Je riskanter, desto besser?
3 min
2022-02-24

Je riskanter, desto besser?

Privatanleger werden offener für risikoorientierte Anlageformen. Und bei Investoren mit hoher Risikobereitschaft ist inzwischen sogar ein extremes Anlageverhalten zu beobachten. Das Volk der Sparer wird ein Volk von Investoren, und es wird auch mächtig gezockt. Wie ticken diese neuen Anleger? Zwei Studien geben Antworten.

Eigentlich sind die Deutschen ziemlich vorsichtige Anleger, genau genommen ein Volk von Sparern. Andererseits spielen sie aber auch lieber Lotto bei fast garantiertem Totalverlust als in Aktien zu investieren. Noch beliebter scheinen mittlerweile Kryto-Währungen zu sein. Sie wecken geradezu Goldgräberstimmung. Ist das die neue Realität oder nur so ein ungutes Gefühl, das der tieferen Analyse nicht standhält?

Die Schroders Global Investor Study 2021 bestätigt das ungute Gefühl. Sie zeigt, dass 37 Prozent der globalen, 35 Prozent der deutschen und 39 Prozent der österreichischen Investoren mittlerweile eher zu risikoreichen Geldanlagen bereit sind. In der Altersgruppe der 18- bis 37-Jährigen sind es weltweit 44 Prozent, in Deutschland sogar 51 Prozent und in Österreich 42 Prozent. An der Studie haben mehr als 23.000 Personen aus 33 Märkten teilgenommen.




Renditeerwartungen von mehr als zehn Prozent

Den Umfrageergebnissen zufolge fühlen sich viele Menschen gezwungen, höhere Risiken einzugehen, um erstens die durch die Covid-Pandemie verursachte Unsicherheit und zweitens die durch zunehmende Inflation ausgelösten Sorgen zu kompensieren. Dies trifft in noch höherem Maße auf jüngere Anleger zu. Und schaut man auf die Renditeerwartungen der Befragten, bleibt ihnen wohl gar nichts anderes übrig, als mächtig riskant anzulegen. Global erwartet jeder Zweite der 18- bis 50-Jährigen Renditen von mehr als zehn Prozent über die kommenden fünf Jahre. In Deutschland und Österreich sind es zwar etwas weniger der Befragten, aber auch hier die Renditeerwartung sehr sportlich. Achim Küssner, Leiter der Schroder Investment Management (Europe) S.A., German Branch, begrüßt zwar auf der einen Seite die Abkehr von wenig ertragreichen Anlageformen wie dem klassischen Sparbuch oder sogar dem Girokonto. „Auf der anderen Seite sollten Investoren jedoch realistische Renditeerwartungen zugrunde legen, da ansonsten die Gefahr besteht, enttäuscht zu werden“, sagt er.

Die Studie lässt den Schluss zu, dass die Einschätzung des Chance-Risiko-Verhältnisses mitunter unrealistisch ist. Etwas mehr als die Hälfte der global Befragten ist auf der Suche nach Rendite zu risikoreicheren Anlagen bereit. Ein Drittel würde in Krypto-Währungen investieren – bekanntlich eine extrem riskante und volatile Anlageklasse. In Deutschland würde ein Anteil von 24 Prozent und in Österreich von 29 Prozent Krypto-Währungen ins Auge fassen.


BaFin warnt vor Krypto-Währungen

Apropos Kryptos: Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) warnte Privatanleger jüngst vor riskanten Investments in Krypto-Währungen und Anlagetipps in sozialen Medien. Dort kursierten begeisterte Meldungen zu Bitcoin, Ether und Co., Investments in Cyber-Werte seien jedoch hoch spekulativ und ebenso riskant, wie die Aufsicht mahnt. Es drohe möglicherweise der Totalverlust des eingesetzten Geldes. Die Aufsicht bekommt seit drei bis vier Monaten vermehrt Anfragen von Verbrauchern zu Bitcoin und anderen Krypto-Währungen. „Auch wenn der Anteil von Privatanlegern bei Krypto-Werten derzeit noch überschaubar ist, so erreichen uns in letzter Zeit immer mehr Hinweise von Verbrauchern auf unseriöse Plattformen, auch aus dem Krypto-Bereich“, sagte Thorsten Pötzsch, der für Wertpapieraufsicht zuständige BaFin-Exekutivdirektor. „Häufig geht es dabei um die Frage, ob und wie die Verbraucher das Geld, das sie investiert haben, zurückgezahlt bekommen können.“

Zu einem ganz anderen, beruhigenderen Ergebnis kommt eine Studie des Forschungsinstituts DIW Econ im Auftrag von Trade Republic: Mehr als 70 Prozent der Befragten verfolgen langfristige Anlagestrategien, um für das Alter vorzusorgen. Rund 85 Prozent des Vermögens wird in Aktien und ETFs angelegt, lediglich zwei Prozent in Derivaten gehalten. Investieren statt Zocken, Risikostreuung statt heißer Wetten? „Es ist eine zentrale Frage, wie junge Menschen auf die gegenwärtige Lage auf den Kapitalmärkten und auf Negativzinsen reagieren. Die Untersuchungen des DIW Econ zeigen, dass eine neue Generation von Anlegern heranwächst, die einen signifikanten Teil ihres Vermögens am Kapitalmarkt investiert. Dieses Geld wird breit gestreut angelegt mit dem Ziel, langfristig zu sparen“, sagt Prof. Dr. Alexander Kritikos, Ökonom und Senior Research Associate bei DIW Econ. „Bemerkenswert ist, dass vor allem junge Menschen an diese Anlageformen herangeführt werden, zum Teil auch Erstanlegerinnen und Erstanleger.“


Junge Menschen investieren nicht blind und riskant

Die Studie „Hype or New Normal? Einblicke in Motivation und Verhalten einer neuen Generation von Anleger:innen“ wurde im Sommer 2021 durchgeführt. Dabei hat Trade Republic dem DIW Econ sämtliche Kundendaten anonymisiert zur Verfügung gestellt. Zusätzlich wurde eine circa 15-minütige Umfrage an alle Kunden versendet. Über 200.000 Nutzer haben geantwortet. „Die Analyse des unabhängigen renommierten Forschungsinstituts DIW Econ zeigt uns, wie drängend das Problem der Rentenlücke für viele junge Menschen ist, die einen signifikanten Teil ihres Vermögens am Kapitalmarkt investieren”, sagt Christian Hecker, Mitgründer von Trade Republic. Sie zeige darüber hinaus sehr deutlich, dass diese Menschen eigenständig, gut informiert und vor allem langfristig sparen würden. „Mit dieser Studie wollen wir auch einen Beitrag zur öffentlichen Debatte leisten. Immer wieder wird gemutmaßt, dass vor allem junge Menschen ihr Geld blind und riskant anlegen, mit einem hohen Risiko es zu verlieren. Die mit der Studie erhobenen Daten widerlegen diese These klar.”

Also Entwarnung? Oder ticken die Kunden von Trade Republic einfach nur anders als der Rest der deutschen Anleger? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Fakt scheint aber zu sein, dass die Risikobereitschaft der Deutschen steigt, dass sich das Volk der fleißigen Sparer immer öfter auch an die Börse traut. Und das ist gut so. 

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