Quo vadis, schwarzes Gold? Warum die Ölmärkte weiter unruhige Zeiten erleben werden
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2021-07-08

Quo vadis, schwarzes Gold? Warum die Ölmärkte weiter unruhige Zeiten erleben werden

Die Ölpreise schwanken zwischen kurzfristigen Streitereien und langfristigen Einflüssen. So wirbelt das Zerwürfnis zwischen Saudi-Arabien und den VAE die Märkte durcheinander. Aber: Der Streit findet vor dem Hintergrund der Energiewende statt. Hilft das den Ölaktien?

Asset-Manager mögen den Blick nach vorn und beschäftigen sich derzeit gern mit Klimawandel und Nachhaltigkeit. Doch in dieser Woche müssen sie noch einmal den Blick auf jenen Rohstoff richten, der das 20. Jahrhundert angetrieben hat. Die Preisbewegungen bei Rohöl bringen derzeit eine Unruhe in die Märkte wie selten zuvor in den vergangenen Monaten.

In kurzer Zeit haben sich die Notierungen für die richtungsweisenden Ölkontrakte mehr als verdoppelt. Dies mussten auch jene Autofahrer schmerzhaft feststellen, die noch Benzin oder Diesel tanken und keinen Strom. Am 26. Oktober vergangenen Jahres fiel der Preis für Nordsee-Öl der Sorte Brent noch auf ein zyklisches Tief von 37,43 Dollar für ein Fass (Barrel) zu 159 Litern. Am 28. Juni erreichte der Preis ein zyklisches Hoch von 75,94 Dollar und notiert aktuell bei rund 75,48 Dollar.

Auslöser der jüngsten Rally sind schwere Zerwürfnisse innerhalb des Ölkartells OPEC. Eigentlich hatte sich die Organisation eine Drosselung der Fördermenge verordnet, um den Preis hochzuhalten. Saudi-Arabien unterstützte ein Abkommen, um die Fördermenge von August an steigen zu lassen. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), normalerweise ein enger Verbündeter des saudischen Königreichs, weigerten sich überraschend, diesem zuzustimmen. Der Streit wurde so heftig, dass die Organisation in Wien ihre jüngsten Gespräche ergebnislos aussetzte und sich auf unbestimmte Zeit vertagte.


Zerwürfnis führt zu Problemen

Damit scheiterte der dritte Versuch, die Blockade zu lösen. Dabei galt der Abschluss des Abkommens schon als so sicher, dass die OPEC für Montag ein Treffen mit einer von Russland geführten Gruppe von Ölerzeugern angesetzt hatte. Diese gemeinsame Gruppe aus OPEC und russisch angeführter Förderländer ist als OPEC+ bekannt. Ihr Treffen wurde kurzfristig abgesagt. Nun wird frühestens im August mit neuen Verhandlungen gerechnet, zunächst innerhalb der OPEC.

Die Hintergründe für das Zerwürfnis zwischen den VAE und Saudi-Arabien sind noch nicht klar. Angeblich sind sich alle OPEC-Mitglieder laut der Nachrichtenagentur Reuters einig, das Angebot von August an bis Jahresende schrittweise um 2 Millionen Barrel am Tag zu erhöhen. Allerdings heißt es auch, dass die VAE es ablehnen, die verbleibenden Kürzungen bis Ende 2022 beizubehalten. Bisher lief die Frist dafür bis April 2022.

Zwar gilt formal das alte OPEC-Abkommen, bis das neue beschlossen ist. Doch je länger das Kartell für eine Einigung braucht, desto leichter fällt es den VAE, mehr Öl in die Märkte zu pumpen. Wie so oft geht es auch um Personen: Angeblich spielen wohl auch Spannungen zwischen dem Kronprinzen von Abu Dhabi Mohammed bin Zayed und dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman eine Rolle. Offenbar will Abu Dhabis Kronprinz Mohammed bin Zayed die Strategie der VAE fortsetzen, mehr Öl durch die Bohrtürme zu pumpen. Diese zusätzlichen Einnahmen sollen den VAE eine schnelle Energiewende – weg vom Öl hin zu erneuerbaren Energien – finanzieren.


Fundamentale Entwicklungen befeuern den Ölmarkt

Der Konflikt innerhalb der OPEC findet vor dem Hintergrund statt, dass Rohstoffhändler ohnehin von weiter steigenden Ölpreisen ausgehen. Denn trotz der Bemühungen, den Ausstoß von Kohlendioxid in der Welt zu reduzieren und Elektromobilität zu fördern, gilt immer noch die alte Gleichung, die im 20. Jahrhundert die Weltkonjunktur bestimmte: Ziehen die Konjunkturerwartungen an, steigt die Nachfrage nach Öl. Weiten die Erzeuger die Fördermenge nicht aus, zeigen die Preise für Öl nach oben. Das funktioniert derzeit wie nach Lehrbuch: Derzeit reduziert die OPEC+ ihre tägliche Fördermenge um 5,8 Millionen Barrel und trägt auf diese Weise zu den Preisspannungen am Ölmarkt bei.

Angesichts der Konjunkturerwartungen, die sich mit den Impferfolgen gegen das Covid-19-Virus aufhellen, rechnen viele Experten mit weiterem Preisdruck. Jeffrey Currie, Mineralölexperte von Goldman Sachs, hält kurzfristig einen Anstieg auf 100 Dollar je Barrel für möglich, rechnet aber für das dritte Quartal mit einem Rückgang auf 80 Dollar. JP Morgan erwartet, dass die Notierungen im Laufe des vierten Quartals die Marke von 80 Dollar überschreiten. Und die Bank of America rechnet damit, dass die Ölkontrakte die Marke von 100 Dollar im Sommer kommenden Jahres überschreiten.

Das sind angesichts der aktuellen Notierungen keine Schreckensszenarien. Ungewiss ist ja auch noch, wie stark der Konjunkturanstieg ausfallen wird und wie rasch der bisher darniederliegende Flugverkehr wieder für eine zunehmende Nachfrage nach Flugbenzin sorgt. Doch die Märkte werden angesichts des heftigen Streits bei der OPEC auf Wochen oder gar Monate hinaus unruhig bleiben.


Hohe Preise, niedrige Chancen?

Anleger könnten versucht sein, wie in der Vergangenheit steigende Rechnungen an der Zapfsäule durch den Kauf von Ölaktien wettzumachen. Das funktioniert dieses Mal nicht so gut. Zwar hat die Aktie des französischen Ölkonzerns Total Energies bisher vom steigenden Ölpreis profitiert. Der Kurs ist von 24,51 Euro Ende Oktober auf bis 42,19 Euro Mitte März gestiegen. Seitdem zeigt die Tendenz nach unten. Aktuell notiert der Titel bei rund 37,80 Euro.

Ohne OPEC-Einigung werden die Fördermengen eher hoch bleiben. Die Ratingagentur Standard & Poor’s ist aus weitergehenden Überlegungen negativ für den Ölsektor gestimmt: Die Corona-Pandemie habe die Wende hin zu erneuerbaren Energien und damit den Niedergang des Ölsektors beschleunigt. Die großen Ölkonzerne müssten sich deshalb noch schneller vom schwarzen Gold trennen und neue Geschäftsfelder auftun. Der britisch-niederländische Ölkonzern BP hat schon angekündigt, sich von Vermögenswerten im Wert von 25 Milliarden Dollar zu trennen. Auch wird die Dividende um die Hälfte gekürzt, um die Energiewende im Konzern zu finanzieren.

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