Investieren in Branchen Teil 6: Gesundheit – Mehr als Pillendreher und Petrischalen

Der beste Sektor der vergangenen 25 Jahre

Die besondere Wertschätzung, die das Thema an der Börse genießt, spiegelt sich auch in der Statistik wider. Während der marktbreite MSCI World Index sich seit 1995 in Euro und inklusive Dividenden gut versiebenfacht hat, kommt der MSCI World Healthcare auf über 1.300 Prozent Plus. Kein anderer der elf Sektoren des Global Industry Classification Standard (GICS) hat langfristig besser abgeschnitten, nicht einmal die boomende IT-Wirtschaft – und abgesehen vom Aufschwung 2002-07 waren Gesundheits-Aktien dem Gesamtmarkt in guten wie in schlechten Zeiten voraus.

Diese Zahlen zeigen freilich nicht, wie sehr die Branche sich in den vergangenen 25 Jahren gewandelt hat. So repräsentieren die klassischen Pillendreher-Aktien inzwischen nur noch rund 40 Prozent vom Börsenwert des Sektors. Und das ist vielleicht auch ganz gut so. Denn Big Pharma erwirtschaftet zwar noch immer gesunde Cashflows, hängt ertragsseitig aber bisweilen stark am Tropf weniger Blockbuster-Präparate, deren Patente irgendwann zwangsläufig auslaufen. Und Nachschub für die Wirkstoff-Pipeline ist teuer – so teuer, dass selbst Großkonzerne wie Johnson & Johnson, Roche, Novartis oder Pfizer inzwischen untereinander Forschungskooperationen vereinbaren.

 

Wenn Dividenden ungesund werden

Dennoch erwarten die Aktionäre stetig steigende Dividenden. Renditen von mehr als drei Prozent, mit denen die 15 größten Pharma-Aktien im Durchschnitt aufwarten können, sind in Nullzins-Zeiten ein kaum zu überschätzender Teil der Equity Story – werden aber bei einigen Unternehmen mit reichlich ungesunden Ausschüttungsquoten erkauft. GlaxoSmithKline oder AstraZeneca etwa haben in den letzten drei Jahren den kompletten Gewinn an die Anteilseigner ausgekehrt. Nicht ausgeschlossen, dass hier irgendwann dasselbe passiert wie bei Pfizer, wo die über Jahrzehnte sakrosante Dividende 2009/10 um 40 Prozent gekürzt wurde, um wieder mehr Geld fürs operative Geschäft zu haben.

Eher die Ausnahme als die Regel sind Dividenden bei Biotechnologie-Firmen. Nur bei den drei Branchen-Dinos Amgen, AbbVie und Gilead gibt’s für die Aktionäre mehr als eine homöopathische Dividenden-Dosis. Insgesamt schütten von den 100 höchstkapitalisierten Unternehmen gerade einmal zehn aus und nur 36 – also gut ein Drittel – schreiben aktuell Gewinne. 

 

Nur mit guten Nerven und Know-how

Entsprechend angespannt ist das Nervenkostüm der Investoren, wie nicht zuletzt der Fall Biogen illustriert: Nachdem man im Mai die Studien zum Alzheimer-Präparat Aducanumab gestoppt hatte, war die Aktie um 30 Prozent abgesackt. Ein Verlust von 20 Mrd. Dollar (!) Börsenwert an einem einzigen Tag – der Ende Oktober genauso ruckartig wettgemacht wurde, als die Nachricht von der Wiederaufnahme des Zulassungsverfahrens kam.

Wer sich hier engagiert, braucht gute Nerven – und immenses Know-how. Denn bei Getränkeabfüllern, Versorgern, Internet-Portalen oder Versicherungen ergibt sich aus dem Alltagsleben ein gedanklicher Zugang, weshalb man zumindest glaubt, das Geschäftsmodell zu verstehen. Doch was bei einem Biotech-Unternehmen zwischen Petrischale und Reagenzglas passiert, ist wohl nur mit einem naturwissenschaftlichen Studium halbwegs zu durchblicken. 

 

Biotech-Hoffnungen werden oft enttäuscht

Gleichzeitig erscheint das Segment zu lukrativ, um als Investor an der Seitenlinie zu bleiben. Der Kampf gegen Krebs, Aids, Alzheimer und andere Geißeln der Menschheit lässt sich nur mit den Mitteln der Biotechnologie gewinnen – und die historische Wertentwicklung der Branche ist eine Verheißung, die für das Risiko entschädigt: Während gewöhnliche Pharma-Aktien sich seit der Jahrtausendwende inklusive Dividende verdoppelt haben, war mit Biotech-Titeln eine Verfünffachung drin.

 

Und das ist lediglich die in Euro umgerechnete Wertentwicklung des MSCI World Biotech Index. Gemessen am AMEX Biotech Index, der nur die (aktuell 30) Schwergewichte der Branche bündelt, haben sich die Kurse sogar mehr als verzehnfacht. Der Nasdaq Biotech Index hingegen, der durch ETFs abgebildet wird und zu seinen 217 Mitgliedern auch eine Menge Hoffnungswerte zählt, bringt es hingegen bloß auf 260 Prozent Plus. Anders als im breiten Markt gibt es hier also keine Prämie für Small & Mid Caps.

 

Megatrends fordern Geduld

Wichtig obendrein der Faktor Zeit. Die Biotech-Branche entwickelt sich – zumindest an der Börse – wie alle echten Megatrends nicht kontinuierlich, sondern in Schüben. Die Verfünffachung beim MSCI Biotech Index resultiert im Wesentlichen aus den Jahren 2012 bis 2016. Und in den Genuss dieser Performance kam nur, wer entweder ein glückliches Timing-Händchen hatte oder die Geduld, zuvor eine sechsjährige Seitwärtsphase durchzuhalten. 

Unter dieser Prämisse sollten Investoren auch die aktuelle Konsolidierung sehen – und gleichzeitig bedenken, dass Healthcare mehr ist als die zunehmend miteinander verwobenen Segmente Pharma und Biotechnologie. Fast ein Viertel der Börsenkapitalisierung des Sektors entfällt auf Medizintechnik und -produkte, von der Herzschrittmacher-Ikone Medtronic über den auf Inkontinenzprodukte spezialisierten dänischen Dividenden-Aristokraten Coloplast bis zum Hörgeräte-Weltmarktführer Sonova aus der Schweiz.

Wer soll das bezahlen!?

Unternehmen wie Intuitive Surgical (OP-Roboter) oder Dexcom (Diabetesüberwachung) helfen sogar dabei, die Effizienz von Behandlungen zu steigern und damit Kosten zu senken. Darin liegt schließlich das große Dilemma des Healthcare-Sektors: Die Frage, inwieweit das, was medizinisch notwendig und technologisch machbar scheint, auch finanzierbar ist – schließlich sind die öffentlichen Gesundheitssysteme rund um den Globus auf Kante genäht. Gut möglich deshalb, dass der US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 einen Vorgeschmack darauf gegeben hat, was die Politik künftig mit Nachdruck vorantreiben wird: In seltener Eintracht forderten Donald Trump und seine Gegenkandidatin Hillary Clinton damals von der Pharma-Industrie kräftige Preisnachlässe.

Aktionäre des Dialyse-Weltmarktführers Fresenius Medical Care wissen ja schon, wie sich eine Neuregelung von Behandlungserstattungen in den USA auf den Kurs einer DAX-Firma auswirken kann. Und spätestens, wenn im nächsten Wirtschaftsabschwung mit der Beschäftigung auch die Beitrags- bzw. Steuereinnahmen sinken, aus denen sich die Gesundheitskassen speisen, werden die Defensiv-Qualitäten des Healthcare-Sektors auf die Probe gestellt. 

 

Viel Potential für aktive Expertise

Begegnen können Anleger diesem Risiko nur durch systematische Diversifikation auf verschiedene Einzelwerte, Segmente und Länder – nicht nur wegen der regulatorischen Themen, sondern auch mit Blick auf wachstumsträchtige Nischen wie die Gesundheitswirtschaft in China. Gerade solche Beimischungen bieten ähnlich wie die unübersichtliche Medizintechnik-Branche oder der Biotechnologie-Komplex genügend Gelegenheiten für Fonds und Beteiligungsgesellschaften mit entsprechender Expertise. Big Pharma hingegen kann man sich auch in Form einiger Einzelaktien mit maßvoller Ausschüttungsquote ins Portfolio legen.

 

Lesen Sie auch die anderen Teile der Serie "Investieren in Branchen"

Investieren in Branchen, Teil 1: Die Langfrist-Bilanz der MSCI World-Sektoren

Investieren in Branchen Teil 2: Energie – am Erdöl hängt doch alles

Investieren in Branchen Teil 3: Versorger – Grüne Chancen und politische Risiken

Investieren in Branchen Teil 4: Basiskonsumgüter – Gegessen und getrunken wird immer!?

Investieren in Branchen Teil 5: Finanzen – Wenn Geld kein Geld mehr verdient...