Investmentsteuerreform: „Für die Anleger bedeutet das mehr Unsicherheit“

Für Anleger in Investmentfonds ist am Jahresanfang erstmals die Steuer auf die sogenannte Vorabpauschale des Investmentsteuerreformgesetzes fällig gewesen, das auch grundsätzlich eine doppelte Besteuerung für sämtliche Publikumsfonds vorsieht. Durch den geschickten Einsatz der Assetklassen können sich aber hohe Freistellungen erzielen lassen und ebenso lassen sich internationale Vorteile nutzen.

Mit dem Investmentsteuerreformgesetz, das Anfang 2018 wirksam geworden ist, hat der Gesetzgeber nicht nur ein sprachliches Ungetüm erschaffen. Auch die Auswirkungen auf Anleger, Vermögensverwalter, Fondsgesellschaften und Berater sind frappierend. Kurz gesagt werden bestimmte Erträge deutscher Publikum-Investmentfonds dadurch mit 15 Prozent (normaler Körperschaftsteuertarif) besteuert und damit fiskalisch selbstständig behandelt. Das ist neu, denn bis zur Einführung wurden nur die Anleger besteuert, nicht aber die Fonds selbst. Daraus folgt zunächst eine doppelte Besteuerung für sämtliche Publikumsfonds.

Der erste „Einschlag“ ist jetzt spürbar gewesen. Anfang 2019 mussten die Banken zum ersten Mal die Abgeltungsteuer auf die neue Vorabpauschale bei ihren Kunden einziehen. Denn für Investmentfonds, die keine oder nur geringe Erträge ausschütten, haben Anleger seit der Investmentsteuerreform einen fiktiven Betrag zu versteuern, eben die sogenannte Vorabpauschale. Für 2018 beträgt sie aufgrund des derzeit sehr niedrigen Zinsniveaus 0,609 Prozent. „Wirtschaftlich betrachtet führt die Vorabpauschale zu einer vorweggenommenen Besteuerung zukünftiger Veräußerungsgewinne. Deshalb darf die Vorabpauschale nicht höher sein als die Wertsteigerung der Fondsanteile im abgelaufenen Kalenderjahr. Da viele Aktienfonds im vergangenen Jahr keine positive Rendite erwirtschaften konnten, waren diesmal nur wenige Anleger von der Vorabpauschale betroffen“, erläutert Stefan Renger, Steuerberater bei der multidisziplinären Kanzlei SSP Law in Düsseldorf.

Konkret bedeutet das, dass Anleger seit der Investmentsteuerreform nicht ausgeschüttete Erträge eines Fonds nicht mehr jährlich als sogenannte ausschüttungsgleiche Erträge versteuern müssen, betont Renger. Die Veröffentlichung dieser Erträge im Bundesanzeiger könne somit entfallen. Stattdessen hätten die Anleger die relativ geringe, pauschal ermittelte Vorabpauschale zu versteuern. Da dies zu einer langfristigen Steuerstundung führe, seien in der Beratung aus steuerlicher Sicht thesaurierende Fonds oftmals ausschüttenden Fonds vorzuziehen. Denn Ausschüttungen sind steuerpflichtig, auch wenn sie vom Anleger wieder in den Fonds reinvestiert werden.

Aber zugleich hat das Gesetz natürlich nicht nur unmittelbare Vorteile, wie der SSP Law-Steuerberater weiß. Denn eine weitere wichtige Änderung ist, dass vom Fonds gezahlte Quellensteuern nicht mehr auf die Steuer des Anlegers angerechnet werden. Um deshalb die Belastung mit Quellensteuern zu reduzieren, müsse bei der Auswahl eines Fonds darauf geachtet werden, wo der Fonds beheimatet sei. „So erheben zum Beispiel die USA 30 Prozent Quellensteuer auf Dividenden, die von US-Aktiengesellschaften an einen luxemburgischen Fonds ausgezahlt werden. Wird dagegen die gleiche Dividende von einem irischen Fonds vereinnahmt, beträgt die Quellensteuer nur 15 Prozent, weil das zwischen den USA und Irland bestehende Doppelbesteuerungsabkommen vorteilhafter ist“, sagt Stefan Renger.

Zugleich gewährt der Gesetzgeber bestimmte Freistellungen als Ausgleich für die weggefallene Anrechnung der vom Fonds gezahlten Quellensteuern. Diese betragen bei der Beteiligung eines Privatanlegers an einem Aktienfonds 30 Prozent der Erträge, Investmentanteile im Betriebsvermögen erhalten eine 60-prozentige Freistellung, körperschaftsteuerpflichtige Anleger 80 Prozent. Bei Immobilienfonds bleiben 60 Prozent der Erträge steuerfrei, bei ausländischen Immobilien sind es 80 Prozent. Für Mischfonds gilt eine pauschale 15-prozentige Steuerbefreiung für Privatanleger. Ob diese Teilfreistellungen den Nachteil aus der weggefallenen Quellensteueranrechnung voll ausgleichen oder es durch die Reform zu einer Steuermehrbelastung kommt, hängt davon ab, wie hoch die vom Fonds gezahlten Quellensteuern sind.

„Da die Anleger durch die Teilfreistellung erheblich Steuern sparen, ist sie ein wichtiges Kriterium bei der Fondsauswahl. Deshalb haben die deutschen Fonds ihre Anlagebedingungen bereits entsprechend angepasst. Die gesetzlichen Regeln gelten aber gleichermaßen für in- und ausländischen Fonds. Somit müssen auch die ausländischen Fonds darauf achten, durch eine entsprechende Gestaltung ihrer Anlagebedingungen sicherzustellen, dass ihre deutschen Anleger die Teilfreistellung erhalten“, gibt Steuerberater Renger einen Hinweis für Emittenten.

Zudem betont Renger, dass deutsche Anleger nun auch außerhalb Europas aufgelegte Fonds kaufen könnten, ohne negative steuerliche Folgen zu fürchten. Das sei vorteilhaft, so seien beispielsweise die Verwaltungskosten bei Fonds mit Sitz in den USA oft niedriger als bei europäischen Fonds. Hinzu komme ein Steuervorteil: Die USA erheben keine Quellensteuer auf Dividenden, die von US-Aktiengesellschaften an Fonds mit Sitz in den USA gezahlt würden. Eine US-Quellensteuer von 15 Prozent werde erst auf Ausschüttungen des Fonds an den deutschen Anleger erhoben. „Da sich hierbei um eine Quellensteuer auf der Ausgangsseite des Fonds handelt, wird diese wie bisher auf die Abgeltungsteuer beim Anleger angerechnet. Dies führt für den Anleger zu einer erheblichen Steuerersparnis.“

Stephan Albrech, Vorstand der Albrech & Cie. Vermögensverwaltung AG aus Köln, stellt heraus, dass das Thema früh im Hause bekannt gewesen sei. „Mit den Auswirkungen des Investmentsteuerreformgesetzes hatten wir uns frühzeitig auseinandergesetzt und uns dazu entschieden, dass wir unseren internationalen Aktienfonds dauerhaft mit einer hohen Aktienquote fahren wollen, damit er auch nach dem Gesetz als Aktienfonds eingestuft wird.“

Ernste Auswirkungen auf die Fonds-Vermögensverwaltungspraxis von Albrech & Cie. habe die Einführung nicht gehabt, aber für die Anleger bedeute das Investmentsteuerreformgesetz in erster Linie mehr Unsicherheit, da dies ein weiterer Bereich sei, der erklärungsbedürftig sei. Aufgrund der Komplexität des Themas könne es zu Kommunikationsproblemen kommen. „Es ist nicht unbedingt leicht, die einzelnen Punkte in ihren unterschiedlichen Auswirkungen einem Anleger verständlich erläutern zu können“, sagt Albrech.