Rohstoffe als Wegbereiter zur Klimaneutralität

Welche Schlüsselrolle Rohstoffe im Kampf gegen den Klimawandel spielen und welche interessanten Anlagemöglichkeiten sich bieten, diskutiert Portfoliomanager Tal Lomnitzer.

Im Kampf gegen den globalen Klimawandel haben sich mehr als 120 Länder sowie über 100 Regionalregierungen, 800 Städte und Unternehmen verpflichtet, bis ca. 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen.1 Das ist eine starke und weitreichende Verpflichtung zur Klimaneutralität mit dem Ziel, ein Gleichgewicht zwischen den in die Atmosphäre eingehenden und ausgehenden Treibhausgasen (THG) zu erreichen, von denen Kohlendioxid das wichtigste ist. Vor 2030 sind drastische Maßnahmen erforderlich, um dieses Ziel zu erreichen. Einige Länder wollen inzwischen sogar schneller klimaneutral werden.


Rohstoffe sind für die Dekarbonisierung erforderlich

Viele Billionen Dollar müssen investiert werden. Zum einen wird das die Nachfrage nach und die Preise von Rohstoffen in die Höhe treiben, die eine Dekarbonisierung ermöglichen. Zum anderen, und das ist sehr wichtig, wird es Chancen für Investoren bescheren, in die unzähligen Treiber zu investieren, die für die Erreichung des Netto-Null-Emissionsziels erforderlich sind. Hierzu zählen unter anderem der Ausbau der Infrastruktur für erneuerbare Energien, die Produktion von umweltfreundlicherem blauem und grünem Wasserstoff, die Erhöhung der Recyclingquoten zur Verringerung des Energieverbrauchs und damit der Emissionen, intelligente Landwirtschaft, nachhaltige Proteine und die Anwendung innovativer Wissenschaft.

Bestimmte Bereiche des Rohstoffsektors, wie die Metallerzeugung, sind zwar bei Weitem nicht klimaneutral, spielen aber eine entscheidende Rolle bei der umfangreichen Verringerung der Gesamtemissionen. Gemessen an der durch Metalle ermöglichten Dekarbonisierung könnten alle direkt und indirekt mit Metallen verbundenen Emissionen bis 2050 negativ sein. Bei der Messung der Emissionen in nachgelagerten Bereichen (im Zusammenhang mit Förderung, Verarbeitung und Transport) gibt es gewisse Beschränkungen, z. B. aufgrund fehlender und ungenauer Daten sowie unterschiedlicher und veränderlicher Definitionen und Normen. Die vorhandenen Bewertungsmethoden sind also unausgereift. Erfahrene Rohstoff-Investmentteams sollten allerdings über die Kompetenz und hinreichende Unternehmenskenntnisse verfügen, um die Messung von Kohlenstoff in der gesamten Lieferkette neu zu definieren.


Wind, Sonne, Elektromobilität und Energiespeicherung liefern die größten Beiträge zur Emissionsreduktion. Aber auch die Umwandlung von Abfällen in Energie, nachhaltige Verpackungen, Biokraftstoffe, alternative Proteine, Wiederaufforstung und die Nutzung von Technologien durch intelligente Landwirtschaft spielen eine wichtige Rolle.



Schwer zu dekarbonisierende Sektoren wie die Zement- oder Düngemittelproduktion werden höchstwahrscheinlich auf Reduktion bzw. Beendigung der Nutzung durch Abscheidung, Nutzung und Speicherung von CO2 (Carbon Capture Use and Storage, CCUS) setzen. Dabei werden Emissionen eingefangen und dann im Boden eingelagert oder möglicherweise zur Herstellung von Vorläufern wie reinem Alkohol für verschiedene industrielle Prozesse verwendet. Das entsprechende Know-how liegt bei Energiedienstleistungsunternehmen, die traditionell Öl- und Gasprojekte verwalten. Auch die Infrastruktur für den Transport von Kohlendioxid und Wasserstoff wird benötigt. Diskutiert wird auch die Verwendung von Kohlenstoff zur Herstellung von Nanoröhren, die Beton beigemischt werden können, um die Festigkeit zu erhöhen und so die Betonmenge für dieselben Anwendungen zu verringern.


Globale Herausforderungen mit interessanten Anlagemöglichkeiten

Besonders attraktive Anlagegelegenheiten bieten nach unserer Auffassung die Sektoren Energie, Metalle und Bergbau sowie Landwirtschaft.


Energiewende

Der Anteil sauberer Energie am Gesamtenergieverbrauch beträgt derzeit 15%. Prognosen zufolge muss dieser Anteil bei den Unterzeichnerstaaten des Pariser Abkommens auf über 55%2 ansteigen, damit die Chance besteht, die Treibhausgasemissionen bis Mitte des Jahrhunderts auf klimaneutrales Niveau reduzieren.

Die Investmentbank UBS schätzt, dass bis 2050 kumulierte Investitionen in Höhe von etwa 140 Bio. USD erforderlich sind, allein um die weltweite Energieversorgung zu dekarbonisieren (siehe Abbildung 1). Dafür werden Werk- und Rohstoffe wie Stahl, Aluminium, Kupfer, Nickel und Lithium in großen Mengen benötigt. Bedenkt man, dass die für den Bau eines Megawatts eines Offshore-Windkraftwerks oder solarthermischen Kraftwerks benötigte Stahlmenge drei- bis viermal so hoch ist wie für herkömmliche Kohle-, Gas- oder Kernkraftwerke, wird die atemberaubende potenzielle Nachfrage nach diesen Rohstoffen deutlich.


Abbildung 1: Jährlicher Investitionsbedarf zur Dekarbonisierung der Energieversorgung

Quelle: UBS Equity Research Q-Series: Energiewende: Wie werden die Investitionen in Höhe von 140 Mrd. USD in der Energieversorgungskette verteilt? 25. März 2021 © UBS 2021. Alle Rechte vorbehalten. Mit Genehmigung vervielfältigt. Weitergabe oder sonstige Verbreitung sind untersagt.


Immer mehr Strom wird aus erneuerbaren Energien erzeugt. Gleichzeitig muss der Anteil fossiler Brennstoffe von derzeit rund 80% des Energiemixes bis 2050 auf etwa die Hälfte reduziert werden, wenn das Mindestziel des Pariser Klimaabkommens erreicht werden soll, die Erderwärmung deutlich unter 2 Grad Celsius zu halten.3 Das macht den derzeitigen Kohlenwasserstoffproduzenten schwer zu schaffen und erklärt, warum die meisten großen Ölgesellschaften auf erneuerbare Energien umschwenken und danach streben, vom Öl- aufs Energiegeschäft umzusteigen.

Durch die starke Zunahme von erneuerbarem Strom kann kohlenstofffreier grüner Wasserstoff durch Elektrolyse gewonnen werden. Dabei wird Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten. Darin liegt enormes Potenzial für die Dekarbonisierung der Stahlproduktion, indem die Kokskohle ersetzt wird. Das könnte auch bei der Dekarbonisierung von Schwerlasttransporten per Lkw, Flugzeug und Schiff eine Rolle spielen.

Während des Goldrauschs in Kalifornien in den 1840er und 1850er Jahren mussten die Goldsucher Hacke und Schaufel kaufen, um nach Gold zu schürfen. Für die Goldsucher gab es keine Garantie, Gold zu finden, aber die Unternehmen, die die Werkzeuge verkauften, machten auf jeden Fall Geld. Im Energiesektor bieten sich die attraktivsten Möglichkeiten bei Unternehmen, die „Hacken und Schaufeln“ verkaufen, um die Produktion und Entwicklung erneuerbarer Energien zu ermöglichen. Weniger Anlagemöglichkeiten dürften dagegen bei Versorgungsunternehmen zu finden sein, die die Projekte betreiben und deren Renditen aufgrund des raueren Wettbewerbs und neuer Kapitalströme sinken.

Im Bereich Windenergie sehen wir beispielsweise großes Potenzial bei Herstellern von Windturbinen und Rotorblättern oder Kupferkabeln, die Offshore-Energieprojekte mit dem Netz verbinden, bei Energiedienstleistern, die Meeresbodenuntersuchungen durchführen, und bei den Werften, die für den Bau von Offshore-Windparks benötigte Schiffe herstellen. Wir sind überzeugt, dass all diese Unternehmen von der Zunahme und Nachfrage nach erneuerbaren Energien profitieren werden.


Metalle und Bergbau, nachhaltige Mobilität und erneuerbare Energien

Trotz der guten Fortschritte bei der Einführung und Herstellung von Elektrofahrzeugen muss die nachhaltige Mobilität weiterentwickelt werden; der Elektroauto-Absatz muss von 3 Millionen im Jahr 2020 bis 2030 auf 56 Millionen steigen, um sich spürbar auszuwirken.4

Für ein batteriebetriebenes Elektroauto wird fünf- bis zehnmal so viel Kupfer benötigt wie für ein Fahrzeug mit herkömmlichem Verbrennungsmotor. Batteriezellen basieren überwiegend auf Nickel-Kobalt-Aluminium, Eisenphosphat und Nickel-Mangan-Kobalt. Die Nachfrage nach all diesen Metallen wird mit dem Vormarsch von Elektroautos deutlich steigen. Die Preise sind aufgrund des zunehmenden Drucks auf die Rohstofflieferkette bereits in die Höhe geschossen. Die Gesamtnachfrage nach Kupfer für saubere Energietechnologien wird sich bis 2040 voraussichtlich verdreifachen.Kupfer ist aber nicht nur bei Elektroautos, sondern auch als Schlüsselkomponente für erneuerbare Energiesysteme sehr gefragt. Da Kupfer ein ausgezeichneter Strom- und Wärmeleiter ist, wird es bei der Erzeugung von Wasser-, Sonnen-, Wärme- und Windenergie benötigt.

Im genannten Zeitraum könnte sich die Menge des in Lithium-Ionen-Batterien verwendeten Nickels verdoppeln. Fitch Solutions prognostiziert, dass der Lithiumverbrauch durch den Elektroauto-Absatz bis 2030 um das Siebenfache steigen wird.


Landwirtschaft ̶ nachhaltige Agar- und Ernährungswirtschaft

Die Dekarbonisierung beschränkt sich nicht auf Energie, Metalle und Bergbau. Nach Prognosen der Vereinten Nationen werden 2050 knapp zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Das bedeutet, dass in den nächsten 40 Jahren mehr Nahrungsmittel produziert werden müssen, als wir in den letzten 8.000 Jahren geerntet haben.

Derzeit wird jährlich etwa ein Drittel der landwirtschaftlichen Erzeugnisse verschwendet. Das verdeutlicht gut, weshalb eine effizientere Landwirtschaft und Verteilung von Lebensmitteln dringend erforderlich sind. Daneben müssen wir unseren Lebensmittelmittelkonsum überdenken und möglicherweise ändern. Pflanzliche Fleischalternativen oder Laborfleisch verbrauchen 90% weniger Wasser, Land und Emissionen als die traditionelle Viehhaltung.6 Das spielt großen landwirtschaftlichen Unternehmen und Erzeugen in die Hände, die in einigen Fällen massiv investieren, um ihr Geschäft mit pflanzenbasierten Lebensmitteln auszubauen. Folgende Abbildung veranschaulicht die signifikanten Anlagechancen im Landwirtschaftssektor.


Abbildung 2: Chancen auf dem zukünftigen Lebensmittelmarkt


Der Landwirtschaftssektor bietet auch Möglichkeiten, in große Naturgüter wie Wälder zu investieren. Ihre Rolle als Kohlenstoffspeicher wird zunehmend anerkannt. Sie können große Mengen Kohlendioxid  aus der Atmosphäre absorbieren. Eine weitere Chance besteht bei Anbietern erneuerbarer Baumaterialien als Ersatz für solche mit hohem CO2-Ausstoß. Das beinhaltet zum Beispiel den Ersatz von Zement durch Holz, den Austausch von Plastikverpackungen gegen Papierprodukte oder die Verwendung von Zellstoff zur Herstellung von Biokunststoffen und Biokraftstoffen.


Herausforderungen

Der Weg zum Netto-Null-Ziel birgt Risiken sowohl für das Endziel einer weltweiten Klimaneutralität als auch für die an dieser Herkulesaufgabe beteiligen Unternehmen. Hinzu kommt die große Dringlichkeit. Es wird befürchtet, dass Werk- und Rohstoffe aus Ländern mit niedrigen Umweltstandards und schlechten Arbeitsbedingungen bezogen werden könnten. Die Welt benötigt neue erneuerbare Energien in so rasantem Tempo, dass sie möglicherweise nicht in der erwarteten Zeitspanne erreicht werden können. Wird es gelinge, für erneuerbare Energieprojekte die erforderlichen Mittel zu beschaffen, werden die Spezifikationen eingehalten, wird es Probleme mit der Instandhaltung geben? Entwicklungsländer, die unter Nahrungsmittelknappheit leiden, werden ihr Essverhalten nicht so schnell ändern können wie Industrieländer. Der Rückgang der Energiekosten in den letzten Jahren hat zu einem steigenden Energieverbrauch geführt, während die Umstellung auf saubere Energien teurer als erwartet werden könnte. Im Kampf gegen den Klimawandel müssen die verschiedenen Instrumente zusammenspielen, von Regulierung über die staatliche Politik, Technologie, sozial verantwortliche Unternehmen, Investoren bis hin zum Endverbraucher.

Rohstoffe sind als Katalysator der Dekarbonisierung ein Sektor mit großen Herausforderungen und Unbekannten, der aber auch interessante Möglichkeiten bietet. Aus Anlegersicht halten wir hier einen aktiven Ansatz für angemessen, um Rohstoffunternehmen zu identifizieren und dort zu investieren. Nachhaltige Unternehmen sind dabei unseres Erachtens höchstwahrscheinlich für die Zukunft besser aufgestellt und haben ein größeres Potenzial, attraktive Anlagerenditen zu erzielen.


Zentrale Erkenntnisse

  • Die weltweite Abkehr der Energiewirtschaft von der Nutzung kohlenstoffhaltiger Energieträger (Dekarbonisierung) bewirkt einen Investitionszyklus in zahlreichen Rohstoffsektoren.
  • Der Energie-, Metall- & Bergbau- sowie der Landwirtschaftssektor ebnen über langfristige Schlüsselthemen wie Energiewende, nachhaltige Mobilität, Agrar- und Ernährungswirtschaft den Weg zur Klimaneutralität.
  • Ein aktiver Ansatz ist unseres Erachtens am besten geeignet, um Rohstoffunternehmen zu identifizieren, die ihren CO2-Fußabdruck reduzieren oder zur Dekarbonisierung beitragen, und die attraktiven Aussichten für den Sektor in den kommenden Jahren unterstützen.


Fazit

Durch den Dekarbonisierungsprozess, das Engagement der Unternehmen und die Anforderungen an Zulieferer bemühen sich zahlreiche Rohstoffunternehmen aktiv um eine Verringerung ihres CO2-Fußabdrucks und richten ihre Bemühungen auf dieses Ziel aus. Unternehmen, denen das gelingt, werden von den Anlegern wahrscheinlich belohnt werden. Der Weg wird Jahrzehnte dauern und ist voller Hindernisse. Die Aussichten für Rohstoffe und der Ausblick auf eine bessere Welt sind so spannend wie noch nie.



Tal Lomnitzer, CFA, Senior Investment Manager


Quellen
1 The Energy & Climate Intelligence Unit and Oxford Net Zero, März 2021: Taking stock: a global assessment of net zero targets.
2 UBS Equity Research, 25. März 2021, Q-Series: Energy transition: how will $140tn of investment be allocated across the energy supply chain.
3 S&P Global Platt Analytics, 23. Juni 2020.
4 International Energy Association (IEA), Mai 2021: Net zero by 2050.
5 International Energy Association (IEA), Mai 2021: The role of critical minerals in clean energy transitions.
6 BofA Global Research; 7 April 2020: We can’t keep (m)eating like this – future food primer.

Die vorstehenden Einschätzungen sind die des Autors zum Zeitpunkt der Veröffentlichung und können von denen anderer Personen/Teams bei Janus Henderson Investors abweichen. Die Bezugnahme auf einzelne Wertpapiere, Fonds, Sektoren oder Indizes in diesem Artikel stellt weder ein Angebot oder eine Aufforderung zu deren Erwerb oder Verkauf dar, noch ist sie Teil eines solchen Angebots oder einer solchen Aufforderung. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein zuverlässiger Indikator für die künftige Wertentwicklung. Alle Performance-Angaben beinhalten Erträge und Kapitalgewinne bzw. -verluste, aber keine wiederkehrenden Gebühren oder sonstigen Ausgaben des Fonds. Der Wert einer Anlage und die Einkünfte aus ihr können steigen oder fallen. Es kann daher sein, dass Sie nicht die gesamte investierte Summe zurückerhalten. Die Informationen in diesem Artikel stellen keine Anlageberatung dar. Zu Werbezwecken.