christian W. Röhl fasst das Jahr zusammen.

Qualitäts-Aktien als unternehmerische Sachwerte

Übersprungshandlung? Spekulationsblase? Oder einfach nur gaga? Die über Internet-Foren konzertierte Meme Stock Mania rund um ausgebombte Titel wie GameStop und AMC roch durchaus nach Tulpenzwiebel-Hausse, genau wie der irgendwann nur noch mit Ironie zu ertragende Hype um leere Börsenmäntel („Mit SPACs fängt man Mäuse“). Aber ansonsten folgt der Aktien-Boom durchaus einer gewissen Logik: Die Firmengewinne sind (natürlich auch wegen des Basis-Effekts aus dem Corona-Jahr) kräftig gestiegen, die Aktienrückkäufe ebenfalls – und in einer Welt, in der Papiergeld ohne Rücksicht auf Verluste inflationiert wird, gehören Aktien in dieselbe Kategorie wie Immobilien oder Collectibles: Sachwerte, die sich eben nicht beliebig reproduzieren lassen und für die deshalb Knappheitspreise gezahlt werden.

Einzige Bedingung: Die Qualität muss stimmen – was bei den Schwergewichten des MSCI World außer Frage steht. Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon und der in „Meta Platforms“ umgetaufte Datenkrake Facebook haben mit eindrucksvollen Wachstumsraten und satten Cashflow-Margen auch 2021 wieder starke Argumente für steigende Aktienkurse geliefert. Nicht von ungefähr ist der Nasdaq 100 zum dritten Mal in Folge mehr als 30 % gestiegen. Dennoch wäre es zu kurz gesprungen, die Börsen-Story des Jahres 2021 nur auf das Quintett der Mega-Plattformen zu fokussieren. Das zeigt der Blick auf den S&P 500, dessen gleichgewichtete Variante mit knapp 30 % Plus sogar noch einen Schnaps besser abgeschnitten hat als das kapitalisierungsgewichtete Original, das zu fast einem Viertel aus den „Big 5“ besteht.




High Growth Stocks: Mit Cathy Wood im Fahrstuhl abwärts

Die (Geld-)Flut hat also alle (Aktien-)Boote gehoben – mit Ausnahme der Technologie-Nebenwerte. Zeitweise zu Kurs/Umsatz-Verhältnissen jenseits der 20 gehandelte, vielfach unprofitable Software- oder Cloud-Firmen à la Zoom, Docusign oder Chegg wurden brutal abverkauft. Der auf solche High Growth Stocks spezialisierte ARK Innovation ETF von Star-Investorin Cathy Wood hat deshalb seit seinem Rekordstand vom Februar mehr als 40 % verloren und liegt für das Gesamtjahr rund 25 % unter Wasser. Eigentlich ein schlechtes Zeichen, wenn nicht (mehr) alles bedingungslos hochgejubelt wird. Ältere Börsianer erinnern sich freilich an den Jahreswechsel 2000/01, als die im Dow Jones gebündelte „Old Economy“ noch nah am Allzeithoch notierte, während der Nasdaq 100 Index sich schon halbiert hatte.


Die Ruhe vor dem Sturm!?

Nein, keine Crash-Orakelei. Nur der demütige Hinweis, dass selbst nettorealer Vermögenserhalt ohne Aktien langfristig schwer wird, es kurz- und mittelfristig aber auch mal kräftig rumpeln kann. Und das wäre für viele Anleger eine neue Erfahrung, nachdem die Börsen zuletzt, in krassem Kontrast zum geopolitischen Umfeld, geradezu verdächtig ruhig geblieben sind. Eine Zahl bringt es auf den Punkt: 4,6 %. Weiter hat sich der vor allem bei ETF-Sparern beliebte MSCI World Index 2021 nie von seinem Allzeithoch entfernt. Mit anderen Worten: Wer vor einem Jahr eingestiegen ist, hat bislang nicht einmal ein Fünf-Prozent-Korrektürchen erlebt.

Insgesamt liegt der Unterwasser-Chart des MSCI World (Kursindex in Euro) seit dem 16. November 2020 kontinuierlich über der Marke von -5 %. Das sind per Ultimo 2021 satte 410 Tage. Ebenfalls ein Rekord, denn zuvor war der Welt-Index nur maximal 394 Tage ohne 5 %-igen Rücksetzer ausgekommen, vom 3. Januar 1972 bis zum 31. Januar 1973. Seinerzeit löste sich die Ruhe übrigens in einer Baisse auf, die in einer hochinflationären Phase begonnen und bis Anfang 1975 mehr als die Hälfte der globalen Aktienkapitalisierung vernichtet hat…

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„Ramsch“ läuft besser als Bundesanleihen

Aber bekanntlich wiederholt Geschichte sich nicht. Sie reimt sich nur manchmal und wie damals ist Inflation auch heute ein Thema. Wobei die Bond-Märkte sich weiterhin relativ entspannt präsentieren. Trotz der beschleunigten Teuerung sind die Renditen 10-jähriger US-Treasuries im zweiten Halbjahr nicht einmal an die im April kurzzeitig erreichten 1,75 % herangekommen, während sich bei 10-jährigen Bundesanleihen lediglich die Zahl hinter dem Minus verringert hat – die „Rendite“ liegt nun bei -0,2 % gegenüber -0,5 % zum Jahresanfang. Bereits diese marginale Veränderung hat indes ausgereicht, um dem eb.rexx Germany 10.5+ Index einen Jahresverlust von 4,5 % einzubrocken. Die viel beschworene Zinssensitivität langlaufender Rentenpapiere ist eben keine finanzmathematische Spielerei, sondern ein knallharter Risikofaktor für viele vermeintlich defensive ETF- und Fondsportfolios.


Während „sichere“ Staatspapiere 2021 verloren haben, konnten Anleihen mit schwächerer Bonität sogar zulegen. Der iBoxx Euro Liquid High Yield Index kommt auf immerhin 3,3 % Plus und könnte dabei auch von Umschichtungen aus dem Investment Grade-Segment profitiert haben. Denn für Corporates hoher Qualität gibt es kaum noch attraktive Risikoprämien, während die (Ausfall-)Risiken bei den High Yields tendenziell eher überschätzt werden. Gut möglich, dass diese Rotation noch eine Zeitlang weiterläuft. Gleichzeitig aber nicht vergessen: Positive reale Renditen lassen sich gerade mit „Ramsch-Anleihen“ nur erzielen, wenn die Konjunktur sich positiv entwickelt und die Inflation im Zaum bleibt.


Rohstoff-Investments als natürlicher Inflations-Hedge?

Der natürliche Hedge gegen Inflation sind derweil Rohstoff-Investments. Nur logisch also, dass der vom ehemaligen Soros-Kompagnon Jim Rogers initiierte RICI Rogers International Commodity Index mit einem Jahresgewinn von über 50 % jedes halbwegs arrivierte Aktien-Barometer alt aussehen lässt. Wer eine längerfristig ausgerichtete strategische Positionierung in dem mit 37 % Energieträgern, 26 % Industriemetallen sowie 37 % Agrarrohstoffen und Soft Commodities breit diversifizierten Index erwägt oder hält, sollte sich jedoch vergegenwärtigen: Für die Entwicklung relevant sind nicht die Spot-Preise der Rohstoffe, sondern ein Mechanismus regelmäßig gerollter Futures-Kontrakte – der je nach Situation der Preiskurven am Terminmarkt auch ziemlich gegen den Anleger laufen kann.

Auch der Blick in die Historie nährt Zweifel, ob man wirklich ein Rohstoff-Investment braucht oder das Exposure nicht lieber über entsprechende Aktien abbildet. Denn selbst nach der grandiosen Performance 2021 ist der RICI über die vergangenen zehn Jahre aus der Sicht des Euro-Investors bloß ein volatiles Nullsummenspiel. Und in den hochinflationären 1970er Jahren gab es den RICI zwar noch nicht, aber der seinerzeit gängige Rohstoff-Index des Commodity Research Bureau (CRB) hat damals immerhin eine reale (!) Rendite von durchschnittlich 2,3 % p.a. abgeworfen. Allerdings nur, wenn man Ende 1969 eingestiegen und Anfang 1980 ausgestiegen ist. Bei etwas weniger Timing-Glück – also fünf Jahre früher ein- und fünf Jahre später ausgestiegen – standen nach Inflation jährlich 2,6 % Verlust zu Buche.


Gold hat gute Argumente – fehlt nur die Performance

Also doch lieber Gold, aus Investorensicht ohnehin eher Währung als Rohstoff? Argumente für das gelbe Edelmetall gibt es ja viele – allein, sie verfangen derzeit (noch) nicht an den Märkten. Trotz niedrigster bzw. negativer Zinsen, steigender Inflationsraten und immenser physischer Nachfrage kommt die Feinunze nicht in Schwung: Dass für 2021 aus Euro-Sicht unter dem Strich immerhin 3,5 % Plus stehen, ist allein der Dollar-Aufwertung geschuldet. Aber vielleicht ist das geopolitische Umfeld ja noch immer nicht schlecht genug für Gold, was irgendwie auch wieder eine gute Nachricht wäre…


Die ehrliche Bitcoin-Einschätzung des IB-Gründers

Doch womöglich wurde Gold als Trutzburg gegen Inflation ja auch längst von Bitcoin abgelöst. So zumindest lautet das Narrativ der Krypto-Jünger, die nach einer Verdopplung in 2019 und einer Vervierfachung in 2020 nun eine Siebzig-Prozent-Rallye bejubeln durften – natürlich wieder unter erratischen Schwankungen, die wohl dazugehören, wenn (vielleicht) eine neue Asset-Klasse entsteht. Was die Zukunftsaussichten von Bitcoin und anderen Kryptowährungen angeht, hat es wohl zuletzt niemand ehrlicher auf den Punkt gebracht als Thomas Peterffy. Dem Milliardär und Gründer der Handelsplattform Interactive Brokers erscheint es durchaus opportun, ein paar Prozent des Vermögens in Krypto-Assets zu stecken – für den Fall, dass „das Fiat-Geld zur Hölle geht“. Aber ob Bitcoin wertlos wird oder auf eine Million steigt? „I have no idea.“


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