Mehr als nur Nord, Ost, Süd und West: Wettbewerb um digitale Karten spitzt sich zu
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19.07.2021

Mehr als nur Nord, Ost, Süd und West: Wettbewerb um digitale Karten spitzt sich zu

Wie oft haben Sie heute schon auf eine Karte geschaut? Und wie oft war diese Karte digital? Inzidenzzahlen, Navigations-Apps oder teilautonomes Fahren – in vielen Bereichen führt kein Weg mehr an digitalen Karten vorbei. Startups und Großkonzerne treiben die Entwicklung der besten Technologie voran – was auch Investoren auf ihrer Investmentkarte beachten können.

„In der ersten Hälfte des Jahres 2020, als mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung im Lockdown waren, blickten viele von uns wie gebannt auf eine Karte“, schreibt der bekannte Politikwissenschaftler, Urbanist und Sicherheitsexperte Robert Muggah in seinem Beitrag für das World Economic Forum. Und er hat Recht. Die Karte, die er meint? „Die alarmierende rot-schwarze Anzeige, die von Forschern der Johns Hopkins University erstellt wurde, zeigt die Entwicklung von COVID-19, dem verheerendsten Virus der letzten 100 Jahre.“

Muggah rückt in seinem Beitrag mit den Karten ein Werkzeug in den Mittelpunkt, das für viele Menschen auf der Erde inzwischen zum Selbstverständnis geworden ist. An quasi jeder U-Bahn-Haltestelle finden sich Karten von den Liniennetzen und der Innenstadt, auf den Smartphones der Menschheit kann über Anwendungen wie Google Maps oder Apple Maps in Sekundenschnelle die ganze Welt überblickt werden. Wetterkarten zeigen interaktiv den nächsten Regenschauer und 3D-Karten die Sehenswürdigkeiten schon vor dem lang ersehnten Rom-Trip.


Karten sind gefragt – und die Daten dazu

Wo früher noch ungenaue Zeichnungen Expeditionsschiffe durch die Nordwestpassage führen sollten, sind Karten heute über und über gespickt mit verschiedensten Daten. „Wenn sie gut gestaltet und umgesetzt werden, können Karten das Bewusstsein schärfen und zu einer intelligenteren Entscheidungsfindung beitragen – von der globalen bis zur hyperlokalen Ebene“, erklärt Muggah und ergänzt: „Karten sind jedoch nur so stark wie die Informationen, die ihnen zugrunde liegen; ihre Datenquellen und Auflösung bestimmen ihren Nutzen.“ In der Corona-Pandemie spielten etwa die Daten zu den Neuinfektionen eine wichtige Rolle, es gab aber auch Projekte, die millionenfach Social-Media-Nachrichten auswerteten und Fake-News-Karten erstellten. Facebook stellte anonymisierte Daten zur Verfügung, um Aussagen über das Social Distancing in Kartenform zu gießen. So oder so: Anbieter von Karten, die Daten intelligent verarbeiten, waren durch die Pandemie gefragt.

Die Erstellung solch intelligenter Karten ist aufwändig und teuer. Inzwischen ist deswegen ein interessantes Geschäft um digitale Karten und um Anbieter entstanden, die sie aufbauen können – meist mit der Hilfe von künstlicher Intelligenz, die die enormen Datenmengen auswertet. Bestes Beispiel ist der Platzhirsch bei den digitalen Karten. Alphabet respektive Google hat das Maps-Angebot über Jahre hinweg aufgebaut, Daten gesammelt und verknüpft. Was zu Beginn auch eine Menge Fleißarbeit bedeutete, ist inzwischen eine Arbeit für Machine Learning oder künstliche Intelligenz geworden. So schreibt etwa Johann Lau, Product Manager bei Google Maps, auf einem Google-Blog zu der Arbeit mit der Technologie: „Kürzlich haben wir uns mit DeepMind, dem KI-Forschungslabor von Alphabet, zusammengetan, um die Genauigkeit unserer Verkehrsvorhersagefunktionen zu verbessern. Unsere ETA-Vorhersagen haben bereits eine sehr hohe Genauigkeit – wir sehen, dass unsere Vorhersagen für über 97 Prozent der Fahrten konstant genau waren.“

Manche KI-Anwendungen gehen bei den digitalen Karten sogar noch weiter – denn mit dem autonomen Fahren eröffnet sich ein zusätzliches Geschäftsfeld, in dem die beiden Anwendungen zusammenwirken müssen. Während normale Karten über GPS eine Genauigkeit von einigen Metern garantieren können, geht es beim autonomen Fahren um Zentimeter. Dafür messen künstliche Intelligenzen laufend exakte Standorte von Straßenschildern oder sogar die Höhe eines Bordsteins ab, daraus entstehen hochdetaillierte Karten für die Systeme des Fahrzeugs. „Für das autonome Fahren sind entsprechende Anwendungen also unverzichtbar“, erklärt Tilmann Speck, der sich für den AI Leaders Fonds mit entsprechenden Anwendungen auseinandersetzt. „In der Branche ist deswegen längst ein Wettbewerb um die besten Anwendungen ausgebrochen.“


Übernahmen und Wachstumskurs

Im Juni 2021 übernahm etwa der Chip-Riese Nvidia das HD-Karten-Startup DeepMap. Das Ziel dabei ist klar. „DeepMap wird unsere Mapping-Produkte erweitern, uns bei der Skalierung des weltweiten Kartenbetriebs helfen und unsere umfassende Kompetenz im Bereich Self-Driving ausbauen", sagte Ali Kani, Vice President und General Manager Automotive bei Nvidia. Denn auch andere Anbieter schlafen nicht. Google hat mit Waymo ein Spin-Off seiner Selbstfahrsparte etabliert, die den Markt bisher anführt. Das Beratungs- und Researchunternehmen Guidehouse Intelligence zählt in der Rangliste für die Marktführer im Bereich des autonomen Fahrens nach Waymo und Nvidia noch Unternehmen wie Argo AI, Baidu oder Cruise, die ebenfalls auf künstliche Intelligenz und digitale Karten setzen.

Die Schnittmenge zwischen den beiden Faktoren ist also inzwischen längst zu einem umkämpften Geschäftsfeld geworden. Der Researchanbieter IMARC Group attestiert dem Markt für digitale Karten in den Jahren von 2014 bis 2019 ein jährliches Wachstum von rund 15 Prozent, GrandviewResearch geht von einem Volumen von bis zu 16,15 Milliarden US-Dollar im Jahr 2027 aus – was einem immer noch hohen Wachstum von 13 Prozent per annum entsprechen würde. Treiber für die zunehmende Intelligenz der Karten: Augmented Reality in Navigationsapps, immer mehr Smartphone-Benutzer und eben das autonome oder teilautonome Fahren von vernetzten Autos. „Für viele Konzerne sind diese Nachfragequellen extrem interessant und ein Wachstumsfeld für die kommenden Jahre“, ordnet auch KI-Experte Speck die Geschäfte der Konzerne. „Unternehmen, die im Bereich der künstlichen Intelligenz und der digitalen Karten derzeit schon forschen, dürften in den kommenden Jahren profitieren – und das ist auch für Investoren interessant, die entsprechende Aktien auf dem Schirm haben sollten.“

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