Multi-Asset: Die Sache mit dem Internet

Die Lektion ist gelernt: Die Digitalisierung beschleunigt alles und jeden. Natürlich nimmt damit auch die Geldanlage etwa mit Multi-Asset-Fonds kräftig an Fahrt auf. So sehr, dass es sie aus der Kurve trägt?

Ok, Mathematiker oder Physiker sind vermutlich nicht wirklich cool. Daran ändern auch Endlosschleifen der „Big-Bang-Theory“ nichts. Aber immerhin sind sie extrem wichtig geworden. Investieren war schon immer eine Welt der Zahlen. Solche, die Ertragschancen bewerten, Korrelationen oder Risiken. Und immer mehr wandern diese Zahlen vor allem über Platinen, unter anderem von Physikern bestückt. Digitalisierung eben. Und das trifft naturgemäß auch die Assetmanager und deren Produkte. Sogar Multi-Asset-Fonds.

Einen von vier zukunftsbestimmenden Trends, so nennt das Beratungshaus PwC in einer Studie diese Entwicklung. „Jedes Unternehmen müsse ein Technologieunternehmen werden. Künstliche Intelligenz, Robos, Big Data und Blockchain verändern die Industrie. Technologie wird festlegen, welche Unternehmern zu den Gewinnern der sich schnell verändernden Landschaft gehören.“ Ok, man frage keinen Friseur, ob man einen Haarschnitt brauche. Und keine Unternehmensberatung, wie sinnvoll die Teilnahme am beratungsintensiven Tech-Einstieg wäre.

Trotzdem bleiben die vorgebrachten Argumente richtig. Denn Digitalisierung und ihre Schwestern haben die Branche schon kräftig verändert. Fintechs und Insurtechs beispielsweise hinterfragen radikal die Bedeutung des ganzen „staff“ und setzen ein Geschäftsmodell nur mit dem Kollegen Computer auf. Ein persönliches Beratungsgespräch? Syntax Error. Nutmeg und Co verwalten mit dieser Methode stetig wachsende Vermögen. Branchen- und weltweit sollen es nach Schätzungen 2020 um die 1 Billion Dollar sein, rund Euro.

 

The trend is your friend

Kein Wunder also, wenn die Granden nachziehen. Goldman Sachs beispielsweise lehrt ihr Tool Marcus die Kunst der Geldverwaltung, Altmeister DJE hat Solidvest an den Start gebracht. Beileibe keine Einzelfälle. Vielleicht nur ein Zeh im digitalen Wasser, aber allemal besser als frierend am Beckenrand zu stehen. Denn die Zeit dürfte mit den Neuen sein. Das liegt vor allem auch an den Kunden. Derzeit geht Vermögen in der Regel mit höherem Alter einher. Und in dieser Generation ist man den persönlichen Umgang in Sachen Vermögen gewohnt.

Doch jüngere Generationen haben andere Vorstellungen neuen Generationen. Einkaufen geht online, Behördengänge (sofern Deutschland mitzieht), Banking und eben auch Vermögensverwaltung. Und auch wenn die junge Generation derzeit vielleicht noch nicht viel zu investieren hat, werden Zukunft und Karriere das ändern. Ganz zu schweigen davon, dass eine junge Generation eben immer auch eine Erbengeneration ist.

Weggucken ist daher keine Alternative für die Anbieter, zeigt auch eine Erhebung des Analysehauses Global Data. Die Schlussfolgerung: Vermögensverwalter müssten eben auch online Vermögen verwalten, ob managed account oder Fonds. Der beleidigte Verweis darauf, dass auch Fintechs vor Fehlern bei der Anlageentscheidung nicht gefeit sind, ist ein Bumerang-Argument: Denn bekanntlich gelingt es etwa 80 Prozent der herkömmlichen Fondsmanager nicht, ihre Benchmark zu schlagen. Entsprechend fräsen sich Computer & Co. ihren Weg ins Assetmanagement. Je einfacher das Modell, umso offenkundiger. 

 

Börsenhandel auf Speed

Passive Fonds sind die ersten, bei denen sich der digitale Einfluss breitmacht. Immerhin bilden die nur Indizes nach. Portfolioanpassungen sind also nur dann notwendig, wenn sich der Index selbst verändert, was wiederum in aller Regel festen Regeln wie der Marktkapitalisierung folgt. Was also, wenn ein ETF sein Portfolio schneller abpassen könnte als andere? Einfach aufgrund einer IT-Aufstellung? Undenkbar? Eben nicht. „Collocation“ heißt es, wenn Hochfrequenzhändler ihre Rechner so nahe wie möglich an den Servern der Börsen aufstellen. Und damit den Handelsplätzen Extraeinnahmen bescheren – aber darum geht es nicht. Sondern darum, einen Millisekundenvorsprung gegenüber der Konkurrenz einstrechen können. Unter dem Strick rechnet sich das für die Anbieter. Zumal Digitalisierung auch dabei hilft, die Kosten zu senken. Und das Passiv-Geschäft ist nun einmal ein Skalen-Geschäft. Je effizienter betrieben, umso höher die Marge.

Aber auch beim klassischen Fondsmanagement werden Computer immer mehr punkten. Einfach, weil in fünf bis zehn Jahren weniger Firmen mehr Assets verwalten werden zu geringeren Kosten, schreibt PwC. Mithalten kann nur, wer mitrüstet. Bereits jetzt sind ein gutes Drittel der Bankkunden offen für den Einsatz von Bigtech, heißt es in einer Capgemini-Erhebung.

Besonders spannend wird es, wenn die Technik nicht nur das bloße „number crunching“ kann, das sekundenschnelle Verdauen großer Zahlenmengen, sondern auch zur Kreativität fähig wird zum Lernen. AI soll das ermöglichen.

 

Keine Schwarzen Schwäne mehr?

So auch die Skizze einer Zukunft, wie sie Societe Generale entwirft. Handelsplätze, die sich selbst entwerfen, mit vollständiger Preistransparenz etwa. Preisverzerrungen durch Hochfrequenzhändlern wäre so ein elektronischer Riegel vorgeschoben. Oder das Risk-Management: Was wäre, wenn es dank Kollege Computer auch die berüchtigten Schwarzen Schwäne auf dem Radar hätte?

Gerade bei Multi-Asset-Fonds würde diese Entwicklung einschlagen. Immerhin sind das die Fonds, die auf den größten Dateninput angewiesen sind und die beste Destillation eben jener Datenvielfalt. Eben, weil sie bei der Anlage aus allen Asset-Klassen schöpfen. Aus der Kurve getragen werden die Fonds also nicht – sinnvollen Einsatz der Technologie vorausgesetzt. Auch für den Kunden und den Berater könnte das ein Plus bieten. Etwa mit Blick auf die Psychologie. Immerhin ist die größte Angst der Sparer die vor der Falschberatung. Vor dem allzu menschlichen Fehler eben. Was also, würde diese Komponente einfach durch den Computer ersetzen? Den Physikern dürfte das nur recht sein.