Interview: Vom Saulus zum Paulus – können Investoren die Lebensmittelindustrie nachhaltig verändern?

Die Lebensmittelindustrie und hier vor allem die Fleischproduktion ist derzeit alles andere als nachhaltig, womit erhebliche systemische Risiken einhergehen. Mit Fairr ist nun das am schnellsten wachsende ESG-Netzwerk angetreten, um mit Hilfe des Kapitalmarktes eine riesige Industrie zu transformieren. Teni Ekundare, Senior Manager für Investor Outreach bei Fairr, spricht im CAPinside-Interview über Beyond Meat, die Assets der Landwirte und den Wandel einer ganzen Branche.

Frau Ekundare, die Lebensmittelindustrie, allen voran die Fleischproduktion, ist aus meiner Sicht eine sehr kontroverse Branche – zumindest will ich sie partout nicht mit Nachhaltigkeit oder ESG in Verbindung bringen. Täuscht meine subjektive Meinung vielleicht?

Teni Ekundare: Nein, der Eindruck täuscht nicht. Wir haben auf der einen Seite die Landwirte, die mit der Fleischproduktion ihren Lebensunterhalt verdienen müssen und daher versuchen, das Maximum aus ihren "Assets" zu holen, indem sie immer größere Bestände aufbauen. Dem gegenüber steht eine wachsende Weltbevölkerung und vor allem auch eine immer größer werdende Mittelschicht in vielen Schwellenländern, die mit höheren Einkommen mehr Fleisch konsumiert. Normalerweise müsste eine derart wachsende Nachfrage zu steigenden Preisen führen. In der Landwirtschaft kommt der real vorhandene Nachfragedruck jedoch nicht an. 


Teni Ekundare, Senior Manager, Investor Outreach Fairrr

Teni Ekundare ist seit März 2020 bei Fairr für die Investorengemeinschaft in Großbritannien und Nordeuropa zuständig. Sie klärt vor allem Investoren über potenzielle finanzielle Risiken und Chancen der weltweiten Fleisch- und Lebensmittelindustrie auf. Ekundare kommt aus dem Private Wealth Management, war unter anderem Executive Director bei Hassium Asset Management. Sie hat einen Bachelor of Science in Economics & Accounting der University of Bristol und ist sowohl IMC qualified als auch ein CFA Charterholder.


Was doch aber fatal ist, denn wir erleben mit der Corona-Pandemie ja gerade, welche Auswirkungen Zoonosen, nicht artgerechte Tierhaltung oder ein zu enger Kontakt mit Wildtieren haben können.

Ekundare: Ganz genau. Die systemischen Risiken, die mit der tierischen Proteinproduktion einhergehen, sind zum Teil immens. Allerdings befinden sich unter den Herstellern und ihren Kunden auch zahlreiche Blue Chips, weshalb die Branche in der Regel breit in den Portfolios der Anleger vertreten ist. Aus diesem Grund sind wir vor fünf Jahren mit Fairr an den Start gegangen – in eben jener sehr spezialisierten Nische –, um Investoren dabei zu unterstützen, die Risiken, aber auch die Zugkräfte zu verstehen, die zwangsläufig mit der Fleischproduktion einhergehen. 

 

Das heißt, indem Sie Investoren die finanziellen Risiken aufzeigen, die mit einem Engagement in jene Sektoren verbunden sind, sorgen Sie indirekt für eine Transformation der Lebensmittelindustrie?

Ekundare: Das ist die Idee hinter unserer Initiative und es gelingt uns vor allem deshalb, weil wir das am schnellsten wachsende ESG-Netzwerk sind und mittlerweile über 30 Billiarden US-Dollar verwaltetes Vermögen vereinen. 

 

Was sind die größten Risiken für Investoren innerhalb der Lebensmittelindustrie?

Ekundare: Die Lebensmittelindustrie, allen voran die Fleischproduktion, ist für 14,5 Prozent der weltweit emittierten CO2-Emissionen verantwortlich und verbraucht mehr Frischwasser als jede andere Industrie. Außerdem kommen hier 80 Prozent der weltweiten Antibiotika zum Einsatz, was sich mit zunehmenden Resistenzen auch direkt auf den Menschen auswirkt. Mist und Düngemittel sorgen für starke Umweltverschmutzung und die Arbeitsbedingungen innerhalb der Branchen sind oft sehr schlecht. Auch hier hat die Corona-Krise bereits einiges ans Licht gebracht. Um das mal in finanzielle Relation zu setzen: Allein die Viehwirtschaft in den USA hat durch Covid-19 etwa 13 Milliarden US-Dollar Verlust gemacht und der brasilianische Fleischproduzent JBS hat kürzlich 2,3 Milliarden US-Dollar Marktkapitalisierung durch einen Korruptions- und Abholzungsskandal verloren. Investoren müssen noch nicht einmal strikte ESG-Kriterien anwenden, um in der Branche etwas zu verändern. Sich der Risiken bewusst zu werden und entsprechende Investitions- oder De-Investitionsentscheidungen zu treffen, reicht bereits aus. 

 

Wie genau richtigen Sie mit Fairr die Aufmerksamkeit der Investoren auf die Risiken der Fleischproduktion?

Ekundare: Wir produzieren Research, praktische Analyse-Tools wie Indizes und beziehen darüber hinaus auch den Lebensmitteleinzelhandel und Hersteller mit ein. Denn hier liegt natürlich auch ein großes Veränderungspotenzial. Was der Kunde nicht kauft, findet langfristig nicht mehr den Weg in die Regale. Und was der Einzelhandel in seinen Regalen nicht bereitstellt, wird nicht mehr produziert. Unser Kernprodukt ist jedoch der Coller Fairr Protein Producer Index. Er umfasst 60 Unternehmen, die einen essentiellen Anteil an der weltweiten Lebensmittelversorgungskette haben. Ziel des Index ist es, Investoren die materiellen Risiken offenzulegen, ohne dabei den Reporting-Aufwand der Unternehmen unnötig zu erhöhen, aber gleichzeitig Sektor-spezifische Informationen der Fleisch- und Fischproduktion zur Verfügung zu stellen.




Um noch einmal auf das eingangs angesprochene Nachhaltigkeitsthema zu kommen: Wie viele der insgesamt 60 Unternehmen, die Sie mit dem Coller Fairr Protein Producer Index bewerten, halten einer ESG-Betrachtung stand?

Ekundare: 63 Prozent der Unternehmen im Index kategorisieren wir derzeit als hohes Risiko. Das heißt, Daten werden entweder gar nicht oder nur unzureichend offengelegt, es gibt keinerlei Selbstverpflichtung und entsprechend auch eine schlechte Performance. Die weiteren Kategorien sind ein „mittleres Risiko“, ein „niedriges Risiko“ und „Best Practice“, jeweils abhängig vom Grad der Offenlegung der Unternehmen und den Schritten, die sie einleiten, um ESG-Risiken innerhalb des Betriebs zu adressieren. Leider gibt es im Index aktuell kein Unternehmen in der Kategorie „Best Practise“. Mit Blick auf die durchschnittliche Bewertung nach Region und Risikofaktor führen Europa und Russland die Tabelle an. Schlusslicht ist derzeit Asien mit dem höchsten Risiko. Bei den verschiedenen Proteinquellen schneiden Geflügel und Eier besonders schlecht ab, während Aquakulturen am besten performen – wenn auch immer noch risikobehaftet.  

 

Oder anders ausgedrückt: Es ist noch ein weiter Weg bis zu einer nachhaltigen Proteinproduktion.

Ekundare: Definitiv, wobei auch die Lebensmittelindustrie durch neue Trends und disruptive Technologien zunehmend zum Wandel gezwungen wird. Zwischen 2018 und 2019 ist der Vertrieb von pflanzenbasierten Produkten allein in den USA um 11,4 Prozent gestiegen. 2,2 Milliarden US-Dollar an Venture Capital flossen in solche Alternativen und Unternehmen, die Fleischersatzprodukte herstellen, gehören mittlerweile zu den Börsenschwergewichten. Das beweist Beyond Meat mit einer Marktkapitalisierung von mehr als neun Milliarden US-Dollar . Und natürlich hoffen wir auch mit Fairr und den zahlreichen Investoren, die sich uns anschließen, für einen nachhaltigen Wandel zu sorgen.