Israelische Diamantenbörse plant eigene Kryptowährungen

Israels Diamantenbörse in Tel Aviv will den Edelsteinhandel modernisieren. Zu diesem Zweck plant sie, zwei durch Diamanten gedeckte Kryptowährungen einzuführen. Die eine, der "Cut", richtet sich an Diamantenhändler, die andere, der "Carat", soll als Anlagemöglichkeit dienen.

Der Diamantenhandel ist ein diskretes Geschäft. Wie ein Bericht des israelischen Justizministeriums feststellt, kommen Abschlüsse oft anonym per Handschlag zustande. Die Verschwiegenheit des Diamantengeschäfts verträgt sich schlecht mit den verschärften Know-your-Customer- und Geldwäschereibestimmungen, die die Banken einzuhalten haben. Nicht selten dauert es daher mehrere Tage, bis Banken eine Zahlung freigeben. Dadurch wird der Handel blockiert. Denn Diamantenhändler sind traditionell misstrauisch: Verkäufer übergeben ihre Steine nicht, bevor sie bezahlt werden und Käufer rücken das Geld nicht heraus, bevor sie die Diamanten in ihren Händen halten. Dazu kommt, dass sich die Banken wegen der geringen Gewinnmargen im Diamantengeschäft weitgehend aus dessen Finanzierung zurückgezogen haben.

Diamantenhandel ohne Banken

Die zunehmenden Schwierigkeiten des Edelsteinhandels haben das Startup Carats.io auf die Idee gebracht, zusammen mit der israelischen Diamantenbörse eine Kryptowährung für Diamantenhändler zu entwickeln. Der "Cut" genannte Coin soll es den Händlern ermöglichen, Zahlungen ohne Umweg über die Banken innerhalb weniger Minuten abzuwickeln. Händler, die mit Cuts zahlen wollen, müssen sich registrieren lassen und werden einer Überprüfung unterzogen. Anonyme Geschäfte sind also nicht möglich. Die Diamantenbörse garantiert jedoch, die Daten der einzelnen Händler geheim zu halten und nur gegen richterlichen Beschluss herauszugeben.

Der Cut ist teilweise durch Diamanten gedeckt, die in den Tresoren der israelischen Diamantenbörse lagern. Für die Prüfung der Diamantenbestände konnte die Börse den renommierten Wirtschaftsprüfer Ernst & Young verpflichten. Um die Preisbildung der Kryptowährung zu vereinfachen, hat Carats.io einen Diamantenpreisindex entwickelt, der auf 14 Kriterien beruht. Üblicherweise werden Diamantenpreise anhand von bloß vier Kriterien – Reinheit, Schliff, Farbe und Gewicht – berechnet. Ein Vorverkauf des Cut begann Anfang Februar. Im Mai soll der Initial Coin Offer (ICO) stattfinden, an dem sich alle Diamantenhändler weltweit beteiligen können.

Anlage in Diamanten per Kryptowährung

Die israelische Diamantenbörse und Carats.io planen zudem, im Mai einen weiteren Coin namens "Carat" auf den Markt zu bringen. Der Carat richtet sich an Anleger, die in Diamanten investieren wollen, ohne physische Diamanten kaufen zu müssen. Er ist wie der Cut teilweise durch echte Diamanten gedeckt. Wie hoch der Deckungsgrad ist, ist allerdings unklar. Avishai Shoushan, der CEO von Carats.io, sprach im Februar gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters von einem Viertel des Marktwertes. Einen Monat später versprach sein Mitarbeiter Nadav Perl in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur gar einen Deckungsgrad von 50 Prozent. Ein Whitepaper, das diese und andere Unklarheiten beseitigen würde, hat Carats.io (noch) nicht veröffentlicht.

Das Startup verfolgt ein ehrgeiziges Ziel. Es glaubt, nach dem Vorbild des bis in die dreißiger Jahre geltenden Goldstandards einen Diamantstandard etablieren zu können. Zuerst gilt es indes, die Diamantenhändler zu überzeugen. Und die sind eher konservativ. So äußerte sich Martin Rapaport, der den wichtigsten Benchmark für Diamantenpreise veröffentlicht, skeptisch. Er meinte gegenüber Reuters, bei den Kryptowährungen handle es sich um einen Hype. Diamanten hingegen hätten einen inneren Wert, der seit Jahrhunderten bestehe. Ob sich dieser innere Wert auf eine Kryptowährung übertragen lasse, sei fraglich.