Christian W. Röhl
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Investieren in Branchen Teil 4: Basiskonsumgüter – Gegessen und getrunken wird immer!?

Gegessen wird immer. Getrunken sowieso. Auch an der Körperpflege wird in schlechten Zeiten hoffentlich nicht gespart. Und Zigaretten sind ohnehin eine Sucht.

Warum also nicht einfach den Großteil des Aktien-Portfolios in Basiskonsumgüter investieren, denkt sich da so mancher Anleger – zumal man sich mit aus dem Alltagsleben bekannten Marken wie Nestlé, Coca-Cola, Procter & Gamble oder Marlboro irgendwie leichter tut als mit neuen Technologien oder „schmutziger“ Industrie.

 

Satte Dividenden und glorreiche Historie

Vor allem Dividendenjäger kommen auf ihre Kosten. Von den 50 größten Firmen der Branche lässt mit dem Energydrink-Abfüller Monster Beverage nur eine einzige ihre Aktionäre leer ausgehen. Dafür sind zahlreiche Ausschüttungs-Aristokraten mit über 25 Anhebungen in Serie am Start und die durchschnittliche Dividendenrendite im Sektor beträgt selbst im fortgeschrittenen Bullenmarkt veritable 2,8 Prozent.

Auch die Statistik liefert gute Argumente. Während der MSCI World Index sich in den vergangenen 25 Jahren auf Euro-Basis und inklusive reinvestierter Dividenden etwa versiebenfacht hat, kommen die im MSCI Consumer Staples zusammengefassten Hersteller von Nahrungsmitteln, Getränken, Zigaretten sowie Haushalts- und Hygieneprodukten auf über 1000 Prozent Plus. Nur Gesundheits- und IT-Aktien haben sich noch besser entwickelt. 

Hinzu kommt die mit 13,8% niedrigste Volatilität aller elf MSCI-Sektoren sowie eine bemerkenswerte relative Stärke in den letzten Abwärtsphasen: Während der Finanzkrise 2008/09 sind die Basiskonsumgüter-Aktien gemessen am Index nur halb so tief gesunken wie der Gesamtmarkt. In der Baisse von 2000-02 stand sogar ein Plus von 15 Prozent zu Buche.

 

Paradigmenwechsel im Konsumverhalten

All dies sollte jedoch nicht davon ablenken, dass es auch bei den „Brot und Butter“-Aktien spezifische Risiken und Werttreiber gibt. Diese erschließen sich vor allem, wenn man den Sektor in seine Einzelteile zerlegt. Beispiel Nahrungsmittel, wo zweifelsohne ein Paradigmenwechsel im Konsumentenverhalten stattfindet: Weg von fettigem Fleisch, glutamatverwürzten Fertigprodukten und zuckrigen Kalorienbomben, hin zu bewusster Lebensweise, pflanzlichen Eiweißen und regionalen Erzeugnissen. 

Doch bis Bio-Bauernhöfe, Erbsprotein-Bratlinge à la Beyond Meat oder In-Vitro-Fleisch acht Milliarden Menschen ernähren, wird noch viel Zeit vergehen. Und bis dahin werden billige Kohlenhydrate und fettige Sattmacher gerade in den Schwellenländern sowie in wirtschaftlich schwierigen Zeiten weiter gefragt sein. An der Börse spielen Faktoren wie Nachhaltigkeit und Gesundheit dagegen schon jetzt eine zunehmend wichtige Rolle, weshalb Nestlé mit der vor zweieinhalb Jahren eingeleiteten Bereinigung und Fokussierung den Geschmack der Investoren trifft: Der Marktführer aus der Schweiz wird mit dem 22-fachen des für 2020 erwarteten Gewinns bezahlt – eine ordentliche Prämie angesichts des eher überschaubaren Wachstumspotentials.

 

Wird der flüssige Rausch zyklischer?

Wachstum ist auch das Thema bei Getränken. Egal ob Zuckerwasser oder Spirituosen,  vielfach kompensieren die Zuwächse in den Emerging Markets lediglich das, was in den etablierten Volkswirtschaften verloren geht. Nur Innovationen versprechen ein echtes Plus – und die kosten Geld. Nicht umsonst hat sich Coca-Cola schon vor Jahren an Monster Beverages beteiligt, PepsiCo (mit der Snack-Sparte ohnehin breiter aufgestellt) hat sich den Wassersprudler Sodastream einverleibt und Diageo hat rund eine Milliarde Dollar flüssig gemacht, um seinem Schnaps-Portfolio den Casamigos-Tequila von Hollywood-Beau George Clooney einzuverleiben.

Derlei Spezialitäten sind nicht nur aus Wachstumserwägungen reizvoll, sondern auch mit Blick auf die Margen. Fraglich allerdings, wie preislich zwischen Massenmarkt und Luxus-Level angesiedelte Getränke im nächsten Abschwung nachgefragt werden – und ob das eigentlich krisenfeste Geschäft mit dem flüssigen Rausch auf diese Weise nicht einen gewissen zyklischen Charakter erhält.

 

Schwierige Zeiten für Mittelmaß

Genau darum geht’s auch bei Körperpflege und Kosmetika, wo das Wachstum in den letzten Jahren aus dem höherpreisigen Segment kam. Wer hier wie L’Oréal oder Estée Lauder gut positioniert ist, konnte Umsätze und Gewinne kräftig steigern. Staubiges Mittelmaß à la Schwarzkopf (Henkel) wird derweil zwischen etablierten Premium-, coolen Newcomer- und günstigen Handelsmarken zerrieben. Und daran wird vielleicht nicht einmal eine Wirtschaftskrise etwas ändern: Nicht nur für die Generation Instagram stehen Selbstoptimierung und der schöne Schein ziemlich weit oben in der Prioritätenliste – und wenn gespart werden muss, dann eher am Alkohol als am Make-up oder der Anti-Age-Ampulle.

 

Bei Tabak-Aktien verdampft die Bewertung

Bleibt noch der blaue Dunst, sofern man Tabak-Aktien nicht ohnehin aus ethischen Gründen ausschließt. Historisch hätte der Verzicht auf Zigaretten im Depot Performance gekostet. Denn seit 2000 hat der MSCI World Tobacco Index mit einem Euro-Gesamtertrag von sagenhaften 1.200 Prozent etwa dreimal so viel abgeworfen wie der Basiskonsumgüter-Sektor insgesamt – während nahezu alle Länder der Erde immer striktere Rauchverbote umgesetzt haben und die Anzahl der Raucher rückläufig war. 

Doch lange Zeit konnten Altria, Philip Morris & Co. diesen Schwund durch Preiserhöhungen und Synergieeffekte aus Fusionen kompensieren. Seit zwei Jahren mehren sich indes die Zweifel, ob das auch mittel- bis langfristig gelingt – zumal die Milliarden-Investitionen in vermeintlich weniger schädliche Alternativen zur Zigarette sich noch nicht so recht gelohnt haben und die Gesundheitsbehörden nun auch Verdampfer ins Visier nehmen. Folgerichtig haben sich die Aktienkurse gegenüber den Höchstständen nahezu halbiert, auch wenn die Tabak-Multis nach wie vor dicke Gewinne einfahren. Diese werden von der Börse nun aber nicht mehr wie 2017 mit dem 24-fachen, sondern nur noch mit dem 16-fachen bezahlt. 

Der Risikoabschlag könnte sich noch ausweiten und damit auch die Dividendenrenditen der traditionell sehr generösen Zigaretten-Firmen bis in den zweistelligen Prozentbereich steigen lassen, wo Imperial Brands ja bereits angekommen ist. Income-Investoren mit Hang zur Sünde können diese Aktien auf die Watchlist setzen, sollten mit (Nach-)Käufen aber vielleicht abwarten, bis das extrem negative Momentum sich auflöst – und sich überdies darüber im Klaren sein, dass der einzige fundamentale Treiber der Branche die menschliche Unvernunft ist. Die allerdings ist in der Tat konjunkturunabhängig...

 

Marktführer kaufen und mit Spezialwerten abschmecken

Basiskonsumgüter-Aktien insgesamt können jedenfalls durchaus eine tragende Säule im Langfrist-Depot sein – aber eben nicht die einzige. Darstellen lässt sich das Investment entweder bequem über Fonds bzw. ETFs oder über je mindestens eine der Top 3-Firmen aus den Segmenten Nahrungsmittel, Erfrischungsgetränke, Spirituosen und Kosmetik/Körperpflege. Ambitionierte Stock Picker mit höherer Risikoneigung ergänzen diese Basisallokation um Nebenwerte, die gezielt auf die geschilderten Herausforderungen reagieren und damit überdurchschnittliches Wachstum generieren. Beispiele (ausdrücklich keine Empfehlungen) dafür wären Aquakultur-Betriebe wie Mowi, Biomärkte wie Sprouts Farmers oder Getränke-Spezialitäten wie die zwischenzeitlich arg gehypte Tonic-Company Fevertree.

 

Lesen Sie auch die anderen Teile der Serie "Investieren in Branchen"

Investieren in Branchen, Teil 1: Die Langfrist-Bilanz der MSCI World-Sektoren

Investieren in Branchen Teil 2: Energie – am Erdöl hängt doch alles

Investieren in Branchen Teil 3: Versorger – Grüne Chancen und politische Risiken