Indexmonitor Juni 2022 (Teil 1): Zeitenwende – die Rückkehr der Risikoprämien
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2022-07-06

Indexmonitor Juni 2022 (Teil 1): Zeitenwende – die Rückkehr der Risikoprämien

Zeitenwende – das Schlüsselwort der Rede, die Bundeskanzler Olaf Scholz wenige Tage nach dem russischen Überfall auf die Ukraine vor dem Deutschen Bundestag gehalten hat, ist gleichsam die Überschrift für das, was im 1. Halbjahr 2022 an den internationalen Finanzmärkten passiert ist: Als Reaktion auf die vielfältigen geopolitischen, wirtschaftlichen, fiskalischen und gesellschaftlichen Verwerfungen, die sich über die letzten Jahre zusammengebraut haben und nun binnen kürzester Zeit synchron eskaliert sind, verlangen Investoren plötzlich wieder Risikoprämien.


Deutschlands Geschäftsmodell erodiert

Und das heißt fallende Kurse, auch und gerade in Deutschland. Der DAX hat in den ersten sechs Monaten 19,5% verloren und liegt damit zur Halbzeit fast so stark unter Wasser wie im Krisenjahr 2008 (-20,4%). Noch heftiger abgerutscht ist der MDAX, wo per Ende Juni year-to-date ein Minus von 26,5% zu Buche steht – das schlechteste erste Halbjahr seit dem Index-Start 1988. Der Aktienmarkt spiegelt damit die Angst wider, dass das Globalisierungs-Geschäftsmodell keine Zukunft mehr hat. Über Jahrzehnte hat Deutschland sich bei der Energie auf Russland, beim Export auf China und bei der Sicherheit auf die USA verlassen. Doch eine Ecke dieses Wohlstands-Dreiecks ist bereits weggebrochen, die zweite zerbröselt zwischen restriktiven Lockdowns und aggressiver Rhetorik und über der dritten hängt als dunkle Wolke der Wiedereinzug von Donald Trump ins Weiße Haus…



Abschied von Reagans „Shining City upon a Hill“

Dass der Ex-Präsident nach allem, was der Untersuchungsausschuss zu den Ereignissen vom 6. Januar 2021 zu Tage gefördert hat, noch immer als Präsidentschaftskandidat für 2024 gehandelt wird, verstört genauso wie die Vorgänge um die Aufhebung des fast fünfzig Jahre alten Grundsatzurteils „Roe vs. Wade“ durch den Supreme Court. Sind die USA wirklich noch die Shining City upon a Hill, von der Ronald Reagan einst sprach, der Leuchtturm der freien Welt, gegen den man – um Warren Buffett zu zitieren – besser nicht wettet?

Im ersten Halbjahr hätte sich eine Wette gegen die Wall Street auf jeden Fall gelohnt. Der technologielastige Nasdaq 100 hat knapp 30% verloren und auch der S&P 500 ist im Juni in einen Bärenmarkt geschlittert, Der wichtigste Aktienindex der Welt notiert gut 20% unter seinem letzten, am ersten Börsentag des Jahres erreichten Allzeithoch. Gleichwohl sind deutsche Investoren mit hohem Exposure in US-Standardwerten deutlich entspannter als DAX-Aktionäre. Denn der Kursrutsch an der Börse wird gedämpft durch den immens starken Dollar: Der Greenback hat im Jahresverlauf 2022 bislang um 9% aufgewertet, wodurch das Minus des S&P 500 in Euro auf 13% schrumpft.


Warum ETF-Sparer den Bärenmarkt feiern

Von der Dollar-Stärke (die vielleicht eher eine Euro-Schwäche ist) profitiert natürlich auch der vor allem bei ETF-Sparern populäre MSCI World Index mit seinem knapp 70%-igen US-Anteil. Auf Euro-Basis hat das Welt-Aktien-Barometer im Jahresverlauf nur knapp 14% eingebüßt, über zwei Jahre stehen sogar ein 28% Plus zu Buche – und wer etwa im Juli 2020 einen monatlichen Sparplan auf den iShares Core MSCI World ETF begonnen hat, liegt 24 Einzahlungen später noch immer gut 4% vorne. Aber selbst wenn unter dem Sparplan ein Minus steht, sollte man sich davon nicht ablenken lassen. Vermögensaufbau ist eine Sache von Dekaden und hohe Kurse sind erst gegen Ende des Anlagehorizonts wichtig, wenn das Thema Entsparen allmählich konkret wird. Vorher dagegen ist jeder Bärenmarkt zwar vielleicht eine Herausforderung für die Psyche (wobei sich auch das mit der Zeit und der Erfahrung gibt), aber vor allem ein Turbo für die langfristige Performance, schließlich bekommt man für dasselbe Geld mehr Fonds- und damit Unternehmensanteile.


Historische Wende am Rentenmarkt

Herausforderungen für die Psyche erleben auch Anleihe-Investoren. Und während die Rückgänge der Aktienindices verglichen mit den Bärenmärkten von 2000-03 oder 2007-09 noch moderat aussehen, nimmt die Baisse an den Rentenmärkten wahrlich historische Ausmaße an. Beispiel REXP: Der mit Bundesanleihen sämtlicher Laufzeitklassen bestückte Index hatte seit seinem Start 1988 nie mehr als 6% unter seinem vorangegangenen Allzeithoch gelegen – per Ende Juni war der Drawdown mehr als doppelt so hoch, nachdem beispielsweise die 10-jährigen Renditen im Jahresverlauf von knapp unter null auf zweitweise 1,75% gestiegen waren. Dasselbe Bild (nur auf einem höheren absoluten Zinsniveau) sehen wir auf der anderen Seite des Atlantiks, wo der Deutsche Bank-Stratege Jim Reid berechnet hat, dass US-Treasuries gerade ihr schlechtestes erstes Halbjahr seit 1788 (!) durchlitten haben.

Allerdings sind die langfristigen Zinsen seit Mitte Juni schon wieder ein gutes Stück gefallen; gleichzeitig verflacht die Zinsstruktur. In den USA beläuft sich die Differenz zwischen 10- und 2-jährigen Renditen per Ultimo Juni nur noch auf ein paar Basispunkte. Wenn der Trend sich fortsetzt, werden die kurzfristigen Zinsen bald höher sein als die langfristigen – und eine solche „inverse Zinsstruktur“ war in der Vergangenheit ein recht robustes Signal für eine bevorstehende Rezession. Gut möglich, dass die US-Notenbank genau auf eine solche wirtschaftliche Abkühlung zielt, um die primär aus einer konjunkturellen Überhitzung resultierende Inflation einzufangen…


Signalisiert „Mister Copper“ eine Rezession?

Dass die Weltwirtschaft insgesamt auf eine Rezession zusteuert, zeigen auch die Rohstoffpreise. Zwar sind Rohstoffe gemessen am RICI Rogers International Commodity Index die einzige Asset-Klasse, die im 1. Halbjahr 2022 auch ohne Währungseffekte signifikant zulegen konnte. Aber Kupfer, traditionell ein recht probater Konjunkturindikator, notiert derzeit rund 10% niedriger als vor einem Jahr. Dazu wäre es ja nicht das erste Mal, dass auf teure Rohstoffpreise ein Einbruch der Wirtschaftsleistung folgt. Siehe 2008: Während die Aktienmärkte damals unter dem Eindruck der Subprime-Krise schon kräftig unter Wasser lagen, waren Energieträger und Industriemetalle noch auf Rekordjagd – die dann im 2. Halbjahr durch den wirtschaftlichen Schockfrost infolge der Lehman-Pleite in einen rasanten Absturz umschlug.


Die 1970er Jahre als Blaupause – und Hoffnungsimpuls?

Natürlich wiederholt Geschichte sich nicht und wie sie sich reimt, hängt vom Umfeld ab – das sich heute im Angesicht des Kriegs in der Ukraine, der anhaltenden Lieferketten-Disruption sowie der dramatischen Inflation ganz anders darstellt als damals. Vielleicht muss man eher die Parallele zu den Ölkrisen der 1970er Jahre ziehen, vor allem auf der Zeitachse. Denn während die Finanzkrise 2008/09, die Euro-Krise 2011 und die Corona-Krise 2020 durch massive Geldflutung im Sinne der legendären „Kir Royal“-Szene mit Mario Adorf als Generaldirektor Haffenloher („Ich schei.. dich zu mit meinem Geld“) relativ bald erledigt waren, könnte es dieses Mal länger dauern. So wie 1973 bis 1981, als der S&P 500 nominal nur seitwärts gelaufen ist und real wegen der zeitweise sogar zweistelligen Inflationsraten mehr als 50% seines Wertes verloren hat.

Keine sonderlich erbauliche Perspektive. Aber als rationale Investoren müssen wir auch ein solches Szenario in unsere Überlegungen und Dispositionen einfließen lassen. Gleichzeitig gibt der Blick zurück in die Zeit, als der Autor dieser Zeilen geboren wurde, auch ein bisschen Anlass zur Hoffnung. Denn erstens waren die krisenbeladenen 1970er Jahre der Prolog zum Boom der 1980er und 1990er Jahre – und wer als Investor die mageren Zeiten durchgehalten hat, wurde später reich belohnt. Zweitens gab es auch in den 1970er Jahren schon Firmen, bei denen die jährlichen Dividendensteigerungen höher waren als die Inflation – etwa Coca-Cola, Johnson & Johnson oder 3M, die ihre Ausschüttung seit über 50 Jahren kontinuierlich anheben. Und drittens besteht die Welt ja nicht nur aus Europa und den USA – und während es für Aktieninvestoren in den 1970er Jahren auf den beiden Seiten des Atlantiks wenig zu holen gab außer Dividenden, hat der japanische Nikkei von Anfang 1973 bis Ende 1981 mehr als 50% zugelegt.


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