Christian W. Röhl
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Sell In May And Go Away: Mit einer alten Börsenregel den Sommersturm überstehen

Alle Jahre wieder, irgendwann zwischen Ostern und Pfingsten, wird sie wieder herausgekramt, die alte Börsenweisheit: „Sell in May and go away.“ Ein simpler Imperativ, der sich sogar reimt und in diesem Jahr sowieso perfekt passt zur Befindlichkeit von Investoren, die nach den Kursanstiegen der vergangenen Monate allmählich Höhenangst bekommen.

Jetzt verkaufen, den Sommer mal im Liegestuhl statt auf dem Parkett verbringen und dann – „remember to come back in September“ – pünktlich zum vierten Quartal wieder in den Aktienmarkt einsteigen: Diese simple Strategie drängt sich geradezu auf, wenn man die DAX-Historie seit dem offiziellen Index-Start Ende 1987 nach Kalendermonaten aggregiert. 


Im Spiegel der vergangenen 33 Jahre sind Juni, August und September nämlich die drei schlechtesten Börsenmonate. Schon im Juni gibt’s empirisch betrachtet nur noch eine 50/50-Chance auf schwarze Zahlen, historisch stehen 17 Gewinnmonate 16 Verlustmonaten gegenüber. Zwar kommen auch Februar und März nicht auf eine bessere Quote positiver Resultate, aber die durchschnittliche Performance ist deutlich stärker als die kümmerlichen 0,2% im Juni. Richtig mies wird es dann im August und September, die 17 bzw. 19 Jahren ein Minus gebracht haben. Nur zur Einordnung: Im Dezember musste der DAX nur achtmal einen Verlust hinnehmen.


Die Prosa zum Phänomen

Mit ein bisschen Phantasie lassen sich sogar Erklärungen für diese Saisonalität finden. Etwa das Verhalten institutioneller Anleger: Jeweils zum Jahresanfang startet der Wettbewerb um die beste Jahresperformance und die Großinvestoren versuchen, sich durch mehr oder weniger aggressive Käufe eine gute Ausgangsposition zu verschaffen. Im weiteren Verlauf des Jahres nimmt die Risikobereitschaft dann langsam ab und vor dem Sommerloch – wenn viele Handelsräume nur halb besetzt und überdies die Privatanleger im Urlaub sind – nimmt man gerne mal Gewinne mit. Im September will dann niemand kaufen, so kurz vor dem seit 1929 und 1987 als Crash-Monat berüchtigten Oktober. Aber knapp vor Ultimo werden die Fonds und Pensionskassen dann doch wieder mutig und treiben mit gezielten Orders die Kurse und ihre Jahresperformance nach oben.


DAX: 43.000 dank viermonatiger Investment-Pause

So oder so ähnlich hört sich das dann an, wenn ein empirisches Phänomen rational unterfüttert werden soll. Was man mit derlei Prosa anstellt, muss jeder Investor selber wissen. Fakt ist aber: Die Sache lohnt sich, zumindest auf der Langstrecke. Denn würde der DAX jedes Jahr Ende Mai eine viermonatige Investment-Pause einlegen und erst ab Anfang Oktober wieder die Wertentwicklung der 30 enthaltenen Aktien widerspiegeln, stünde der Index heute nicht bei 15.000 Zählern, sondern bei knapp 43.000 Punkten – fast als dreimal so hoch.

Natürlich schützt die Saisonalität nicht vor jedem Börsengewitter. Der Corona-Crash 2020 hat sich schon im ersten Quartal ereignet, 2008 und 2009 hat die Finanzkrise auch den Jahresauftakt verhagelt und die Asienkrise ist 1997 erst im Oktober eskaliert. Aber als Saddam Hussein im August 1990 in Kuweit einmarschiert ist, als Terroristen am 11. September 2001 in den USA über 3000 Menschen ermordet haben, als im Sommer 2002 der New Economy-Hype einer Rezession gewichen war oder als im August 2011 der Euro auf der Kippe stand – da wäre man dank „Sell in May“ nicht in Aktien investiert gewesen und hätte sich 20-30% Verlust erspart. Gleichzeitig hätte man mit dem Juli 1997 zwar auch den drittbesten Monat der DAX-Historie verpasst, genau wie die rund 10% Plus, die das Frankfurter Aktienbarometer im vergangenen Jahr in den vier Monaten nach dem Ende des ersten Lockdowns aufs Parket gelegt hat. Doch in Summe ist der Sommer arm an Börsen-Highlights, so dass die vermiedenen Verluste in der Endabrechnung deutlich schwerer wiegen.


Nicht vom Rückspiegel blenden lassen

Also, jetzt schnell raus aus Aktien? Vorsicht. Das Hin und Her kostet schließlich Orderprovisionen und wenn das Geld nicht gerade in hochliquiden Aktien oder ETFs steckt, ist auch die Geld/Brief-Spanne ein Performance-Fresser. Überdies können beim Ausstieg Steuern fällig werden, so dass dann weniger Kapital für den Wiedereinstieg bleibt. Vor allem aber ist die Sache nicht so eindeutig wie sie scheint. Denn nur in 15 von 33 Jahren war die „Sell in May“-Strategie besser als der DAX, der immense Vorsprung resultiert also aus vergleichsweise wenigen Ausreißern – was nicht unbedingt für Robustheit spricht.


Vorsicht an der Wall Street

Verstärkt wird dieser Eindruck durch den Blick über den großen Teich. Denn die „Sell in May“-Regel kommt zwar aus den USA, funktioniert an der Wall Street aber nicht. Zumindest dann nicht, wenn man (analog zum DAX) die Dividenden berücksichtigt, die ja in den USA in aller Regel quartalsweise gezahlt werden und während der Investmentpause von Anfang Juni bis Ende September flöten gehen. In der Total Return-Variante des S&P 500 ist die Saisonalität deshalb lange nicht so ausgeprägt wie hier. Einzig der September bringt im historischen Durchschnitt seit dem offiziellen Index-Start 1957 Verluste und wer vier Monate keine Aktien hält, verpasst so viel Performance, dass die paar umschifften Crashs die Lücke nicht stopfen können – zumal Kurseinbrüche in den USA oftmals nicht ganz so hysterisch daherkommen wie hierzulande.

Die Lehren zweier Altmeister

Hier bestätigt sich also, was der legendäre US-Fondsmanager Peter Lynch in den 1990er Jahren auf den Punkt gebracht hat: „Mehr als in den Korrekturen selbst haben Anleger verloren, weil sie sich auf eine Korrektur vorbereitet haben oder versucht haben, eine Korrektur zu antizipieren.“ Wer dennoch mittels „Sell in May“ versuchen will, möglicherweise ungemütliche Börsenphasen zu umschiffen, sollte die Sache konsequent durchziehen. Nicht nur dieses Jahr und vor allem mit von vornherein definiertem Zeitpunkt für den Wiedereinstieg. Oder wie Grandseigneur André Kostolany zu sagen pflegte: „Wer Aktien nicht hat, wenn sie fallen, der hat sie auch nicht, wenn sie steigen.“