Nachhaltige Bonds oder: Das Huhn, das Ei und Jack Sparrow

Eigentlich sollte es ganz einfach sein, nachhaltig zu investieren. Ist es aber nicht – zumindest nicht in eine Richtung.

Darüber, dass ESG grundsätzlich einer der Megatrends der Geldanlage ist, muss man nicht schreiben. Wohl aber darüber, dass die Kombination von Anleihen und Nachhaltigkeit (anders als bei Aktien) noch längst keine reiche Blüte trägt. Und das hat Folgen.

Die Ursprünge des Nachhaltigkeitsgedanken verlieren sich irgendwo in den Nebeln der Geschichte. Waren es Mönche, die die Wälder ihrer Abtei nicht rabiat abholzten, sondern nachhaltig bewirtschafteten? Sei es drum. Zumindest ist es eine Geschichte, die gern erzählt und gern gehört wird. Immerhin ist Nachhaltigkeit ein Modethema. Rund 27 Millionen Treffer zählt Google für den Begriff. Bei Joachim Löw sind es nur 9 Millionen. Ausgekontert. Oder so: 90 Prozent aller Europäer denken über die ökologischen Auswirkungen ihrer Reisen nach. Eine Erfolgsgeschichte. Nur – diese Geschichte läuft auf einem Bein, wenn man so will. Und das geht auf die Dauer auf die Knochen. Doch von Anfang an.

Nachhaltigkeit ist bekanntlich auch eine ernsthafte Art zu wirtschaften und Geld anzulegen. Der Begriff ESG steht für „Ecology“, „Social“ und „Goverance“. Zu Deutsch für Umwelt, für Soziales und Verhaltensaspekte. Damit wird klar, dass in aller Regel bestimmte Qualitätsmaßstäbe an ein Investment angelegt werden, die über die klassischen Finanzkennzahlen hinausgehen. Und das Ganze rechnet sich: Die Deutsche Bank etwa hat gemeinsam mit der Universität Hamburg bereits 2016 eine ganze Reihe von entsprechenden Studien analysiert. Und festgestellt, dass nur 10 Prozent jener analysierten Untersuchungen einen negativen Einfluss von ESG-Kriterien auf das Anlageergebnis zeigen. Beim Rest? Daumen hoch, vereinfacht gesagt. Geld verdienen und damit gutes tun, so wird die Geschichte daher zumeist erzählt. Und Privatanleger hören gern zu, aber auch semiinstitutionelle Investoren – eine nette Story eben. Freilich wird für Anlageprofis die Geschichte weiter ausgeschmückt. Mit einem Kapitel über die staatlichen Vorgaben etwa, die zu mehr Nachhaltigkeit anhalten. Oder einem Inkurs über die Diversifikationseffekte der Beimischung nachhaltiger Investments mit Blick auf ein Portfolio. Entsprechende Fonds sind daher weit verbreitet, ebenso ETFs. Mit einer Ausnahme: Von den zehn beliebtesten Nachhaltigkeitsfonds, wie sie etwa Fondsdicount auflistet, sind neun Aktienfonds. Und einer ein Mischfonds. Corporate-Bonds-Fonds? Fehlanzeige laut Erhebung. Geschweige denn Fonds, die nachhaltig in Sachen Staatsanleihen unterwegs sind. Kein Einzelfall.

Investmentnews hat einmal nachgezählt: Von rund 1900 ESG-Fonds, die bei Bloomberg aufgeführt werden, investieren 62 Prozent in Aktien. 15 Prozent sind es im Fall der Bonds. Und mehr noch: ESG-Bonds-Fonds verwalten 3 Prozent der 491 Milliarden Dollar, die nachhaltig verwaltet werden.

Das mag auch historische Gründe haben. Die bereits zitierte Studie der Deutschen Bank etwa räumt sinngemäß ein, dass es einen ganzen Schwung an Untersuchungen mit Blick auf Nachhaltigkeit und Aktien gibt. Doch bei Bonds eben nicht. Mit anderen Worten: Wer nachhaltig investieren will, hat derzeit keine Probleme, bei Aktienfonds fündig zu werden, wohl aber bei Anleihenfonds. Das ist ein Problem: Zum einen wird so der Nachhaltigkeitsgedanke nur einseitig vorangetrieben. Da nützt es auch nichts, wenn noch so viele Assetmanager die UNPRI unterzeichnen. Zum anderen wird so die Fondsauswahl ohne Not geringgehalten. Verantwortung für Geld bedeutet auch, Entscheidungen fällen zu müssen. Unter anderem für oder gegen Nachhaltigkeit. Während das bei Aktien problemlos möglich ist, wird es bei Anleihen schwieriger Gar nicht zu sprechen von den exotischeren Formen wie Wandelanleihen. Da passt es ins Bild, dass sogar der norwegische Staatsfonds, der sich der Nachhaltigkeit verschrieben hat, viel über seine Aktieninvestments publiziert – aber in Sachen Anleihen eher schmallippig bleibt. Doch ein bisschen nachhaltig ist wie ein bisschen schwanger. Immerhin, ein wenig dreht sich der Wind: Das Interesse an entsprechenden Anleihenfonds steige, schreibt ExpertInvestor. Wenn auch noch die Erfahrung damit fehle. Zum Beispiel darüber, dass auch die Wertentwicklung von Bond-Portfolios von Anwendung von ESG-Kriterien profitieren, wie Barclays notiert. 

Das Ganze hat tatsächlich Anleihen von einer Geschichte: Nämlich der von der Henne und dem Ei. Wer war zuerst da. die Henne oder das Ei? Das niedrigere Angebot oder die niedrigere Nachfrage? Beides, vermutlich. Weil Investoren immer nach rechts und links schielen, was der Konkurrent macht, bewegen sie sich meist in bekanntem Terrain. Nachhaltiges Aktienmanagement etwa. Raritäten bleiben eher außen vor. Darauf reagieren die Produktanbieter: Was nicht nachgefragt wird, wird nicht aufgelegt. Kurz: Keine gute Geschichte, keine Nachfrage – und keine Nachfrage, kein Angebot. Eine kühne These? Eher weniger, zeigt eine Befragung britischer Consultants. Alle erklärten, ESG sei gut für Aktien. Und im Fall der Bonds? Erklang ein urbritisches „No“.

Mit anderen Worten: Es geht auch um eine gute Geschichte, wie Generationen von Sales-Mitarbeitern bestätigen können. Bei nachhaltigen Aktienfonds hat man so eine gute Geschichte. Wirklich gut ist die Geschichte aber nur dann, wenn der ESG-Gedanke über alle Assetklassen hinweg anwendbar ist. So wie „Fluch der Karibik“ nur wegen des nuschelnden Jack Sparrow so gut ist und aus einer Geschichte eine wirklich gute Geschichte macht. Nachhaltig gut, könnte man auch sagen.