Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Die besten Anlagestrategien Teil 4: Low Vola für unruhige Zeiten

Aktienkurse schwanken. Und das macht gerade Privatanlegern Angst. Für sie bedeutet Schwankung Verlustgefahr. Aber es gibt auch Titel, die wenig volatil sind und trotzdem langfristig gute Erträge bringen. Ist „Low Volatility“ die perfekte Anlageklasse für konservative Privatanleger?

Langfristig sind Aktien die renditestärkste Anlageklasse überhaupt. Langfristig schwindet auch das Verlustrisiko deutlich. Zumindest dann, wenn Anleger breit gestreut investieren. Trotzdem scheuen die Deutschen die Aktie. Viel zu gefährlich! Schließlich schwanken die Kurse, jederzeit kann es zu herben Verlusten kommen. Soweit die Vorurteile. Die guten Argumente - langfristige Rendite und mit der Zeit schwindendes Risiko - wollen sie nicht hören. 

Ja, Börsenkurse schwanken. Es braucht mitunter starke Nerven, das zu ertragen. Aber es gibt auch Aktien, bei denen die Schwankungen - im Börsendeutsch Volatilität - nicht so heftig ausfallen. „Low Vola“-Strategien sind sehr defensiv und eignen sich deshalb perfekt, um das Depotrisiko zu reduzieren. Diese Papiere sind wie geschaffen für unruhige Börsenzeiten. Die Renditen können sich aber trotzdem sehen lassen. „Langfristig weist der Faktor Low Vola im Vergleich zum allgemeinen Aktienmarkt eine ausgesprochen positive Rendite auf“, sagt Portfoliomanager Claus Grøn Therp von Jyske Capital. „Ein wesentlicher Teil der positiven relativen Rendite resultiert aus geringeren Verlusten in rückläufigen Perioden.“ 

Natürlich kann sich kaum eine Aktie dem allgemeinen Trend völlig entziehen, wenn es an den Börsen stark nach unten geht. „Auch risikoarme Aktien können sich in Krisenzeiten nicht vollständig vom Markt entkoppeln“, sagt Sven Thießen, Leiter Quantitative Produkte Aktien bei der Deka Investment. In einer Baisse würden aber meist einzelne Marktsegmente besonders stark unter Druck geraten. „Jedoch sind Low-Risk-Strategien in diesen Segmenten typischerweise nicht investiert beziehungsweise ziehen sich aus ihnen zurück, wenn beispielsweise die Risiken bei zyklischen Aktien im Quervergleich ansteigen.“ Daher würde es risikoarmen Strategien wie „Low Vola“ in der Regel sehr gut gelingen, hohe Kursverluste abzufedern. Denn tatsächlich gibt es Papiere, denen ein Einbruch der Kurse auf Dauer nur wenig anhaben kann. 

 

In der Ruhe liegt die Kraft

In schwachen Börsenphasen weniger stark zu verlieren, heißt auch, dass aufgrund des negativen Zinseszins-Effekts weniger Rendite benötigt wird, um nach einem Verlust auf das Ausgangsniveau zurückzukommen. Verliert man beispielsweise zehn Prozent, braucht es einen Gewinn von elf Prozent, um den Kursrücksetzer wettzumachen. Geben eine Aktie oder ein Fonds aber 30 Prozent ab, braucht es eine Kursplus von 43 Prozent, um die Nulllinie zu erreichen. Low-Vola-Aktien sind wie gemacht für Anleger, die eher konservativ unterwegs sind, allzu große Risiken meiden und Kursschwankungen nur schwer ertragen können. Getreu dem Motto: In der Ruhe liegt die Kraft. „Wenn der Anleger das langfristige risikobereinigte Ergebnis betrachtet, ist Low Vola ziemlich attraktiv“, sagt Claus Grøn Therp.

Anleger können mit solchen Aktien, Fonds oder Indexfonds also ihr Risiko minimieren, ohne gleichzeitig auf einen Teil der Aktienrendite verzichten zu müssen. Langfristig bieten Low-Vola-Aktien eine Überrendite, die sie allerdings nicht in Bullenmärkten einfahren, in denen sie nämlich weniger stark steigen. „In Boomphasen entwickeln sich auch defensive Aktien typischerweise positiv“, sagt Deka-Experte Thießen. „Sie können aber an den hohen Kursgewinnen des Aktienmarktes meist nicht vollständig partizipieren.“  Der Renditerückstand ist immer dann recht groß, wenn die Kursgewinne des Aktienmarktes in hohem Maße aus dem riskanten Marktsegment stammen. Dies war beispielsweise in den vergangenen Jahren mit den FAANG-Aktien, also Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google-Mutter Alphabet, in den USA auch in einer lang anhaltenden Hausse der Fall. Noch ausgeprägter ist diese Konstellation jedoch in der ersten Kurserholung nach einer ausgeprägten Baisse wie beispielsweise im Frühjahr 2009.

Der Anleger muss mit einem asymmetrischen Gewinnprofil umgehen können. Er gewinnt in guten Phasen weniger, verliert in schwachen aber auch nicht so viel. „Die einfache Low-Risk-Strategie ist nicht darauf ausgerichtet, einen Marktindex zuschlagen, wie es etwa von Faktorstrategien auf Basis von Value, Quality oder Momentum erwartet wird“, ergänzt Bernhard Breloer, Client Portfolio Manager, Quant Equities, bei Robeco. Vielmehr sei das Ziel marktähnliche Renditen bei einem geringen (Drawdown-)Risiko zu erzielen. „Dies führt natürlich auch zu einem positiven Alpha, wenn die Marktrendite bei niedrigem Risiko erzielt wird, aber eben kein Mehrertrag“, so Breloer.

Doch langfristig funktioniert Low Vola ziemlich gut. Die geringe Volatilität ist aber natürlich nicht das einzige Auswahlkriterium für Investoren. Bei Jyske Capital beispielsweise wird sie mit hoher Qualität kombiniert. Auch bei der Deka spielen neben Low-Risk-Faktoren auch fundamentale Faktoren eine wichtig Rolle. Anhand von Qualitäts- und Sentiment-Faktoren wird die Profitabilität und die Dynamik der zugrundeliegenden Fundamentaldaten analysiert. „Interessant ist aber auch, dass sich dieser Faktor gut mit anderen Renditen Faktoren wie Value und Momentum kombinieren lässt“, sagt Robeco-Experte Breloer. „Ergänzt man eine Low-Risk Strategie um diese Faktoren, ermöglicht man die Chance auf eine Outperformance, wobei die Eigenschaft der Risikoreduktion beibehalten wird.“

Doch wie hoch sollte der Anteil dieser Anlageklasse in einem ausgewogenen Depot sein? Pauschal lässt sich das nicht beantworten. „Wichtig ist aber die Erkenntnis, dass defensive Aktienprodukte dem Anleger bei einem gegebenen Risikobudget eine höhere Aktienquote ermöglichen und somit nicht nur ein besseres Rendite-Risiko-Verhältnis, sondern im Ergebnis auch eine höhere Rendite liefern können“, sagt Deka-Experte Thießen. Grundsätzlich hängt der Anteil einer Low-Risk Strategie von der Risikoeinstellung des Investors ab. „Ein risikoscheuer Investor kann eine solche Strategie als sein Core-Investment wählen, während ein risikofreudiger Investor Low-Risk tendenziell als Baustein zur Stildiversifikation verwendet und damit eher als Sattelite“, sagt Breloer. Bei einem einfachen 50/50-Portfolio, das also zu gleichen Teilen ausschließlich in Aktien und Anleihen investiert, sei ein Low-Risk Anteil von insgesamt fünf bis zehn Prozent durchaus plausibel, also zehn bis 20 Prozent des Aktienportfolios.  Bei Jyske Capital hält man in einem  ausgeglichenen Portfolio bis zu 25 Prozent für angemessen.

„Low Vola“ ist sehr konservativ und eignet sich daher vor allem für sicherheitsorientierte Anleger. Die Auswahl an Fonds und ETFs ist groß. Das Analysehaus Morningstar listet mittlerweile mehr als 100 Produkte. 

 

Lesen Sie auch Teil 1, 2 und 3 der Serie "Die besten Anlagestrategien":

Die besten Anlagestrategien Teil 1: Der Blick in deutsche Depots ist erschreckend

Die besten Anlagestrategien Teil 2: Qualität zahlt sich aus, auch an der Börse

Die besten Anlagestrategien Teil 3: Börsenzwerge als Renditebringer