Indien will China einholen: andere Strategie, gleiche Gefahren
4 min
2021-10-11

Indien will China einholen: andere Strategie, gleiche Gefahren

Seit Jahren gilt Indien neben China als eine der aufstrebenden Volkswirtschaft der Welt. Durch die Evergrande-Probleme im Reich der Mitte könnte das Land nun Boden gut machen: Demokratie statt Sozialismus, Technologie statt Konsum. Für Investoren ergeben sich Chancen – aber auch Risiken.

Im Wirken und Leben des Autors dieser Zeilen ist Indien nur selten ein Thema. Die Berührungspunkte zum nach Einwohnern zweitgrößten Land der Erde lassen sich vielmehr an einer Hand abzählen – und sie bestehen ehrlicherweise aus ziemlich oberflächlichen Anekdoten oder sogar klassischen Klischees. Asiatische Currys beispielsweise, vage Urlaubspläne, Gewürzpasten und das großartige und doch schon tausendmal rezitierte Leinwandmärchen „Slumdog Millionär“ zählen zu den wenig ruhmreichen Verbindungen. Das vielleicht einzig ansatzweise Interessante sind die regelmäßigen Gespräche mit einem privaten Investoren aus dem näheren familiären Umfeld, der sich über Umwege vor einigen Jahren den Fonds DWS India ins Portfolio legte.

Für ihn war das Investment in diesen Fonds bisher immer ein Highlight – die durchschnittliche Rendite liegt seit Auflage deutlich über der Marke von zehn Prozent, in den vergangenen drei Jahren sogar bei rund 20 Prozent. Das ist im Vergleich zu anderen Fonds, die im Portfolio des Bekannten liegen, eine durchaus gute Rendite. Dass der DWS India sich artig an den MSCI India anschmiegt, soll hier nicht unerwähnt bleiben – die gute Rendite rührt also weniger von der Strategie als mehr von der guten Entwicklung des indischen Aktienmarktes her.


Hohe Erwartungen, wenige Überraschungen

Doch ist sie wirklich so gut, wie der emsige Investor aus dem familiären Umfeld anhand seiner Depotentwicklung vermutet? Die Analysten von Hauck & Aufhäuser zeichnen ein defensives bis nüchternes Bild, wenn es um Indien geht: „Indien wiederum hat zwar in den letzten Jahren deutlich enttäuscht, entwickelt sich aber im Großen und Ganzen so wie Anfang dieses Jahrhunderts erwartet.“ Wie die Prognosen damals aussahen, verrät ein Blick in die ökonomischen Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IMF) aus dem Oktober 2000. Der IMF veranschlagte ein Wachstum von über sechs Prozent pro Jahr, wies aber schon damals auf die Unwägbarkeiten in dem riesigen Land hin: „Nichtsdestotrotz müssen erhebliche politische Herausforderungen bewältigt werden, um mittelfristig ein hohes Wachstum aufrechtzuerhalten und die Armutsbekämpfung zu erleichtern.“


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Indien-Fonds entecken


Der Kampf gegen die Korruption sowie die hohe Arbeitslosigkeit dauert noch immer an und auch die Infrastruktur ist an vielen Stellen nach wie vor nicht konkurrenzfähig. Trotzdem verzeichnete das Land bei der in 1991 begonnenen Liberalisierung der Wirtschaft laufend Erfolge. Eine (erst im Nachhinein) einigermaßen erfolgreiche Währungsreform, Vereinfachungen und Anpassungen im Steuerwesen sowie eine sich schrittweise öffnende Wirtschaft mit niedrigeren Zöllen und Handelsabkommen haben die Prognosen, die der IMF 2000 hatte, in der Tat erfüllt. Und noch ein vom IMF genanntes Argument erwies sich als stichhaltig: Indiens konsequenter Fokus auf Hochtechnologie.

Die für Entwicklungsländer ungewöhnliche Strategie, die wie China normalerweise erst den inländischen Konsumsektor stärken, ging bisher gut auf. Der 2000 noch als Informationstechnologie bezeichnete Internet- und Tech-Sektor floriert. „Rund 20 Prozent der indischen Börsengänge kommen aus der Tech-Branche. Bis 2025 könnte deren Wert bei bis zu 600 Milliarden US-Dollar liegen“, erklärt etwa Michael Gollits, Vorstand von der Heydt & Co. AG. „Das Segment könnte seinen Anteil am indischen Aktienmarkt von fünf auf 20 Prozent steigern. Indien hat weltweit den dritthöchsten Anteil an Unicorns, also Start-ups, die bei einem Börsengang mindestens eine Milliarde US- Dollar erlösen könnten.“


Der indische Weg zur China-Konkurrenz?

Der Kombination aus einer weiter reformwilligen Wirtschaft und reformbereiten Politik mit dem Fokus auf die so wachstumsstarken Technologien dürfte Indien langfristig Auftrieb verleihen. Und genauso wie Indien in Sachen Einwohner an China vorbeiziehen könnte, könnte auch die indische Wirtschaftskraft mit der von China konkurrieren, erklärt Gollits: „Mag China ein Erfolg auf makroökonomischer Ebene sein, so ist es Indien auf mikroökonomischer. Denn während China seine ehemaligen Internet-Einhörner einer regulatorischen Diät unterzieht, oder wie im Bildungssektor gar verbietet, steht Indiens Internetsektor dort, wo China vor fünf Jahren stand.“

Auch das asiatische Aktienteam vom Asset-Manager Nikko sieht in Indien Chancen und die Möglichkeit, Boden auf China gut zu machen. Zumal China durch Evergrande und Regulierungen zu einer heiklen Portfoliowette für Anleger geworden ist. So seien die Impfraten in Indien gegen Corona zwar gering, dafür aber der Anteil der Genesenen hoch. Damit könnte der ökonomischen Aufholjagd zumindest das Virus nicht mehr groß im Weg stehen, Infrastrukturnachteile wurden etwa mit einer breiten und günstigen Einführung des 5G-Netzes ausgeglichen. „Der Internetzugang ist damit für eine junge, technikaffine Bevölkerung zum Massenphänomen geworden. Darüber hinaus ist die Digitalisierung der Unternehmen in den vergangenen Jahren rapide vorangekommen, angetrieben von einer lebhaften Start-up-Szene und frei fließenden Finanzmitteln“, fassen die Analysten zusammen.


Grüneres Image für graue Energie

Weitere interessante Zukunftsfelder bieten sich in Indien in der Energiewirtschaft. Noch gilt das Land als von Kohlekraftwerken abhängig, fast die Hälfte der Energie stammt aus diesem als extrem schädlich verpönten Sektor. Ein weiteres Viertel wird aus Erdöl gewonnen, ein großer Rest aus erneuerbaren Energien – die Premierminister Narendra Modi gerne ausbauen möchte. „Indien will seinen CO2-Fußabdruck bis 2030 um etwa 35 Prozent gegenüber dem Stand von 2005 reduzieren. Die indische Regierung hat sich außerdem zum Ziel gesetzt, bis 2050 ihre Kapazität an erneuerbaren Energien zu verfünffachen“, merken Steven Williams, Head Portfolio Manager, und Thomas Archer, Product Specialist bei Nikko, in einem Kommentar an. Erste Fortschritte sind bereits zu erkennen. Schon jetzt gilt das Land als einer der günstigsten Produzenten für Solarenergie, erklärt Gollits: „Premier Modi hat bereits als Minister der Region Gujarat seine Schlagrichtung vorgegeben, indem er dort die bis dahin größten Solarkapazitäten Indiens aufbaute. Mittlerweile könnte das Land unter optimalen Bedingungen 25 Prozent des Strombedarfs aus Solaranlagen decken.“ Zusätzlich werden seit geraumer Zeit Green Bonds als willkommenes Werkzeug für die indische Nachhaltigkeitsauffrischung gehandelt – und könnten als Beimischung genauso wie indische Aktien taugen.

Im reinen Aktienfonds DWS India dagegen finden sich zwar keine Green Bonds, mit Reliance Industries ist aber eine Aktie aus dem Energiesektor die Top-Position des Fondsmanagements – genauso wie im MSCI India, der mittels ETFs eine deutlich günstigere Alternative zum DWS-Produkt ist. Indien-Investments durch Fonds sind durch eine breite Auswahl wenig kompliziert. Die zuletzt erfolgreichsten aktiven Strategien waren dagegen der Nordea 1 Indian Equity Fund oder der Ashoka India Opportunities Fund, bei denen die Sektoren Informationstechnologie und Finanzdienstleistungen besonders hoch gewichtet sind. Letzterer könnte aber auch zur indischen Achillesferse werden – in der Vergangenheit mehrten sich die Warnungen, das faule Kredite im Umlauf sind, und die Verschuldungen eine Bankenkrise auslösen könnten. So sehr sich Indien auf der einen Seite also als Konkurrenz zu China positioniert, so sehr sind die Probleme im Finanz- und Immobiliensektor auch miteinander vergleichbar. Das sollten Investoren beachten – nicht umsonst entschied sich der Bekannte aus dem familiären Umfeld dieses Autors auch zu Gewinnmitnahmen.


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Indien-Fonds entecken


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