Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Mythos oder Wahrheit #4: Gibt es wirklich sichere Geldanlagen?

Sicherheit ist die oberste Maxime der Deutschen, wenn es um ihre Geldanlage geht. Doch absolute Sicherheit gibt es nicht. Jedes Investment birgt Risiken, auch das konservativste. Doch das wollen viele nicht wahrhaben und schätzen deshalb die Chancen anderer Investments völlig falsch ein. Aufklärung tut not.

Die Deutschen sind ein Volk von fleißigen Sparern. Es ist kein Geheimnis, dass die meisten Deutschen extrem konservativ, fast schon ängstlich investieren. Der Erhalt ihres Ersparten geht ihnen über alles. Kursschwankungen und mögliche Verluste sind ihnen ein Graus. Deshalb setzen sie vor allem auf Sparanlagen, von denen sie glauben, dass diese ohne Risiko sind. Doch dauerhaft sichere Anlagen, die gegen sämtliche Krisen und Katastrophen immun sind, gibt es nicht. Sie gehören ins Reich der Mythen. Für jede Anlage gibt es Katastrophen-Szenarien, die Anleger nur schwer vorhersagen können und vor allem wollen.

Doch warum ist das so? „Der Mensch sehnt sich nach Sicherheit und lässt sich bei der Betrachtung verschiedener Geldanlagen von diesem Wunschdenken leiten“, weiß Dirk Rathjen, Chef des Instituts für Vermögensaufbau (IVA). „Die Generation unserer Großeltern hat in den 1940er-Jahren schmerzhaft gelernt, dass im Extremfall Sparbuch, Anleihen, Immobilien und der eigene Staat nicht sicher sind.“ 

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Von Bankpleiten und Strafzinsen 

Auch heute übersehen die Menschen Risiken. Denn selbst ein Sparbuch ist nicht 100-prozentig sicher. Zwar sind Bankpleiten durch die gesetzliche Einlagensicherung abgedeckt und Sparanlagen zumindest bis zu einer Summe von 100.000 Euro abgesichert. Mit Blick darauf ist das Geld also sicher. Eine Gefahr aber oder doch zumindest ein großes Problem für Sparer ist die aktuelle Geldpolitik der Notenbanken. Immer mehr Banken verlangen Verwahrgebühren beziehungsweise Strafzinsen. 

Viel gewichtiger sei aber die Inflation, gibt Rathjen zu bedenken. „Wenn ich heute 50.000 Euro auf ein deutsches Konto lege, sind es mit der höchst möglichen Wahrscheinlichkeit auch in 30 Jahren noch mindestens 50.000 Euro“, sagt er. „Allerdings kann ich in 30 Jahren viel weniger dafür kaufen. Bei zwei Prozent Inflation etwa die Hälfte weniger.“ Für eine langfristige Kapitalanlage ist die Sicherheit deshalb nur scheinbar. 

„Wenn Vermögensverluste bei negativen Realzinsen als sicher eingestuft werden, sind Sparbücher unter Berücksichtigung der Einlagensicherung als risikolos anzusehen“, sagt Ulrich Stephan, Chefanlagestratege Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank. Im Grunde ist das Geld nur sicher, wenn man die realen Verluste aufgrund der Geldentwertung verdrängt beziehungsweise in Kauf nimmt. Und genau das tun viele Sparer.


Unterschätzte Risiken beim Betongold

Selbst Immobilien sind nicht so sicher, wie viele Wohnungs- und Hausbesitzer gerne glauben. Im Gegenteil. „Als Kapitalanlage bergen sie unterschätze Risiken“, sagt Ecperte Rathen. Unerwartete Reparaturen oder Leerstände können schließlich ganz schön ins Geld gehen. Und das ist längst nicht das einzige Risiko. „Wenn es hier um die Sicherheit im Sinne von Werterhaltung der Anlage geht, gehören Immobilien natürlich nicht zu den ‚sicheren‘ Anlagen“, sagt auch Stephan. Dabei spiele die Substanz der Immobilien eine Rolle, noch wichtiger sei aber der Standort. „Immobilienpreise können deutlich schwanken, werfen aber in der Regel auch eine höhere Rendite als mündelsicherere Papiere ab.“ Natürlich schwanken Immobilienpreise in der Regel nicht so stark wie Aktienkurse oder sogar Anleihen. Aber absolut super stabil sind sie in den wenigsten Lagen, und die jährliche Rendite hängt eben nicht nur vom Preis ab.


Risiko nimmt bei längerem Anlagehorizont ab

Aktien und Anleihen mögen riskanter sein, aber ganz ohne Risiko ist eben keine Anlage. Die Entwicklung von Aktieninvestments hängt natürlich vom Unternehmenserfolg ab, aber auch von der wirtschaftlichen Entwicklung. Was viele Sparer nicht glauben wollen: Bei guter Risikostreuung schwindet das Risiko mit längerem Anlagehorizont deutlich, die Chancen überwiegen sogar. Trotzdem gelten Aktien als extrem unsicher. Im Gegenteil zu Staatsanleihen bester Bonität. 

Aber auch die Besitzer von Bundesanleihen und US-Staatsanleihen mussten in den vergangenen Jahren einige Schwankungen ertragen. Natürlich werden die Papiere zum Ende der Laufzeit zu 100 Prozent zurückgezahlt, der Kupon ist fix. Aber wer es sehr, sehr sicher mag, sollten zwischenzeitlich nicht auf den Depotauszug schauen. „Die EZB hat mit ihrer Politik auch die Bundesanleihen zur problematischen Anlage gemacht“, sagt Rathjen. „Steigen die Zinsen und man verkauft die Bundesanleihen vor Ablauf, muss man mitunter herbe Kursgewinne hinnehmen.“ 

Bei den US Treasuries sind die Renditen nach wie vor positiv, immerhin aktuell gut 0,6 Prozent p.a. bei zehn Jahren Laufzeit. Allerdings nagt auch hier die Inflation am Wert. „Bei Zinserholungen gibt es Kursverluste und bei Dollarabwertungen wie in den letzten Wochen hat man Währungsverluste“, ergänzt Rathjen. Ein Risiko, das nicht zu unterschätzen ist. „Bei Bundesanleihen und US-Treasuries kommt es auf die Währung an, in der der Anleger rechnet“, sagt auch Stephan. „Für einen Euro-Anleger dürften in Euro denominierte Bundesanleihen als mündelsicher gelten.“ Grundsätzlich gelte aber, je kürzer die Laufzeit, desto weniger Risiken seien mit der Anlage verbunden.


Auch der Goldpreis schwankt

Und selbst der vermeintlich sichere Hafen Gold ist gar nicht so sicher, Denn auch das gelbe Edelmetall schwankt im Preis. Gold ist eine Risikoanlage wie jedes andere Wertpapier. „Gold ist natürlich keine ‚sichere‘ Anlage“, betont Stephan. „Man kann noch nicht einmal analytisch einen Preis ermitteln, da Gold keinen Cash Flow generiert. Gold ist das wert, was jemand bereit ist, dafür zu zahlen.“ Entsprechend stark seien die Preisschwankungen bei Gold.

Risiken gibt es also bei jeder Anlageklasse. Das müssen Investoren wissen und ertragen können. Es gilt, die Risiken bestmöglich zu verstehen und die größten Gefahren zu umschiffen. Denn letztlich geht es bei der Anlageentscheidung um Gewinnchancen, Verlustrisiken und einer gesunden Mischung derselben. Und an die Adresse der extrem sicherheitsorientierten Anleger, aber auch an jene, die all zu schönen Renditeversprechen glauben: Absolute und dauerhafte Sicherheit gibt es an die Kapitalmärkten nicht, und eine Garantie auf Anlagegewinne schon gar nicht.


Berater sind gefragt

In Zeiten von Null- und Minuszinsen ist das eine echte Herausforderung für konservative Anleger und ihre Berater. „Für Anleger wird es im wachstumsschwachen und zinslosen Umfeld immer schwieriger, geeignete Anlagemöglichkeiten zu finden“, sagt Christian Kahler, Kapitalanlagestratege der DZ Bank. „Der reale Erhalt des Anlagekapitals steht im Vordergrund, höhere Ziele erscheinen zu ambitioniert gewählt.“ Doch selbst dieser reale Erhalt, im Grunde eine Null-Rendite nach Abzug der Inflation birgt eben ein gewisses Risiko.