Investieren in Branchen Teil 3: Versorger – Grüne Chancen und politische Risiken

Mit einem Plus von gut 600 Prozent haben Versorger-Aktien (in Euro und inklusive reinvestierter Dividenden) über die vergangenen 25 Jahre ungefähr dasselbe abgeworfen wie der marktbreite MSCI World Index.

Gesamtmarkt-Rendite mit weniger Risiko

Allerdings ist ein Investment in den so genannten Utilities-Sektor entspannter. Die Volatilität als Indikator für Renditeschwankungen liegt nur bei 14 Prozent p.a., verglichen mit 16,3 Prozent p.a. für den Welt-Index. Hinzu kommt die relative Stabilität in Baisse-Phasen wie 2000-02 oder 2008/09. Zwar mussten die Versorger seinerzeit ebenfalls Kurseinbußen hinnehmen. Diese sind mit 34 bzw. 38 Prozent aber geringer ausgefallen als am Gesamtmarkt, der sich jeweils mehr als halbiert hatte.

Kein Wunder: Auf Strom, Wärme und Wasser können Haushalte und Betriebe eben auch in Krisenzeiten kaum verzichten. Das sorgt für kalkulierbare Umsätze, stetige Erträge und zuverlässige Dividenden, was sich wiederum in den Aktienkursen widerspiegelt – und Versorger zu dem macht, was man früher Witwen- und Waisen-Aktien nannte.

 

Wehe, wenn der Kurzschluss kommt

Zumindest solange niemand einen Kurzschluss provoziert wie 2011 die Regierung von Angela Merkel. Der als Reaktion auf das Fukushima-Debakel beschlossene Atomausstieg hat die deutsche Energiewirtschaft so empfindlich getroffen, dass RWE und E.ON auch acht Jahre später immer noch damit beschäftigt sind, sich neu aufzustellen – während Kurse und Ausschüttungen sich gedrittelt bis geviertelt haben.

Zugegebenermaßen ein besonders krasses Beispiel, das aber einen integralen Risikofaktor des Sektors illustriert. Die Energieversorgung ist Teil der öffentlichen Infrastruktur und damit anfällig für regulatorische Eingriffe und politische Ränkespiele – egal, ob es um Strompreise, Netzentgelte, Investitionsauflagen, Genehmigungsverfahren oder die Besetzung von Spitzenposten geht.

 

Konsequente Länder-Streuung ist Pflicht

Weil Versorger klassischerweise eben keine Global Player à la Nestlé oder Amazon, sondern zumeist auf wenige Regionen und Rechtsräume fokussiert sind, lassen sich diese Risiken nur durch eine konsequente Länder-Streuung in den Griff kriegen. Gleichzeitig macht man das Portfolio auf diese Weise fit für eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit – nachhaltige Energieversorgung. 

Denn während die deutschen Stromkonzerne lange mit der Energiewende gehadert haben, wurde anderenorts frühzeitig und entschlossen gehandelt. Das Musterbeispiel dafür kommt ausgerechnet aus den in puncto Klimaschutz nicht gerade bestens beleumundeten USA: NextEra Energy ist einerseits ein klassischer Versorger mit Gas-, Atom- und Kohle-Kraftwerken – der andererseits aber sehr frühzeitig in großem Stil auf erneuerbare Energien gesetzt hat und mittlerweile als einer der größten Windkraft-Erzeuger der Welt gilt. Nicht von ungefähr hat das Unternehmen, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1925 zurück reichen, seinen Börsenwert allein in den letzten fünf Jahren fast verdreifacht und bringt nun als einziger Versorger der Welt über 100 Mrd. US-Dollar auf die Waage.

 

YieldCos: Einkommen aus erneuerbaren Energien

Parallel sind in den letzten Jahren rund um den Globus milliardenschwere Firmen entstanden, die ausschließlich in Wind-, Solar-, Wasser- und Geothermie-Kraftwerke investieren. Gefragt waren diese Pure Plays wie die kanadische Brookfield Asset Management, die spanisch-amerikanische Atlantica Yield oder die im SDAX notierte Encavis aus Hamburg anfangs vor allem wegen ihrer teilweise über fünf Prozent liegenden Ausschüttungsrenditen. Doch nach einigen aus teilweise überbordender Verschuldung resultierenden Anlaufschwierigkeiten haben nun auch die Kurse Fahrt aufgenommen: Für die letzten drei Jahre verzeichnet der Indxx Renewable Energy Income Index, der 45 „grüne“ Energie-Aktien abbildet, ziemlich genau dieselbe Wertentwicklung wie der allumfassende MSCI World Utilities Index – nur eben mit gutem Gewissen.

 

Wasser-Aktien profitieren vom Defensiv-Durst

Echte Outperformer waren hingegen zuletzt die Wasserversorger, die seit 2009 mit einem Plus von 350 Prozent (auf Euro-Basis und inklusive Dividenden) mehr als doppelt so stark zulegen konnten wie der Sektor. Hauptmotiv dafür ist die globale Jagd nach defensiven Anlage-Alternativen. Wenn man schon auf Aktien ausweichen muss, weil Anleihen nichts mehr bringen, dann am allerliebsten solche mit möglichst sicherem Geschäft – und während zumindest der industrielle Stromverbrauch teilweise an der Konjunktur hängt, bleibt die Nachfrage nach Wasser stabil.

Dazu ist das kühle Nass, in manchen Medien bisweilen als Öl des 21. Jahrhunderts umschrieben, ein knappes Gut. Dasselbe gilt für die Aktien: An den Industrieländer-Börsen werden gerade einmal 18 Wasserversorger mit einer Marktkapitalisierung von über 500 Mio. US-Dollar gehandelt – und das führt zu Knappheitspreisen, vor allem in den USA. American Water Works, Aqua America, American States Water und California Water Service werden inzwischen mit dem 30- bis 40-fachen der für die nächsten zwölf Monate erwarteten Gewinne bezahlt und sind damit teurer als Wachstumswerte wie Alphabet oder Microsoft.

Risiken scheinen auf diesem Niveau kaum noch eingepreist. Dabei ist die Leitungsinfrastruktur vielfach marode und wenn die Politik irgendwann auf Investitionen drängt, könnte sich die relativ hohe Verschuldung noch rächen. Überdies ist nicht ausgeschlossen, dass die privatwirtschaftliche Vermarktung von Wasser – etwa unter einer Präsidentin Elizabeth Warren – auch in den USA mal kritisch beleuchtet wird…

 

Lesen Sie auch die anderen Teile der Serie "Investieren in Branchen"

Investieren in Branchen, Teil 1: Die Langfrist-Bilanz der MSCI World-Sektoren

Investieren in Branchen Teil 2: Energie – am Erdöl hängt doch alles