Jaguar Land Rover will Brexit mit Dreitagewoche überstehen

Der Brexit wirft seine Schatten voraus. Großbritanniens größter Fahrzeughersteller Jaguar Land Rover (JLR) geht bei einem sogenannten „harten Brexit“ von massiven Streichungen von Arbeitsplätzen aus. Der Chef von JLR, Ralf Speth, bereitet sich und sein Unternehmen darauf schon jetzt mit einer drastischen Drosselung der Produktion vor. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) hat große Bedenken.

Mit dem harten Brexit ist der Austritt der britischen Wirtschaft aus der EU-Gemeinschaft ohne einvernehmliche Übereinkünfte und Regelungen gemeint. Ein solches, wenig wünschenswertes Szenario würde gerade der britischen Automobilindustrie Zehntausende Jobs kosten, so jedenfalls warnte kürzlich Ralf Speth, der Chef von Jaguar Land Rover. Seinen eindringlichen Worten lässt der Mann auch unmittelbar Taten folgen: Am 17. September kündigte er in der Konsequenz die Einführung der verkürzten Arbeitswoche an, und zwar im Werk Castle Bromwich im mittelenglischen Birmingham. Während des gesamten letzten Quartals 2018 soll dort nur noch drei Tage pro Woche produziert werden. Begründet wurde der Schritt mit „andauernden Gegenwinden“, womit unter anderem der Dieselskandal gemeint ist. Die Unternehmensleitung weist ausdrücklich darauf hin, dass durch diese Maßnahme Entlassungen vermieden werden können.

 

Der Dieselskandal erschüttert auch die Insel

Speth ist absolut nicht amüsiert darüber, dass Dieselfahrzeuge von der britischen Regierung geradezu verteufelt wurden. Dieser unseligen Haltung sind schon im Frühjahr mehr als 1.000 Jobs bei Jaguar Land Rover zum Opfer gefallen. Großbritannien ist der zweitgrößte Automobilmarkt in Europa. Die Verkäufe reduzierten sich hier im laufenden Jahr um circa 30 Prozent. Zwar sind ähnliche Entwicklungen auch auf anderen Märkten erkennbar, aber Jaguar Land Rover ist besonders hart betroffen. Neun von zehn Autos der Marke JLR haben einen Dieselmotor. Reine „Panikmache“ wird dem Konzernchef dagegen seitens der Brexit-Anhänger, allen voran von dem konservativen Politiker Bernard Jenkin, vorgeworfen.

 

Ist Produktionsauslagerung eine Lösung?

Gewerkschafter machen indes Front gegen Premierministerin Theresa May. Der Vorwurf lautet, dass eine chaotische Misswirtschaft im Zuge der Brexit-Verhandlungen zu dieser Verunsicherung im verarbeitenden Gewerbe und in der britischen Automobilindustrie geführt habe. Laut Reuters beschäftigt die britische Autoindustrie über 850.000 Menschen. Die Werke befinden sich in den meisten Fällen in ausländischer Hand und es besteht eine hohe Abhängigkeit von den bestehenden, globalen Liefer- und Vertriebsketten. Die EU ist dabei der größte Exportmarkt. An diese Adresse verkauft Jaguar Land Rover ungefähr 20 Prozent seiner Fahrzeuge.

Daher bleibt Ralf Speth dabei, dass ein schlechter Brexit-Deal allein seinem Konzern jährlich über 1,2 Milliarden Pfund kosten würde, das sind umgerechnet circa 1,35 Milliarden Euro, was fast 70 Prozent des Gewinns vertilgen würde. Auch eine Produktionsverlagerung ins Ausland darf vor diesem Hintergrund nicht gänzlich ausgeschlossen werden. So hat JLR angekündigt, dass das SUV-Modell „Discovery“ zukünftig in der Slowakei zusammengebaut werden soll.

Der deutsche Premiumhersteller BMW baut in Großbritannien Fahrzeuge der Marken Mini und Rolls-Royce. In diesen Werken arbeiten immerhin circa 8.000 Beschäftigte. Der BMW-Manager Ian Robertson bestätigte im Juni indirekt die Ansichten von Speth, indem er darauf hinwies, dass BMW seine Investitionen in Großbritannien noch in diesem Jahr einer kritischen Prüfung unterziehen wird, sollten die Brexit-Bedingungen so nebulös bleiben.
 

Der IWF sieht die Gefahr eines sofortigen Einbruchs

Der Respekt vor dem EU-Austritt Großbritanniens wächst. Im Rahmen einer Umfrage, die das Prüfungs- und Beratungsunternehmen „Deloitte“ durchgeführt hat, äußerten sich drei Viertel aller Finanzchefs im Lande hinsichtlich des Brexits ziemlich pessimistisch und verwiesen darauf, dass die Wirtschaft stets eine klare Richtung braucht. Inzwischen hat sogar der IWF eine Warnung an die Briten herausgegeben. Deren Tenor zielt genau in die Richtung, dass die Scheidung von der EU ohne Abkommen vor allem die britische Wirtschaft schwächen wird. Die Folgen werden ein geringeres Wirtschaftswachstum und ein höheres Staatsdefizit in Verbindung mit einer Abwertung des britischen Pfunds sein.

Zwar wird nach Aussage der IWF-Chefin Christine Lagarde die englische Wirtschaft ebenfalls mit einem Brexit-Abkommen geschwächt, aber der Austritt ohne Deal wäre gleichzusetzen mit einem „sofortigen Einbruch“ der Wirtschaft. Selbstverständlich werden auch andere EU-Volkswirtschaften, wenngleich in abgeschwächter Form, in den Sog einer Abwärtsspirale gezogen.

Der bisherige Plan sieht vor, dass Großbritannien am 29. März 2019 die Europäische Union verlassen wird. Vor Kurzem haben sich sogar Abgeordnete von Mays Konservativer Partei dafür ausgesprochen, ein zweites Brexit-Referendum auf den Weg zu bringen, falls das britische Parlament die Verhandlungsergebnisse mit Brüssel ablehnt. Vor zwei Wochen hat Premierministerin Theresa May dieser Idee eine klare Absage erteilt. In seinem Jahresbericht konstatiert der IWF, dass auf der englischen Privatwirtschaft schon seit dem knappen Votum des Referendums von Juni 2016 ein hohes Maß an Unsicherheit lastet. Für fundamentale Fragen wie jene nach der Grenze in Nordirland sind nach wie vor keine Lösungen in Sichtweite.