Serie Stiftungen, Teil 2: Die Anlagerichtlinien – so vermeiden Stiftungsvorstände Haftungsrisiken

Um im aktuellen Niedrigzinsumfeld ausreichende Erträge zur Erfüllung des Stiftungszwecks zu erwirtschaften, müssen Stiftungen zwingend neu denken. Sie müssen ihre Anlagerichtlinien anpassen, sich intensiv mit dem Thema Kapitalanlage beschäftigen und veraltete Mythen über Bord werfen.

„Tatsächlich ist es so, dass sich der Mythos von der mündelsicheren Anlage bei Stiftungen immer noch recht hartnäckig hält“, weiß Petra Träg, Geschäftsführerin der SOS-Kinderdorf-Stiftung, aus Erfahrung. „Dabei wurde das Gebot der mündelsicheren Anlage für Stiftungen in allen Bundesländern bereits vor Längerem abgeschafft.“ Dennoch sind manche Stiftungsvorstände noch immer der Ansicht, dass sie nur wirklich sichere Anlagen in ihrem Portfolio haben dürfen. Da damit angesichts negativer Renditen bei zehnjährigen Bundesanleihen und einer derzeit positiven Inflationsrate jedoch ein realer Wertverlust vorprogrammiert ist, besteht damit ein Konflikt zu den gesetzlichen Vorgaben.

„Tatsächlich würde das Formulierungen aus den Landesstiftungsgesetzen zur Kapitalanlage, wo es beispielsweise heißt, dass das Stiftungskapital ‚wirtschaftlich‘ oder ‚ertragbringend‘ anzulegen oder ‚ungeschmälert zu erhalten‘ ist, widersprechen“, informiert Träg. Mit anderen Worten: Stiftungsvorstände sind gezwungen ihren Anlagehorizont über sichere Zinsanlagen hinaus auszuweiten. Im ersten Schritt müssen sie sich dafür jedoch mit dem Thema Anlagerichtlinien beschäftigen. Das betrifft einerseits die Stiftungen, die noch keine Anlagerichtlinien haben. Andererseits auch jene, die zwar über solche Richtlinien verfügen, diese unter Umständen aber an das neue Umfeld anpassen müssen. 


Klare Anlagerichtlinien als Schutz vor Haftung

Die Anlagerichtlinien regeln die wesentlichen Grundsätze der Vermögensbewirtschaftung und stellen eine Art Leitfaden für die Vermögensanlage dar. Grundsätzlich bieten sie eine Hilfestellung, um bei der Vermögensanlage mit Plan und Strategie vorzugehen. Etwas, was angesichts der großen Bandbreite von Anlagemöglichkeiten und Angeboten für Stiftungen heute von großer Bedeutung ist. Dabei gilt es zunächst zu berücksichtigen, dass der Inhalt der Anlagerichtlinien auf keinen Fall der Satzung einer Stiftung widersprechen darf. Vielmehr sollen sie die Aussagen der Satzung konkretisieren, wie der Bundesverband Deutscher Stiftungen feststellt.

Zudem sollen diese Richtlinien verhindern, dass ein Vorstand in einer Art freiem Raum agiert. „Das ist deshalb wichtig, weil dieser sonst riskiert, unstrukturiert und nach Gutdünken zu handeln und das kann im schlimmsten Fall zu Haftungsrisiken führen“, rät der Stiftungsverband weiter. Stiftungen sollten sich deshalb auch erst einmal einen Überblick verschaffen, was in den Anlagerichtlinien geregelt werden sollte. So sollten dort die Anlagestrategie, die Investmentziele und vor allem die Anlagegrenzen für die einzelnen Assetklassen festgelegt werden. Gerade die Bestimmung dieser Anlagegrenzen, also die Vorgabe von Bandbreiten für die einzelnen Anlageklassen, setzt allerdings voraus, dass sich die Verantwortlichen gründlich mit dem Thema Kapitalanlage auseinandersetzen. Insbesondere müssen sie sich dabei bewusst machen, wie viel Risiko sie tatsächlich tragen können und wollen.


Anlagegrenzen an die Risikoneigung anpassen

Wer eher vorsichtig agieren möchte, sollte die Bandbreite für die Beimischung von Aktien eher auf null bis 20 Prozent begrenzen. Wer mit höheren Schwankungen leben kann, kann dagegen die potenzielle Aktiengewichtung oder die Grenze für andere risikoreichere Anlagen wie höher verzinste Anleihen, sehr viel weiter nach Oben schieben. Die Festlegung solcher Bandbreiten hat zudem den Vorteil, dass eine Stiftung auf das Kapitalmarktumfeld reagieren kann. Sie kann also in turbulenten Phasen Risiken herausnehmen, in Zeiten, in den die Märkte nach oben laufen, aber mehr in Aktien oder hoch verzinste Anleihen investieren.

Daneben kann in den Anlagerichtlinien auch eine angestrebte Rendite festgelegt werden, der Anteil der regelmäßigen Erträge, der beispielsweise durch Zinszahlungen und Dividenden zustande kommt, wie lange das Portfolio unter dem Ausgangswert notieren darf oder wie hoch die Kosten für ein Finanzprodukt sein dürfen. Dazu können Stiftungen in den Anlagerichtlinien auch Ausschlusskriterien definieren. Sie können so bestimmte Branchen wie die Waffen- oder die Glücksspielindustrie aus ihrem Investmentuniversum ausschließen. Oder auch generell festlegen, dass nur ESG-konforme Anlagen in Frage kommen. Und schließlich sollten dort die Zuständigkeiten für die Vermögensanlage geregelt sein.  

Allein Anlagerichtlinien zu haben, schützt aber noch nicht vor einer möglichen Haftung. „Ich kann nur jedem Stiftungsvorstand raten, bei jeder Anlageentscheidung die notwendige Sorgfaltspflicht eines ordentlichen Kaufmanns walten zu lassen und jede Entscheidung genau zu dokumentieren“, erklärt Petra Träg. Zudem sagen die Anlagerichtlinien selbst nichts über die konkrete Umsetzung der Geldanlage aus. Wie dies geschehen kann und welche Möglichkeiten der Kapitalmarkt dazu bietet, das lesen Sie in den kommenden Teilen dieser Serie.