Indexmonitor November 2021: Mehr Angst vor Omikron als vor Inflation
3 Min.
02.12.2021

Indexmonitor November 2021: Mehr Angst vor Omikron als vor Inflation

Im November schalteten die Börsen weltweit vom Jahresendrally- in den Risk Off-Modus. Die frisch erklommenen Höchststände sind vorerst Geschichte. CAPinside-Experte Christian W. Röhl analysiert die Auswirkungen der Omikron-Variante auf die Märkte und zeigt, welche Assets, Branchen und Indizes besonders betroffen waren.

Nach der Statistik ist das vierte Quartal ja für Aktien die beste Zeit des Jahres. Und bis weit in den November hinein waren die wichtigsten Indices dem saisonalen Muster auch brav gefolgt. Ein starker Oktober und neue Allzeithochs nach Halloween – da stellte man sich an der Wall Street schon die Frage, ob die viel beschworene „Santa Claus Rally“ dem S&P 500 vielleicht sogar Schwung bis zur 5.000 Punkte-Marke verleihen würde.


Vom Jahresendrally- in den Risk Off-Modus

Doch dann kam alles anders. Nachdem im Süden Afrikas eine neue Virus-Variante namens Omikron entdeckt wurde, schalteten die Investoren abrupt in den „Risk Off“-Modus und der S&P 500 sackte per Ultimo plötzlich vier Prozent unter seinen erst acht Tage alten Rekord ab. In Deutschland, zuletzt in absoluten Zahlen das Land mit den meisten Neuinfektionen pro Tag, war die Reaktion noch etwas heftiger. Per saldo liegt der Dax für den November zwar nur 3,8 Prozent im Minus; gegenüber seinem am 18. November erklommenen Rekordhoch beläuft sich der Rücksetzer aber immerhin auf mehr als sieben Prozent.

Ob Omikron die Jahresendrally nur unterbrochen oder beendet hat, lässt sich derzeit ebenso wenig beurteilen wie die Mutante selbst. Unabhängig davon bleibt jedoch festzuhalten: In der Breite ist die bisherige Reaktion der Märkte weder eine Korrektur noch ein Ausverkauf, sondern eher ein Durchatmen. Abseits aller epidemiologischen Implikationen, deren Einschätzung wir dringend den Fachleuten überlassen sollten, hat Omikron damit auf die Finanzmärkte wie ein Katalysator gewirkt – der das beschleunigt, was früher oder später sowieso passiert wäre.


Virus-Variante als Katalysator in einem überhitzten Markt

Ein bisschen Abkühlung tut auf jeden Fall gut, wobei unter dem Radar der Indizes ja schon länger eine gewisse Konsolidierung stattfindet. Das gilt insbesondere für den Nasdaq 100 Index, mit seinem Technologie-Fokus natürlich ein Profiteur der neuerlichen Corona- und Stay-at-Home-Ängste. Der Umstand, dass der Index im November auf Dollar-Basis zwei Prozent zugelegt hat, überdeckt jedoch eine gewisse Unwucht: Während die zehn höchstgewichteten Unternehmen, die zusammen rund 57 Prozent des Index repräsentieren, Ende November im Mittel nicht einmal sieben Prozent von ihren Top-Kursen entfernt sind, liegen die 50 kleinsten Titel (mit einem kumulierten Gewicht von 12 Prozent) durchschnittlich 21 Prozent (!) unter Wasser – und erfüllen damit die landläufige Definition eines Bärenmarkts. Die grandiose Performance des Tech-Barometers wird also nahezu ausschließlich von den Schwergewichten getrieben, was sowohl an den Zuflüssen aus ETFs als auch an der Resilienz liegen kann, die man Cash-Maschinen wie Apple, Microsoft oder Alphabet attestiert.


Steigende Inflation, sinkende Anleihe-Renditen

Unabhängig von den Hintergründen war ein solches Ungleichgewicht historisch oft ein Indikator für eine späte Bullenmarkt-Phase. Es muss ja nicht gleich ein Crash sein, aber Investoren sollten sich darauf einstellen, dass es an den Aktienbörsen künftig etwas ungemütlicher werden könnte. Dafür sorgen auch die jüngsten Inflationszahlen – gerade jenseits des Atlantiks, wo Fed-Chef Jerome Powell zuletzt etwas von seinem zuvor gebetsmühlenartig wiederholten Narrativ abgerückt ist, wonach die derzeitige Teuerung nur „transitory“ (vorübergehend) sei. Falls die Notenbank ihre Anleihekäufe beschleunigt herunterfahren oder sich sogar zu einer Zinserhöhung durchringen sollte, könnte das vor allem die jüngeren Wachstumswerte empfindlich treffen. Denn deren Bewertung basiert ja auf Gewinnen, die erst in einigen Jahren anfallen – und die bei höheren Zinsen entsprechend stärker diskontiert werden müssen.

Doch so weit ist es noch lange nicht. Ganz im Gegenteil. Die Furcht vor Omikron ist größer als die Inflationsangst und hat die Anleihe-Renditen sowohl in den USA als auch hierzulande auf Talfahrt geschickt. Entsprechend deutlich sind die Kursgewinne bei Bundesanleihen: Die besonders zinssensitiven Langläufer kommen im November auf 3,6 Prozent Plus und selbst die nahezu risikolosen Kurzläufer legen 0,3 Prozent zu – so stark wie seit Januar 2018 nicht mehr.

In Zeiten von fünf Prozent Inflation eigentlich eine aberwitzige Reaktion. Aber auch in anderen liquiden Asset-Klassen war Inflation zuletzt kein Thema, das die Preise bewegt hätte. Beispiel Rohstoffe: Der RICI Rogers Commodity Index, der Energieträger (40%), Metalle (25%) und Agrarprodukte bündelt, liegt über zwölf Monate auf Euro-Basis zwar knapp 50 Prozent im Plus, musste aber im November den stärksten Rückgang seit dem Corona-Crash im März 2020 hinnehmen. Gold kommt derweil weiterhin nicht vom Fleck und Bitcoin konsolidiert auf relativ hohem Niveau – die fünf Prozent Minus, die bei der Kryptowährung unter dem Strich stehen, sind oftmals eine Tagesschwankung.



Euro-Schwäche poliert die Aktien-Bilanz

Auch bei den Länder-Indizes überwiegen die Minuszeichen. Nur in den USA, der Schweiz und Japan konnten die Aktienmärkte ein knappes Plus ins November-Ziel retten, das aber allein der Euro-Schwäche geschuldet ist: Zum Dollar hat die Gemeinschaftswährung auf Monatsbasis zwei Prozent verloren, zum Franken 1,5 Prozent und zum Yen 2,4 Prozent. Für deutsche Investoren, die vom Vermögen leben – also Aktien/Fondsanteile entsparen oder zumindest die Ausschüttungen konsumieren –, bedeutet diese Wechselkursentwicklung einen gewissen „Windfall Profit“. Wer hingegen jetzt in US-Aktien einsteigt oder den US-lastigen MSCI World Index bespart, bezahlt die bei vielen Schwergewichten unstrittige Qualität noch teurer.



Alle Infografiken zum Download:


SERIES_SLIDER

Um diese Funktion nutzen zu können, müssen Sie sich einen kostenlosen Account anlegen.