Indexmonitor Juni 2022 (Teil 2)
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2022-07-07

Indexmonitor Juni 2022 (Teil 2)

Nachdem in der Everything Bubble der letzten Jahre nahezu alle Asset-Klassen zugelegt hatten, ging es im 1. Halbjahr 2022 fast überall synchron nach unten. Wer nicht gerade Rohstoffe, Gold oder Aktien aus lange Zeit verschmähten „Anti-ESG-Branchen“ wie Rüstung, Tabak oder Energie im Depot hatte, liegt per Ultimo Juni zweistellig hinten. Ein unmissverständlicher Hinweis, dass der klassische Aktien/Renten-Mix nicht mehr ausreicht und Diversifikation insgesamt breiter gedacht und gemacht werden muss.


Großbritannien, Australien und Kanada entziehen sich der Baisse

Zum Beispiel auf der Länder-Ebene. Denn während die Börsen der von Energiepreis-Inflation und kriegsbedingten Unsicherheiten im Hinblick auf die Gasversorgung besonders gebeutelten Euro-Länder zwischen 15% und 20% verloren haben, sieht es anderswo deutlich besser aus. Der britische FTSE 100 beispielsweise steckt dank des hohen Gewichts dividendenstarker Energie- und Basiskonsum-Aktien nur marginal in den roten Zahlen. Ähnlich sieht es im schon wegen seiner Insellage ziemlich autarken und überdies rohstoffreichen Australien aus – und auch in Kanada sind Euro-Anleger mit nicht einmal 4% Minus glimpflich davongekommen, nachdem der Can-Dollar im Jahresverlauf um fast 7% aufgewertet hat.



Der Yen verliert stärker als die Aktien

Japan hat sich ebenfalls gut behauptet. Der viel beachtete, methodisch indes reichlich anachronistische Nikkei 225 notiert year-to-date rund 12% im Minus; der konzeptionell den üblichen Standards entsprechende MSCI Japan hat sogar nur 6% verloren. Aus der Perspektive ausländischer Investoren bleibt dennoch ein schaler Beigeschmack. Weil die japanische Notenbank weiterhin alles tut, um die Marktrenditen niedrig zu halten, ist der Yen gegenüber allen großen Währungen abgestürzt. Zum US-Dollar summiert sich der bisherige Jahresverlust auf rund 15%, im Verhältnis zum Euro beläuft sich das Minus auf 7% und das muss noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. Immerhin ist das ein Risiko, gegen das Anleger sich schützen können: Auf alle wichtigen Japan-Barometer sind währungsgesicherte ETFs verfügbar, wobei der Hedge aufgrund des Zinsgefälles anders als im Dollar-Raum keine abschreckend hohen Kosten hat.


Trendwende in China?

Bemerkenswert ist auch die Performance chinesischer Aktien, gerade angesichts der rigirosen Zero-Covid-Politik. Die Nachrichten über immer neue Lockdowns in Wirtschaftszentren wie Shanghai und Shenzen hatten den S&P China 500 bis Mai über 20% ins Minus gedrückt. Dann jedoch setzte sich an den Märkten die Erwartung durch, dass Präsident Xi und seine KP im Vorfeld des im November stattfindenden 20. Parteitags den Fokus verstärkt auf das wirtschaftliche Wachstum richten werden – so dass die Kurse gegenüber den Tiefs schon wieder mehr als 20% zugelegt haben. Diese kräftige Erholung ändert freilich nichts an den auch an dieser Stelle schon öfter beschriebenen strukturellen, regulatorischen und geopolitischen Risiken von China-Investments, die durch die aggressive Rhetorik in Richtung Taiwan in den letzten Wochen noch zugenommen haben.

Dass der MSCI Taiwan in den ersten sechs Monaten 2022 auf Euro-Basis knapp 20% nachgegeben hat, ist indes nicht nur den anhaltenden Provokationen aus Peking geschuldet. Ein weiterer Belastungsfaktor ist das schlechte Sentiment für Halbleiter-Aktien – und allein Weltmarktführer TSMC repräsentiert knapp ein Drittel vom Index. Ähnlich die Situation in Südkorea, wo der ähnlich dominante Samsung-Konzern den Index kräftig heruntergezogen hat.


MSCI-Sektoren mit größter Performance-Diskrepanz seit 1999

Auch bei den global MSCI Sektoren gibt es mächtig Diversifikationspotential. Das zeigt schon die Performance-Differenz zwischen dem besten und dem schlechtesten Branchen-Barometer im 1. Halbjahr: Energie +34,6% vs. Zyklischer Konsum -26% macht rund 60 Prozentpunkte Unterschied. So groß war der Top/Flop-Spread zuletzt im 2. Halbjahr 1999, damals übrigens zwischen den hochgejubelten IT- und den verschmähten Energie-Aktien.

Zuletzt kamen allerdings auch die Öl- und Gaskonzerne an der Börse unter Druck. Im Juni war der MSCI Energy gemeinsam mit dem MSCI Basic Materials der schwächste MSCI Sektor – ein Indiz dafür, dass immer mehr Marktteilnehmer von einer Rezession ausgehen, die zumindest temporär auf den Gewinnperspektiven der Rohstoff-Firmen lasten würde. Zu diesem Szenario passen überdies die Top-Branchen sowohl der ersten Jahreshälfte als auch des Monats-Juni: Basis-Konsumgüter, Gesundheit und Versorger notieren 2022 zumindest in Euro nahe der Nulllinie und haben damit ihre auch an dieser Stelle oft hervorgehobenen Defensivqualitäten eindrucksvoll unter Beweis gestellt.


Minium Volatility bewährt sich, Momentum neu gemischt

Dasselbe gilt für den MSCI World Minimum Volatility Index. Die Faktor-Strategie, die im Rahmen einer komplexen (und deshalb wenig transparenten) Simulation alle sechs Monate innerhalb bestimmter Gewichtungs-Restriktionen das Aktien-Portfolio mit der geringsten historischen Volatilität ermittelt, hat mit einem Euro-Minus von 4,4% deutlich besser abgeschnitten als der MSCI World (-13,5%) – und das, obwohl Energie-Aktien nicht einmal ein Prozent Gewicht haben, während die zuletzt eher wenig wohl gelittene IT-Branche auf einen Anteil von 16% kommt. Aber der Minimum Volatility-Faktor macht sich eben genau das zu Nutze, was Nobelpreisträger Markowitz uns gelehrt hat: Die selektive Beimischung von für sich genommen „riskanten“ Investments kann unter Umständen das Portfolio-Risiko insgesamt sogar senken.

Etwas stärker verloren als der MSCI World hat dagegen die globale Momentum-Strategie. Grund ist die systemimmanent verzögerte Reaktion auf Trendwechsel. Der Index wird nämlich nur zweimal (Ende Mai und Ende November) basierend auf den Kursentwicklungen der letzten zwölf Monate neu zusammengesetzt – und war demzufolge fast das ganze bisherige Jahr noch mit einem Drittel in IT-Aktien engagiert. Bei der jüngsten Reallokation wurde dann jedoch kräftig durchgemischt: Die IT-Branche kommt nur noch auf weniger als 10%, dafür entfallen rund 60% auf die derzeit im Trend liegenden Sektoren Gesundheit, Energie und Basis-Konsum.


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