Reich, reicher, Aktionär!
4 min
2022-01-07

Reich, reicher, Aktionär!

In einer Disziplin sind die Deutschen wahrlich weltmeisterlich. Nein, leider nicht im Fußball, sondern beim Sparen. Das Geldvermögen der privaten Haushalte ist kräftig gestiegen. Neben einer sehr hohen Sparquote haben 2021 aber auch Aktien dazu beigetragen, dass die Bundesbürger immer reicher werden. Denn immer mehr Deutsche entdecken die Börse für sich. Geht da noch mehr?

Ein Plus von sieben Prozent, das kann sich sehen lassen. Um genau diese sieben Prozent sollte das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland 2021 gewachsen sein. Das zeigen vorläufige Berechnungen der DZ Bank. Economist Michael Stappel führt das zum Einen auf eine sehr hohe Sparquote und zum Anderen auch auf Aktiengewinne zurück. „Vor dem Hintergrund niedriger Zinsen ist allmählich ein angepasstes Anlageverhalten erkennbar“, sagt er. „Privathaushalte setzen mehr auf Fonds und Aktien.“ Und das zahlt sich aus. Die Deutschen besitzen ein Geldvermögen von stolzen 7,7 Billionen Euro.


Zufriedenheit mit persönlicher Finanzsituation

Ob es an diesem Anstieg liegt, dass 27 Prozent der sonst eher kritischen Deutschen mit der eigenen Finanzsituation zufrieden sind? Das ist zumindest das Ergebnis einer aktuellen Befragung von J.P. Morgan Asset Management unter mehr als 1.000 Frauen und Männern. Diese gaben an, für das neue Jahr keine weiteren finanziellen Aktivitäten für notwendig zu erachten. „Während auch im zweiten Jahr der Pandemie viele Branchen und Betriebe finanzielle Auswirkungen spüren, kam es andererseits bei vielen Menschen zu zusätzlichen Ersparnissen, da so manche Ausgaben, wie etwa Urlaube, nicht getätigt werden konnten“, sagt Matthias Schulz, Managing Director bei J.P. Morgan Asset Management. „Dies mag ein Grund dafür sein, dass neben der Sparsamkeit auch die Zufriedenheit mit der finanziellen Situation vorn liegt.“ Und die finanziellen Prioritäten der Deutschen für 2022? Sparsamer zu leben ist für viele aktuell wichtiger als zu sparen oder anzulegen.



Dabei hat es sich 2021 doch sehr gelohnt, Geld zu investieren. Der Dax legte um stolze 16 Prozent zu. Auch andere wichtige Börsen in Europa, Amerika und Asien zündeten eine Kursfeuerwerk. Allein der S&P 500 legte ein Plus von 26 Prozent auf das Börsenparkett. „Das sorgte 2021 für einen kursbedingten Wertzuwachs des Geldvermögens von insgesamt über 130 Milliarden Euro“, so Stappel. Kaum Impulse gingen dagegen vom Zinsniveau aus. Die Effektivzinssätze im Neugeschäft mit Einlagen privater Haushalt lagen nur knapp über null Prozent und die durchschnittliche Umlaufrendite inländischer Schuldverschreibungen blieb auch 2021 meist im Negativbereich. Vom Sparen hielt die Deutschen das aber nicht ab. Im Gegenteil. „Den stärksten Schub erhielt der Vermögenszuwachs erneut von der Ersparnis“, so Stappel. Schon im Jahr zuvor war die private Sparquote auf 16,1 Prozent in die Höhe geschossen. „Auf Basis der ersten drei Quartale und des skizzierten Umfeldes gegen Ende des Jahres lässt sich abschätzen, dass die Sparquote 2021 mit voraussichtlich über 15 Prozent erneut sehr hoch, aber unter dem Niveau von 2020 bleiben wird.“

Quelle: J. P. Morgan Asset Management 


Deutsche investieren mehr

Viel von diesem Ersparten liegt aber noch immer auf Girokonten rum. Es gibt aber durchaus viele Sparer, die mit Blick auf die Nullzinsphase und drohenden Strafzinsen umdenken und die Aktie als Anlageklasse für sich entdecken. Das ist eine gute Nachricht. Lange Zeit scheuten die in der Vergangenheit tendenziell eher risikoscheuen deutschen Privathaushalte Anlageformen wie Aktien oder Aktien- und Mischfonds. „Die Folge war ein gigantischer Geldanlagestau“, sagt Stappel. Lag der Anteil von Sichteinlagen und Bargeld am gesamten privaten Geldvermögen Mitte 2008 noch bei 13,5 Prozent, wuchs die Quote dieser nicht angelegten Mittel bis 2020 auf mehr als 28 Prozent. „Mit zunehmender Dauer der Extrem-Niedrigzins-Phase und fehlender Aussicht auf einen baldigen spürbaren Zinsanstieg reagierten jedoch immer mehr Bürger mit einem angepassten Anlageverhalten“, beobachtet der Experte.


Viele sind in der Corona-Krise neu ins Wertpapiergeschäft eingestiegen. Vor allem junge Anleger haben ihre zusätzlichen Ersparnisse genutzt, um Geld in Wertpapiere zu investieren – das zeigen die Depoteröffnungen und Zuflüsse in Fonds in den vergangenen zwei Jahren. Allein in der Zeit von September 2019 bis September 2021 wuchs die Zahl der Wertpapierdepots um 3,9 Millionen auf 27,1 Millionen Depots, heißt es in der Studie der DZ Bank. Und der Anstieg beschleunigt sich immer weiter auf zuletzt fast zehn Prozent in zwölf Monaten. Die Geldvermögensbildung in Form von Aktien erreichte 2020 mit 46,6 Milliarden Euro das Dreifache dessen, was in den Jahren zuvor durchschnittlich neu angelegt wurde. Zwar hat sich die Direktanlage in Aktien 2021 angesichts hoher Kursniveaus wieder verringert, doch dafür setzte bei Fonds ein Boom ein. Allein im ersten Halbjahr 2021 legten private Haushalte 50,8 Milliarden Euro neu an. „Damit stieg der Netto-Mittelzufluss auf das 2,8-fache des Durchschnitts der jeweils ersten sechs Monaten der Jahre zuvor“, rechnet Stappel vor. Besonders begehrt waren Aktien- und Mischfonds.



Deutsche immernoch Sparfüchse

Wird dieser Trend 2022 fortgesetzt? Laut der aktuellen Studie von J. P. Morgan Asset Management sind die finanziellen Neujahrsvorsätze weiterhin von einer gewissen Vorsicht geprägt. So wollen 23 Prozent der Befragten Geld auf dem Sparbuch zurücklegen – das sind drei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Aber es planen auch 19 Prozent der Befragten, im neuen Jahr Geld an der Börse zu investieren, was ein Zuwachs von vier Prozentpunkten ist. Das Interesse, einen Fonds- oder Wertpapiersparplan abzuschließen und damit regelmäßig Geld anzulegen, ist dagegen leicht gesunken – von 18 Prozent im Vorjahr auf aktuell 15 Prozent. „Das mag daran liegen, dass in diesem Jahr bereits viele Fondssparpläne eröffnet wurden und die Befragten sich vielleicht in dieser Hinsicht gut versorgt fühlen“, so die Vermutung von Matthias Schulz. Auch die DZ Bank stellt fest, dass immer mehr Bürger Fondssparpläne nutzen, um regelmäßig einen bestimmten Betrag des verfügbaren Einkommens in Investmentfonds anzulegen. „Fondssparpläne haben inzwischen bei vielen privaten Haushalten die in Zeiten höherer Zinsen beliebten Banksparpläne abgelöst“, so der DZ-Experte. „Das stabilisiert die Geldvermögensbildung in Form von Wertpapieren.“


Doch wie motiviert man all jene, die immer noch Sparbuch und Tagesgeldkonto die uneingeschränkte Treue halten? Die Experten von J. P. Morgen Asset Management nennen als Grund, warum viele Deutsche nach wie vor Spar- statt Kapitalmarktanlagen bevorzugen, fehlendes Finanzwissen. Gute Finanzberatung könne hier Abhilfe schaffen. Rund ein Viertel der befragten Deutschen nutzt der Studie zufolge bereits eine Finanzberatung. Von den anderen Befragten zeigen sich zudem 19 Prozent offen für eine Beratung und gaben an, sich zur Planung für 2022 Unterstützung zu wünschen. Von den 24 Prozent der Deutschen, die eine Finanzberatung nutzen, haben 13 Prozent aktuell keinen Beratungsbedarf, elf Prozent würden sich aber für die Finanzplanung 2022 ebenfalls gern beraten lassen. „Mit Finanzwissen und Unterstützung durch Finanzberatung können sich negative Assoziationen des Anlegens wie Komplexität, Intransparenz und fehlende Kontrolle überwinden und Sparerinnen und Sparer von den langfristigen Vorteilen des Anlegens überzeugen lassen“, ist Schulz überzeugt.

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