Inflation oder Deflation: falscher Alarm und falsch aufgestelltes Portfolio?
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2021-09-27

Inflation oder Deflation: falscher Alarm und falsch aufgestelltes Portfolio?

Die US-Inflationsdaten für August fielen niedriger aus als erwartet. War der Preisanstieg also doch nur eine vorübergehende Nebenwirkung der Pandemie? Kehren vielleicht sogar deflationäre Tendenzen zurück? Entscheidende Fragen für die richtige Investmentstrategie!

„Das Tempo der Inflation geht zurück, die Lage aber bleibt gefährlich“, titelte das Handelsblatt am vergangenen Montag. Schlagzeilen zur Inflation waren in den letzten Monaten ein Dauerbrenner. Die am meisten diskutierte Frage: Ist die Inflation nur eine vorübergehende Nebenwirkung der Pandemie, oder entsteht ein langfristiges Preisrisiko?


Inflation ist nicht gleich Inflation 

Entgegen der landläufigen Meinung gibt es nicht „die eine Inflation.“ Zur Messung der Inflation werden von der amerikanischen Zentralbank verschiedene Größen berechnet: Bei der „Headline-Inflation“ wird der Preisanstieg aller Güter einer Volkswirtschaft einbezogen. Die Headline-Inflation war im August etwas niedriger als im Vormonat, aber weiterhin auf hohem Niveau: Sie lag 5,3 Prozent höher als im August 2020.

Eine andere Betrachtungsweise ist die getrimmte durchschnittliche Inflation (englisch: „Trimmed Inflation“). Dabei werden die Güter mit den höchsten Preisänderungen nicht berücksichtigt. Dies soll somit ein realistisches Bild der Preisentwicklung vermitteln, da die Headline-Inflation oft von nur wenigen Gütern maßgeblich beeinflusst wird. Die getrimmte Inflationsgröße lag im August nur zwei Prozent über dem Vorjahr und stand damit sogar im Einklang mit dem Inflationsziel der Federal Reserve.

Der Unterschied zwischen den beiden Messgrößen ist der entscheidende Punkt in der Inflationsdebatte: Die Fed argumentiert, die Inflation betreffe lediglich wenige Güter, deren Knappheit auf die Pandemie zurückzuführen sei. Dazu gehören zum Beispiel Flugreisen, deren Preise nach Ende der Lockdowns rasant gestiegen sind. Deshalb sei die getrimmte Inflationsgröße, die solche isolierten Preisanstiege negiert, die entscheidende Kennzahl. 

Das sehen nicht alle so: Ökonomen der Dallas-Fed argumentieren, dass die Headline-Inflation als Zukunftsbarometer diene. Ein Prozentpunkt mehr bei der Headline-Inflation bewirke innerhalb von zwölf Monaten einen Anstieg von 0,25 Prozentpunkten bei der getrimmten Inflation. Demnach müsste sie im nächsten Jahr auf 2,5 Prozent steigen – auch das wäre jedoch kein Grund für schlaflose Nächte. Als Fazit kann man festhalten, dass die Inflation niedriger ist, als von der Headline-Inflation suggeriert wird, es aber dennoch einen Preisdruck gibt.


Wer hat Angst vor Deflation?

Ein leichter Preisdruck ist für Anleger nicht weiter bedenklich. Im Gegenteil, Inflation ist in gewissem Maße sogar gut für die Volkswirtschaft, denn sie schafft einen zusätzlichen Anreiz für Investitionen. Deflation wäre für Anleger eher ein Grund zur Sorge; davon spricht seit Ausbruch der COVID-Krise jedoch kaum noch jemand. Warum eigentlich nicht?

Zwei Gründe: Erstens ist Inflation für die meisten einfacher verständlich als Deflation, auch für Sensationsjournalisten. Und zweitens wird dem Anstieg der Geldmenge generell zu hohe Bedeutung beigemessen. Zum Beispiel auf Twitter: Tweets mit einem Graphen der Fed-Bilanz und aufgeregten OMG-Emojis waren während der Pandemie besonders populär.

Das liegt unter anderem daran, dass in den Köpfen vieler Anleger Milton Friedmans Geldmengentheorie dominiert: Demnach müsse ein Anstieg der Geldmenge im Vergleich zur Gütermenge zu Inflation führen. Eine beeindruckende Theorie, die die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge jedoch zu sehr vereinfacht. Japans Deflation zeigt, dass eine steigende Geldmenge allein nicht zwingend Inflation verursacht. Stattdessen ist die Inflation eine Funktion aus vielen verschiedenen Faktoren: Neben der Geldmenge spielen zum Beispiel das Wettbewerbsgefüge, Lohn- und Gehaltsentwicklungen, Import- und Exportpreise und die Funktionsfähigkeit von Lieferketten für die Preisentwicklung ebenfalls eine zentrale Rolle.


Inflationsschutz kann teuer werden

In den Jahren vor der Pandemie entfalteten viele dieser Faktoren eine deflationäre Wirkung: Die Macht der Gewerkschaften hat in entwickelten Volkswirtschaften abgenommen, was zu geringeren Lohnanstiegen geführt hat. Technologischer Fortschritt und globalisierte Handelsketten hatten niedrigere Preise zur Folge.

Viele dieser Einflussfaktoren werden auch in der Post-COVID-Welt weiterhin wirken und deflationäre Kräfte entfalten. Mit dem Abklingen der Pandemie werden Konsumenten wieder weniger Güter und verstärkt Dienstleistungen nachfragen. Gehen die Bestellungen zurück, werden auch die Preise sinken.

Auch die Rohstoffpreise könnten korrigieren. Bauholz und Kupfer-Preise sind bereits gesunken. Auch Value-Aktien wären von einer Deflation negativ betroffen. Wer sein Portfolio also vor lauter Inflationssorgen in den letzten Monaten defensiv gestaltet hat, wäre bei einer Rückkehr zum deflationären Trend falsch positioniert.

Vor allem deutsche Anleger sind für Inflationsängste anfällig, auch aus historischen Gründen. Sie sollten diesen Ängsten bei ihren Investitionsentscheidungen aber nicht zu viel Bedeutung beimessen, sondern die Datenlage betrachten. Der Trend könnte durchaus wieder in die andere Richtung gehen. Deshalb ist ein diversifiziertes Portfolio der bessere Weg. Übertriebener Inflationsschutz könnte hingegen teuer werden!

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