Schadet die soziale Ungerechtigkeit dem Wirtschaftswachstum?

Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vertreten die These, dass die soziale Ungerechtigkeit dem langfristigen Wirtschaftswachstum schaden. Allerdings belegt ein Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung von vielen Ländern, dass eher vom Gegenteil auszugehen ist.

Soziale Ungleichheit schadet der Wirtschaft

Laut eines Mantras des IFWs und der OECD schadet die soziale Ungleichheit dem Wirtschaftswachstum. Dabei waren beide Organisationen historisch als marktwirtschaftlich agierende Wirtschaftsorganisationen bekannt. Dieser Stimmungswechsel sorgte vor allem in Europa für Verwirrung, denn normalerweise schreien vor allem Gewerkschaften, linke Parteien, bekannte Populisten und etablierte Wohlfahrtsverbände nach einer staatlichen Umverteilung des Vermögens. Doch diese erhalten nun von den Wirtschaftsorganisationen Rückenwind.

Die These, welche die beiden Wirtschaftsorganisationen heranziehen besagt, dass eine höhere Versteuerung reicher Bürger und höhere staatliche Leistungen für die ärmeren Bürger zu einem Wohlfahrtsgewinn für die gesamte Volkswirtschaft führen würde. Eine Studie des Ifo-Instituts belegt allerdings, dass diese These grundsätzlich falsch ist und belegt diese Aussage anhand von empirischen Berechnungen. Aus dieser Auswertung geht sogar hervor, dass genau das Gegenteil der Fall wäre. Eine Ungleichheit der Einkommen sorge für ein wesentlich stärkeres Wirtschaftswachstum. Lediglich arme Volkswirtschaften würden von einer Umverteilung profitieren, da somit der grundlegende Konsum der armen Bevölkerungsschicht gesteigert werden kann.

 

Aufgestellte Umverteilungsthese hat in einigen Ländern Gültigkeit

Die Studie des Ifo-Instituts beweist, dass diese berühmte These nur in einigen Ländern gilt. Die Ifo-Forscher werteten deshalb die Entwicklung der Wirtschaftskraft, des Wachstums und der Ungleichheit für 110 Ländern aus. Der Betrachtungshorizont umfasst die Zahlen von 1970 bis 2010. Zudem wurden Kennzahlen wie die Bildungsausgaben, das Bevölkerungswachstum, der Außenhandelsbeitrag und die Investitionsquote berücksichtigt. Die Studie ergibt, dass nur in Ländern, in denen das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen bei weniger als 5000 Dollar pro Jahr liegt, ein Zusammenhang zwischen Umverteilung und Wirtschaftswachstum bestehe. Nach Angaben der Weltbank beträfe dies lediglich 49 von 175 gelisteten Staaten. Demnach lässt sich festhalten, dass umverteilende Maßnahmen durch den Staat die Ungleichheit nur in Ländern mit einem geringen Durchschnittseinkommen erhöhen können. Sobald die Wirtschaftskraft eines Landes jedoch ein bestimmtes Niveau erreicht hat, lässt sich ein positiver Zusammenhang zwischen Wachstum und wirtschaftlicher Ungleichheit erkennen.

 

Wohlfahrtstaat bremst das Wachstum aus

Der Präsident des Ifo-Instituts, Fuest, belegt den Mehrwert der Ungleichheit an den Beispielen von Großbritannien und Schweden. Beide Länder verfolgten bis in die 80er Jahre das Prinzip des Wohlfahrtsstaats. Allerdings stagnierte die Wirtschaft und das wirtschaftliche Wachstum ging zurück. In den 1990er Jahren beschlossen beide Staaten ein Ende des Wohlfahrtsstaates, sodass die Ungleichheit zwischen den Menschen erneut zunahm. In der Konsequenz nahm auch das Wachstum der Volkswirtschaften erneut an Fahrt auf.

Die Ifo-Forscher warnen im Rahmen der Studie jedoch vor einer Verallgemeinerung, denn es müssen vielfältige Faktoren berücksichtigt werden. Hierzu gehören beispielsweise die Aussagen für Bildung und Forschung, Steuergesetze oder staatliche Eingriffe in die Wirtschaft. Zudem gäbe es durchaus Möglichkeiten, die eine Umverteilung und ein Wirtschaftswachstum begünstigen könnten. Diese Umverteilung sei insbesondere im Bildungswesen und bei Humankapitalinvestitionen möglich. Dennoch betonen die Autoren, dass die grundlegende Aussage des IWFs und der OECD nicht tragbar sind. Es existieren weder theoretisch, noch empirisch Zusammenhänge zwischen einer steigenden Umverteilung und dem Wirtschaftswachstum.

Ausgangspunkt für die Studie war eine Studie der OECD, welche im Jahr 2014 veröffentlicht wurde und Wohlfahrtseinbußen aufgrund der sozialen Ungleichheit angeprangert hat. In den Jahren 1990 bis 2016 stieg das BIP in Deutschland um 26 Prozent an. Laut Studie wäre bei einer Umverteilung von reichen auf arme Bürger ein um sechs Prozent höheres Wachstum möglich gewesen. In Neuseeland und Mexiko soll sich die Einbuße sogar auf 10 Prozent belaufen. Für das Ifo-Institut ist die Qualität dieser Studie eher fragwürdig. Insbesondere die Autoren sind unbekannt und die durchgeführten Analysen schlecht. Es gehe vor allem um Aufmerksamkeit, da diese Ergebnisse den bisherigen Meinungen widersprechen. Insbesondere die offensive Kommunikation der Ergebnisse ist fragwürdig, da die umfangreiche Literatur bereits einen Zusammenhang zwischen Umverteilung und Wirtschaftswachstum widerlegt hat.