Nach Fed- und BoE-Zinsentscheid: Jahresendrally voraus?
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2021-11-05

Nach Fed- und BoE-Zinsentscheid: Jahresendrally voraus?

Die jüngsten Zinsentscheide der Zentralbanken in Washington und London haben erneut die Aktienmärkte beflügelt. Anleger freuten sich über die erneut aufgeschobenen Leitzinsanhebungen. Inflationssorgen sowie vorherige Zinssteigerungen kleinerer Notenbanken in Folge hatten Druck aufgebaut. Ist der Weg frei für eine Aktien-Jahresendrally?

In den vergangenen Wochen scheint wieder Dynamik in das Leitzinsgeschehen der Zentralbanken gekommen zu sein. Dabei haben inzwischen weltweit ein Drittel der kleineren und mittleren Zentralbanken ihre Leitzinsen unter anderem aufgrund steigenden Inflationsdrucks angehoben. So erfolgten erst kürzlich Anhebungen in Brasilien (27.10.), Polen (06.10.), Neuseeland (06.10.) und Russland (22.10.). Wochen zuvor hatten die Währungshüter in Norwegen (23.09.), Südkorea (26.8.) oder Mexico (12.08.) die Zinsschraube nach oben gedreht. Nicht zuletzt deswegen standen jetzt die aktuellen Entscheidungen der weltweit zu den größten Zentralbanken zählenden US-amerikanischen Federal Reserve (Fed) sowie der Bank of England (BoE) besonders im Fokus. Viele Marktteilnehmer und Anleger fragten sich, ob mit der Fed am Mittwoch dieser Woche oder der BoE gestern überraschende Kursänderungen in punkto Leitzinsanhebungen oder geldpolitischer Straffung vermeldet würden. Abseits der eingepreisten Erwartungen wären hier Überraschungen natürlich mit Turbulenzen in den Aktienmärkten einhergegangen.


BoE und Fed enttäuschten nicht – im Gegenteil

Doch die Bank of England (BoE) beließ trotz aller Wahrscheinlichkeiten und Analysten-Prognosen ihre Leitzinsen unverändert bei 0,10 Prozent. Nur zwei von neun Mitgliedern des geldpolitischen Ausschusses (MPC) unter der Leitung von Gouverneur Andrew Bailey votierten für eine Anhebung auf 0,25 Prozent. Nach den Swaps auf Zinsfutures (OIS) hatte der Markt eine Zinserhöhung mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 60 Prozent bereits abgezinst. Zudem votierte der Ausschuss mit 6 zu 3 Stimmen für die Absenkung des Zielvolumens beim Staatsanleihekaufprogramm (GILT) von 875 Milliarden um rund 20 Milliarden  auf nunmehr 855 Milliarden Pfund. Zur Begründung ihrer Gesamtentscheidung verwiesen die britischen Zentralbanker auf die von ihnen nur als vorübergehend erwarteten Treiber (Energiepreise, Lieferkettenprobleme) der aktuell über dem 2-Prozent-Zielwert liegenden Teuerung. Bemerkenswert: Die BoE erwartet in der Spitze eine Inflation von 5,0 Prozent im April des kommenden Jahres. Es sei auch notwendig, "in den kommenden Monaten die Leitzinsen anzuheben", wobei er nicht über den Terminus "kommende Monate" spekulieren möchte, so der Notenbank-Gouverneur Andrew Bailey. 

Auch das angekündigte schrittweise Absenken der Anleihekäufe ("Tapering") durch die US-Notenbank Fed hatte die Anleger am Vortag nicht überrascht. Den Anfang vom Ende der ultralockeren Geldpolitik teilte Notenbank-Chef Jerome Powell am Mittwoch-Abend wie überwiegend erwartet mit. Damit will die weltweit bedeutendste Zentralbank laut einstimmigen Beschluss des Offenmarktausschusses (FOMC) noch in diesem Monat starten. Das aktuell monatliche Volumen von 120 Milliarden US-Dollar soll so jeden Monat um 15 Milliarden US-Dollar reduziert werden. Wenn die US-Notenbank auf diesem Kurs bliebe, würden die monatlichen Ankäufe von Staatsanleihen (zwei Drittel) und hypothekenbesicherten Wertpapieren (ein Drittel) im Juni nächsten Jahres auslaufen. Allerdings werde bei Bedarf das Tempo der Käufe angepasst. Powell wörtlich: "Wir würden die Märkte nicht überraschen, wenn wir die Tapering-Geschwindigkeit ändern müssten." Und mit Bezug auf die Leitzins-Frage: "Es wäre verfrüht, die Zinsen zu erhöhen", aber zugleich stellte der US-Notenbankchef klar: "Wenn wir die Zinsen erhöhen müssen, werden wir geduldig sein, aber nicht zögern." Aktuell sei es jedenfalls "nicht die Zeit, die Zinsen zu erhöhen", denn erst solle "der Arbeitsmarkt gesunden."       


Erleichterte Aktienmärkte sprangen auf neue Allzeithochs 

Trotz Inflationssorgen, Lieferkettenproblemen und Befürchtungen um eine nachlassende Wirtschaftsdynamik mit der anlaufenden vierten Pandemiewelle in den Industriestaaten der Nordhemisphäre reagierten die Märkte insgesamt nach den jüngsten Zentralbank-Entscheidungen erleichtert. Der deutsche Leitindex Dax40 erreichte kurz danach am Donnerstag sogar ein neues Allzeithoch bei über 16.064 Zählern. Auch im Nebenwerte-Segment (SDax) sowie beim Stoxx 600 gab es frische Bestwerte. Ebenso setzte die Wall Street nach den geldpolitischen Beschlüssen der Fed und der BoE die Kurs-Rekordjagd des Vortages fort. Dow Jones, Nasdaq sowie S&P 500 notierten zuletzt erneut auf Allzeithochs.


Was sollen Anleger jetzt tun? 

Dennoch bleibt das aktuelle Meinungsbild unter Börsenexperten weniger euphorisch, ja eher vorsichtig. Mit Blick auf die Aktienmärkte und das aktuelle Zins- wie Inflationsumfeld mehren sich die Stimmen, die zu Achtsamkeit raten. So meint Johannes Müller, Leiter Macro Research, in seinem jüngsten DWS-Marktausblick, dass "Anleger gut beraten seien, sowohl die Inflations- wie auch die Zinsentwicklung in den nächsten Monaten genau zu beobachten", da das derzeitige Renditeniveau "als Begründung für die aktuellen hohen Bewertungen" gelte. Was die Inflations-Diskussion anbetrifft, scheinen zumindest die Zentralbanken aus seiner Sicht nicht viel anders handeln zu können. Müller: "Gegen einen Inflationsanstieg, dessen Ursachen auf der Angebotsseite der Wirtschaft liegen, können Zentralbanken wenig ausrichten – zumindest auf kurze Sicht." So seien hier die rasanten Energiepreisanstiege sowie die Lieferkettenprobleme angebotsseitige Inflationstreiber. 



Das Santander Asset Management Deutschland meint, dass zwar "viele Zentralbanken in den Schwellenländern in den letzten Monaten einen Straffungszyklus eingeleitet" hätten, die Währungshüter aber in den Industrieländern einen davon abweichenden Kurs beibehalten werden: "In den Industrieländern hingegen werden sich die Zentralbanken unserer Meinung nach weiterhin auf die Wachstumserwartungen konzentrieren, solange der aktuelle Inflationsanstieg nicht strukturell zu werden droht." Und: "Sie werden ihre Pläne zur Normalisierung der Politik nicht ändern, sobald die Covid-Krise zunehmend hinter uns zu liegen scheint“, so Dr. Klaus Schrüfer, Chief Market Strategist bei Santander Asset Management Deutschland. 

Dass hingegen das Inflationsszenario länger so bestehen bleibt, prognostiziert Jonathan Baltora, Head of Sovereign, Inflation und FX sowie Fondsmanager des AXA WF Euro Inflation Plus Fonds: “Wir glauben, dass die Inflation in der Eurozone mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich über dem Niveau der Nominalzinsen bleiben wird."

An die Anleger gerichtet, empfiehlt derzeit Daniel Jakubowski vom Equity Portfolio Management bei Assenagon die "Zinssensitivitäten am Aktienmarkt stärker in den Fokus" zu rücken. Denn der aktive Asset Manager für institutionelle Anleger befürchtet: "Das gegenwärtige makroökonomische Szenario birgt die Gefahr, dass höhere Inflationszahlen und damit einhergehend steigende Zinsen – zumindest bis zu einem gewissen Niveau – nachhaltig erhalten bleiben." Daher wird dort strategisch empfohlen: "Auf eine ausreichende Qualität sollte bei der Wahl entsprechender Value-Strategien geachtet werden. Getreu dem Motto 'Value at a reasonable Quality'." Zumal Value "aufgrund seiner kurzen Duration" nicht nur die Möglichkeit biete, "relativ zum globalen Aktienmarkt von einem Zinsanstieg zu profitieren, sondern bestehende Zinsrisiken im Portfolio­-Kontext zu neutralisieren", so Assenagon in den kürzlich erschienenen "Equity Insights". 


Mögliche "Stolpersteine" im nächsten Jahr

Obwohl man den Aktienmarkt als "wieder anfälliger geworden" sieht, bleibt für Prof. Dr. Bernd Meyer, Chef-Anlagestratege und Leiter Multi Asset im Wealth and Asset Management bei Berenberg das Fazit: "Wir rechnen jedoch nach wie vor nicht mit einer größeren Korrektur in diesem Kalenderjahr, da der Aktienmarkt gut durch Zuflüsse, Aktienrückkaufprogramme und der Alternativlosigkeit unterstützt bleibt." Im Berenberg Märkte-Monitor von Anfang des Monats sieht der Chef-Anlagestratege das kommende Jahr 2022 hingegen "anspruchsvoller für Anleger werden." Meyer in seinem Ausblick: "Potenzielle Stolpersteine sind u.a. die straffere Geldpolitik der Zentralbanken, die weitere Entwicklung Chinas, weniger stark steigende Unternehmensgewinne und die US-Zwischenwahlen." 


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