Investieren in Branchen Teil 5: Finanzen – Wenn Geld kein Geld mehr verdient...

Das Lehman-Debakel wirkt noch immer nach

Diesen Schluss legt zumindest der MSCI World Financials Index nahe. Lange Jahre war das Branchen-Barometer für die Geld-Industrie mehr oder weniger parallel zu den Welt-Aktienmärkten gelaufen – bis mit der Finanzkrise 2008/09 der große Absturz kam, von dem sich die Kurse seither nur mühsam erholen konnten. Sogar wenn man die Dividenden einrechnet, notiert der Sektor in Euro nur schlappe 25 Prozent über seinem Vorkrisen-Hoch vom Mai 2007. Der marktbreite MSCI World hat sich derweil weit mehr als verdoppelt.

 

Verantwortlich für die Malaise sind die Banken, die vom Börsenwert her rund die Hälfte des Sektors verkörpern. Dabei lohnt es sich durchaus, zwischen den beiden Seiten des Atlantiks zu differenzieren. Denn an der New Yorker Wall Street konnten die Geldhäuser in den letzten Jahren halbwegs mit dem Gesamtmarkt Schritt halten. Seit dem 15. September 2009 – als das Weltfinanzsystem nach der Pleite von Lehman Bros. am Abgrund stand – steht für die US-Banken eine Vervierfachung zu Buche.



Investoren misstrauen den Euro-Banken

Konsequente Rekapitalisierung in Verbindung mit regulatorischem Augenmaß und der Strahlkraft des Dollars haben dafür gesorgt, dass die Bilanzen der Banken und das Vertrauen der Investoren heute stärker sind als vor der Krise. Fürs Geschäft außerdem nicht ganz unwichtig: In den USA gibt es noch Zinsen, nicht viel zwar, aber eben mehr als in der Euro-Zone.

Hierzulande geriet die anfangs zögerliche und später nur noch von der Angst um die Gemeinschaftswährung getriebene Bankenrettung unterdessen zum Fiasko. Dass „unsere“ Kreditinstitute gemessen am MSCI EMU Banks Index heute nur noch halb so viel wert sind wie am Tag der Lehman-Pleite und auch die Dividenden die Bilanz der gebeutelten Aktionäre nur unwesentlich aufpolieren, ist eine Sache. Wirklich greifbar wird das Drama aber erst beim Blick auf die Bewertung: Keine einzige der zehn nach Bilanzsumme größten Euro-Banken wird momentan an der Börse auch nur annähernd mit dem bezahlt, was in der Bilanz steht. Im Durchschnitt liegt das Kurs/Buchwert-Verhältnis bei 0,55 – ein brutales Misstrauensvotum der Märkte, wobei Deutsche Bank (0,26) und Commerzbank (0,25) besonders kritisch gesehen werden.
 

Banking wird gebraucht, Banken nicht

In den USA hingegen kommen die Top 10 Geldhäuser auf ein Price-to-Book-Ratio von 1,25. Doch die Risiken sind hüben wie drüben immens. Banken haben über Generationen bestens davon gelebt, dass Geld ein knappes Gut war. Jetzt wird die Wirtschaft mit Geld geflutet – und parallel knöpfen Technologie-Firmen der Branche komplette Geschäftsmodelle ab und schicken sich an zu beweisen, was Microsoft-Gründer Bill Gates einst postulierte: „Banking wird gebraucht, Banken nicht.“

Das gilt nicht nur für die Universalbank-Dinos. Sondern auch für Investmentbanken, die in der M&A-Beratung nun von Private Equity-Gesellschaften herausgefordert werden. Oder für die bei Dividendenjägern beliebten US-Regionalbanken à la Bank of the Ozarks, die immense Investitionen in Technologie stemmen müssen. Oder für Vermögensverwalter, von denen viele keine aktive Antwort auf den Boom der „passiven“ Investments parat haben und beides schrumpfen sehen – Assets under Management und Gebührensätze. Man braucht neben einem ausgeprägten Schnäppchenjäger-Gen also schon eine reichlich rosarot getönte Brille, um nennenswerte Beträge in diese Branche zu investieren, der Deutsche Bank-Ikone Ulrich Cartellieri bereits 1990 dasselbe Schicksal prophezeit hat wie der Stahlindustrie…
 

Paradigmenwechsel bei den Versicherern

Für Aktionäre – nicht nur im Performance-Rückspiegel – deutlich interessanter ist jedenfalls die Versicherungswirtschaft. Wobei es natürlich auch hier nicht an Herausforderungen mangelt, schließlich haben die Assekuranzen ihre Gewinne in der Vergangenheit vor allem aus dem Kapitalstock erwirtschaftet – was ohne Zins aber zunehmend schwierig ist und bei Lebensversicherern perspektivisch sogar zu existenziellen Schieflagen führen könnte. Nun müssen die Erträge direkt aus dem operativen Geschäft kommen, aus der Prämie für die Übernahme von Risiken.

Ein Wachstumstreiber vor allem für Erstversicherer sind dabei die Schwellenländer; der frisch erarbeitete Wohlstand der Mittelschicht will schließlich abgesichert werden. Das große Thema für Rückversicherer sind hingegen die Auswirkungen des Klimawandels. Flut- und Sturm-Katastrophen kosten Milliarden, wobei nach wie vor die zynische Regel gilt, dass Großschäden das beste Argument für Prämienanhebungen sind – auch weil auf diese Weise immer mal wieder der eine oder andere Hedgefund aus dem Wettbewerb gekegelt wird, der sich das Risk Taking ein bisschen zu einfach vorgestellt und Kampf-Konditionen geboten hat.

Wer sich hier engagieren will, muss nicht einmal in die Ferne schweifen. Das DAX-Duo Allianz und Münchener Rück ist dank breiter Diversifikation und stabiler Dividende eine solide Basis, die bei Bedarf durch Spezialwerte wie Hannover Rück oder Markel ergänzt werden kann – wobei die US-Amerikaner nicht ausschütten, sondern die Gewinne aus dem Insurance Business in ein breites Aktien-Portfolio stecken. Ähnlich wie Berkshire Hathaway, die Holding von Geld-Genie Warren Buffett, ist Markel damit weniger ein Versicherungs-Investment, sondern eher eine Aktienfonds-Alternative.
 

Fintech ist primär Technologie

Bleibt noch das stetig wachsende Rudel der Fintechs, Insurtechs und all jener, die die Digitalisierung der Finanzindustrie vorantreiben und damit teilweise jetzt schon Margen erwirtschaften, von denen Banken und Versicherungen bloß noch träumen können. Doch die Wirecards, Squares und Adyens dieser Welt werden vom Global Industry Classification Standard (GICS) – genau wie die Kreditkarten-Kolosse Visa und Mastercard – bei den Technologie-Werten einsortiert.
 

Börsen und Datenprovider

Branchen-Barometer wie der MSCI Financials reflektieren somit tatsächlich nur die „alte“ Finanzwelt – abgesehen vom Sub-Sektor Financial Exchanges & Data, der neben Börsenbetreibern wie CME, Deutsche Börse AG oder Nasdaq auch Index- und Datenprovider wie MSCI, S&P Global oder FactSet Research bündelt. Und dieses derzeit rund drei Dutzend Aktien umfassende Segment lässt mit einer Performance von 1.400 Prozent seit 2001 sogar den Nasdaq 100 Index als führende Benchmark für Wachstumswerte alt aussehen.

Vorsicht ist aber auch hier angebracht. Denn selbst wenn Daten der Rohstoff des Informationszeitalters sind, erscheinen manche Bewertungen inzwischen reichlich ambitioniert – etwa beim Analysehaus Morningstar, das mit dem 40-fachen des letztjährigen Gewinns bezahlt wird. Und bei den Börsen muss die Frage erlaubt sein, ob die üppigen Gewinnspannen sich halten lassen, wenn Wertpapierhandel und -abwicklung in einigen Jahren über die Blockchain laufen.
 

Lesen Sie auch die anderen Teile der Serie "Investieren in Branchen"

Investieren in Branchen, Teil 1: Die Langfrist-Bilanz der MSCI World-Sektoren

Investieren in Branchen Teil 2: Energie – am Erdöl hängt doch alles

Investieren in Branchen Teil 3: Versorger – Grüne Chancen und politische Risiken

Investieren in Branchen Teil 4: Basiskonsumgüter – Gegessen und getrunken wird immer!?