Nasdaq erstmals über 10.000 Punkten: Völlig gaga oder rationales Kalkül?

Der 9. März 2020 war ein historischer Tag. Erstmals verlor der Dow Jones Industrial Average in einer einzelnen Börsensitzung mehr als 2.000 Punkte. Ein Minus von knapp 8%, der schlechteste Handelstag seit elfeinhalb Jahren – und doch nur eine Etappe der steilsten Aktien-Schussfahrt aller Zeiten. Nicht einmal sechs Wochen brauchte der älteste Index der Welt für einen am Tiefpunkt 38%-igen Absturz. Eine brutale, aber logische Reaktion auf das, was außerhalb des Börsensaals heraufzog: Eine Pandemie, die Hunderttausende Menschenleben fordern und die schlimmste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit auslösen würde.

Genau drei Monate später wird an der New Yorker Wall Street wieder Geschichte geschrieben. Genauer gesagt am Times Square, wo die Technologiebörse Nasdaq ihren Sitz hat und der Nasdaq Composite Index am 9. Juni 2020 erstmals über 10.000 Punkte klettert. Der altehrwürdige Dow Jones schließt an diesem Tag zwar im Minus, aber who cares? Technology makes the world go round, lautet der Soundtrack dieser atemlosen (Börsen-)Zeit. Nach dem schnellsten Crash nun die rasanteste Rally, rund 50% Plus in 50 Tagen –  wohlgemerkt während jeden Tag allein in den USA noch immer bis zu tausend Menschen mit COVID-19 sterben, während 21 Millionen US-Bürger arbeitslos sind, Traditionsfirmen wie Hertz in die Pleite schlittern und die Risse in der amerikanischen Gesellschaft stärker denn je zutage treten.

Dass auf dem Parkett bisweilen der Zynismus regiert und Massenentlassungen mit Kursfeuerwerken quittiert werden – geschenkt, daran hat man sich inzwischen gewöhnt. Aber wie die Notierungen jetzt scheinbar völlig losgelöst von den wirtschaftlichen und sozialen Fakten steigen, das hat schon eine andere Dimension. Wer schon immer der Meinung war, dass Börse ein komplett von der realen Welt entkoppeltes Casino ist, darf sich jedenfalls bestätigt fühlen: Völlig gaga, was da passiert.



Quelle: Bloomberg

 


Rettungsschirme, Konjunkturpakete und immer neue APPs

Wirklich? Ja, die Unternehmensgewinne werden dieses Jahr im Schnitt wohl mindestens um ein Viertel sinken, und inwieweit Konjunktur und Konsum sich 2021 vollständig erholen, steht in den Sternen – zumal es bislang weder Impfstoff noch Therapie gibt und eine zweite Virus-Welle nach wie vor nicht ausgeschlossen werden kann. Offensichtlich ist hingegen, dass Regierungen und Notenbanken die Welt mit Geld fluten. Rettungsschirme, Staatshilfen, Konjunkturpakete und immer neue Apps – keine iPhone-Anwendungen, sondern die Asset Purchase Programme abgekürzten Ankaufsorgien der einst Währungshüter genannte Institutionen.

Allein die Bilanzsumme der Fed ist seit Anfang März um 68% von 4,24 auf 7,16 Billionen US-Dollar gestiegen. Der S&P 500 hat selbst gegenüber seinem absoluten März-Tief „nur“ 46% zugelegt – womit sich die Schlussfolgerung aufdrängt: Da geht doch noch was an den Aktienmärkten. Zumal man nicht so naiv sein sollte zu glauben, dass die Fed ihr Pulver bereits verschossen habe. So kauft die US-Notenbank zwar seit einigen Wochen Anleihen-ETFs, an den Aktienmärkten ist Jerome Powell bislang indes noch nicht aktiv. Seine Vorgängerin Janet Yellen hat jedoch bereits gefordert, dass der Kongress schon mal die gesetzliche Grundlage dafür schaffen sollte, damit die Fed im Fall des Falles handlungsfähig wäre…


Aktien sind Sachwerte – und für die guten werden Knappheitspreise gezahlt

Und plötzlich erscheint der vermeintlich irrationale Überschwang der Börse in einem anderen Licht. Wenn Geld im wahrsten Wortsinn ohne Rücksicht auf Verluste inflationiert wird – was könnte rationaler sein als bedrucktes Papier (das man sich obendrein für fast nichts leihen kann) in reale Assets zu tauschen, die sich eben nicht beliebig vervielfältigen lassen!? Dabei denkt man klassischerweise natürlich an Immobilien oder Gold, vielleicht auch an seltene Kunst, Luxus-Uhren oder neuerdings sogar Bitcoin. Doch auch Aktien sind Sachwerte, die im Gegensatz zu Edelmetallen und Sammlerstücken vielfach sogar laufende Erträge in Form von Dividenden abwerfen.

Vor allem aber sind Aktien knapp. Es gibt halt nicht unbegrenzt Unternehmen mit dem, was Warren Buffett einen ökonomischen Burggraben nennt: Geschäftsmodelle, die (am besten in Verbindung mit solider Bilanz und üppigem Cash-Polster) nachhaltige Resilienz versprechen – um mal eines der Schlagworte der Corona-Krise aufzugreifen. Und für diese krisenfesten Firmen werden eben Knappheitspreise gezahlt, nicht nur im Tech-Sektor. Denn Apple, Microsoft und Amazon, die zusammen rund ein Drittel (!) des Nasdaq 100 Index repräsentieren, sind beileibe nicht die einzigen Aktien, die in den letzten Tagen neue Allzeithochs erreicht haben. Auch der Turnschuh-Titan Nike, die Industriegas-Ikone Air Products & Chemicals oder der Energydrink-Abfüller Monster Beverage sind auf Rekordkurs.


Ein 300 Jahre alter Naturwissenschaftler als Börsenguru

Fraglich bloß. wie weit die Geldschwemme trägt. Die ehrlichste Einschätzung dazu kommt wohl von Sir Isaac Newton. Der weilt zwar schon seit knapp drei Jahrhunderten nicht mehr unter uns, war aber nicht nur ein genialer Naturwissenschaftler, sondern auch ein leidenschaftlicher Zocker – und stellte irgendwann frustriert fest: „Ich kann die Bahn der Himmelskörper auf Zentimeter und Sekunden genau berechnen, aber nicht, wohin die verrückte Menge einen Börsenkurs treibt.“

Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Und so darf man gerne das Hohelied von der platzenden Blase anstimmen, das seit dem Dot.com-Hype vor 20 Jahren jeden größeren Kursanstieg orchestriert. Bringt bloß außer mieser Stimmung (die es mitten in der Pandemie ohnehin im Überfluss gibt) genauso wenig wie das Wehklagen, als Aktien im Crash „fundamental zu unrecht abgestraft“ wurden.


Dabei sein ist alles – nur nicht „all-in“

Vielmehr gilt bei Aktien – wohlgemerkt nicht erst seit heute – das olympische Motto: Dabei sein ist alles. Das zeigt gerade der eingangs zitierte Nasdaq Composite Index.  Seit seinem Start im Februar 1971 hat das Aktien-Barometer Dutzende Krisen und Crashs erlebt, allein dreimal ging es um mehr als 50% nach unten. Doch unter dem Strich steht eben für die vergangenen knapp 50 Jahre inklusive reinvestierter Dividende ein Plus von 12.350%, entsprechend gut 10% pro Jahr.

Man durfte – und darf – halt nur nicht übermütig werden. Die nächste Lektion in Demut kommt bestimmt, aber Geldanlage ist gottlob kein Pokerspiel, bei dem man irgendwann „all-in“ gehen muss. Nur „all-out“, sprich eine Allokation ohne unternehmerische Sachwerte namens Aktien, ist eben genauso riskant.