Stagges Strategiekolumne: Was Wochentage über Renditen verraten – die Mad-Monday-Strategie

Der Kapitalmarkt steckt voller Überraschungen – und Anomalien. CAPinside-Experte André Stagge nimmt letztere unter die Lupe, stellt Strategien vor, die die Anomalien ausnutzen und hinterfragt, wie sinnvoll die Trading-Ideen wirklich sind. Dieses Mal: Mad Monday.

Die Börse folgt bestimmten Gesetzmäßigkeiten. Anders als in der Naturwissenschaft gelten diese „Gesetze“ vielleicht nicht jeden Tag, jede Woche und vielleicht auch nicht jeden Monat. Dennoch gibt es langfristig immer wieder die gleichen wiederkehrenden Muster, die man für sich nutzen kann. Erfahrene Investoren und Trader kennen diese Gesetze am Markt und nutzen sie regelmäßig. Dabei geht es nicht nur um einfache Statistik, sondern um einen mathematischen Vorteil, der auch logisch zu begründen ist.

In schöner Regelmäßigkeit kann man z.B. feststellen, dass an verschiedenen Börsentagen unterschiedliche Renditen erzielt werden. Wäre die Theorie der vollkommenen Kapitalmärkte uneingeschränkt korrekt, dürfte das nicht der Fall sein. Langfristig müsste bei einem vollkommenen Kapitalmarkt die erwartete Rendite an jedem Wochentag gleich sein. In der Praxis ist das eindeutig anders und clevere Investoren können davon profitieren und eventuelle Abweichungen von der Norm interpretieren.

Die Strategie Mad-Monday (verrückter Montag) bietet dafür ein schönes Beispiel. Eine Auswertung von 5.739 Schlusskursen vom S&P 500 und der Nasdaq 100, in der Zeit vom 01.01.1999 bis zum 31.12.2020, ergibt dabei die folgende historische Performance. Aus einem Anfangsinvestment von 100 wurden nach 21 Jahren folgende Werte.

Haltedauer

FR bis MO

MO bis DI

DI bis MI

MI bis DO

DO bis FR

SPX

94,45

164,07

138,42

145,58

97,94

NDX

104,44

143,64

264,88

274,62

63,69

Ein Investment, aufgeteilt nach verschiedenen Haltedauern, hätte in der Zeit von 01.01.1999 bis 31.12.2020 die obenstehende Kursentwicklung gebracht.

Hätte ich also seit 1999 jeden Freitagabend zum Schlusskurs den S&P 500 erworben und ihn am Montagabend wieder verkauft, hätte ich aus einem Indexwert von 100 ein Endkapital am 31.12.2020 von 94,45 gemacht und folglich einen Verlust von 5,55 realisiert. Währungsschwankungen und Transaktionskosten werden bei dieser statistischen Betrachtung nicht berücksichtigt.

Deutlich profitabler wäre hier ein Investment für jeweils 24 Stunden in die Nasdaq 100 gewesen. Bei einem Kauf am Dienstagabend zum Schlusskurs und einem Verkauf am Mittwochabend hätte ich mein Kapital von 100 auf 264,88 vermehrt. Eine noch bessere Rendite hätte ich in den letzten 21 Jahren bei einem Engagement von Mittwoch bis Donnerstag erzielt.


Die unterschiedlichen Tagesrenditen im S&P 500 seit dem 01.01.1999:


Die unterschiedlichen Tagesrenditen in der Nasdaq 100 seit dem 01.01.1999:

Aus den Schaubildern kann man erkennen, dass historisch die höchste Rendite zwischen dem Schlusskurs am Montagabend und dem Schlusskurs am Donnerstagabend verdient wurde. In der restlichen Zeit, also am Freitag, über das Wochenende und auch am Montag, gab es historisch nichts in den untersuchten amerikanischen Aktienindizes zu verdienen.

Eine einfache Ableitung aus dieser Analyse ist, dass ein Investment zwischen Montagabend 22 Uhr unserer Zeit und Donnerstagabend 22 Uhr deutlich mehr Ertrag bringt als ein Engagement, welches am Donnerstagabend beginnt und über das Wochenende bis Montagabend die Position behält. Die Idee, von den Aktienmarktbewegungen während der Woche und nicht von denen während des Wochenendes zu profitieren, ist auch nach Transaktionskosten deutlich profitabel und rechtfertigt den Zeitaufwand.


Das Ergebnis für die Strategien Mad-Monday im S&P 500 seit dem 01.01.1999:


Das Ergebnis für die Strategien Mad-Monday in der Nasdaq 100 seit dem 01.01.1999:

Durch das gezielte Investment an einem Dienstag, Mittwoch und Donnerstag konnte historisch sowohl im S&P 500 als auch in der Nasdaq eine höhere Rendite erzielt werden als bei einem Investment von Donnerstagabend bis Montagabend. Zusätzlich zu der höheren Rendite konnte mit der Strategie auch ein geringeres Risiko erreicht werden. Diese Strategie bezeichne ich als Mad-Monday.

Natürlich gibt es bessere Strategien und einfache Filter um die Rendite weiter zu steigern und das Risiko zu reduzieren. Wichtiger als das historische Ergebnis ist mir, warum diese einfache Anomalie aktuell nicht so funktioniert und was wir daraus über die aktuelle Situation am Kapitalmarkt lernen können.

Denn aktuell ist insbesondere die Rendite am Montag deutlich über ihrem historischen Erwartungswert. Das letzte Mal hatten wir eine ähnliche Divergenz in den Jahren 1999 und 2000 als die Performance am Montag und während des Wochenendes deutlich besser war als die Rendite zwischen Dienstag und Donnerstag.


Warum es funktioniert:

Welche Ursachen sind dafür verantwortlich, dass die Renditen während der Woche höher sind als während des Wochenendes? Eine sinnvolle Überlegung ist, dass den Marktakteuren an den Wochenenden keine Gelegenheit gegeben wird, auf schlechte Nachrichten zu reagieren. Gibt es während des Wochenendes negative Ereignisse für die Börse, eröffnen die Märkte am Montag auf einem niedrigeren Kursniveau. Eine Absicherung über ein Stop-Loss ist nicht möglich, weil am Wochenende kein Handel stattfindet. Einige meiner erfolgreichen Trading-Strategien zielen auf diese Logik ab, wie z.B. der Zinshamster, der Friday Gold Rush oder auch der Turnaround Tuesday.

Institutionelle Anleger mögen kein Risiko und sind im Normalfall bestrebt, sich gegen Risiken abzusichern. Daher werden am Freitag z.B. Risikopositionen verkauft und Absicherungen in das Depot aufgenommen. In den letzten Jahren wurde diese Tendenz durch eine immer strenger werdende Regulierung noch beschleunigt. Institutionelle Trader müssen sich an sehr strenge Vorgaben halten und sind durch den Regulator aufgefordert, keine großen Risikopositionen über Nacht oder über das Wochenende zu halten. Das zeigt sich in den letzten Monaten auch schön in der deutlich angestiegenen Overnight Prämie.

Eine weitere Erklärung ist die Idee, dass z.B. Trader an den Wochenenden zur Ruhe kommen wollen. Sie nutzen die handelsfreie Zeit, um die Nachrichtenlage aufzuarbeiten und am Montag mit aktuellen Analysen zu handeln. Eventuelle Risiken am Wochenende brauchen sie dabei nicht zu fürchten, weil sie 100% Cash über das Wochenende halten. In einem Umfeld von langfristig risikoaversen Markteilnehmern erscheint es sinnvoll, unkalkulierbare Risiken zu vermeiden.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich dieses Verhalten seit dem 17.03.2020 verändert hat. Der historisch unbeliebte Montag ist mit Abstand zum besten Börsentag der Woche avanciert. Trader, die bewusst das Risiko eingingen und über das Wochenende spekulative Long-Positionen gehalten haben, wurden belohnt:

Haltedauer

FR bis MO

MO bis DI

DI bis MI

MI bis DO

DO bis FR

SPX

126,59

112,17

102,57

104,48

97,59

NDX

142,90

110,40

110,23

107,70

92,07

Ein Investment, aufgeteilt nach verschiedenen Haltedauern, hätte in der Zeit von 17.03.2020 bis 31.12.2020 die obenstehende Kursentwicklung gebracht.

Dies zeigt sich auch bei der grafischen Darstellung sehr schön. Während der Freitag weiterhin ein Tag der fallenden Kurse ist, weil es hier z.B. Gewinnmitnahmen und Absicherungstrades von institutionellen Marktteilnehmern gibt, scheint es viele Käufer zu geben, die zwischen Freitagabend 22 Uhr und Montagabend 22 Uhr auf ansteigende Kurse gesetzt haben. Zusätzlich zum hohen Ertrag fällt die geringe Schwankungsbreite an den Montagen auf.


Die unterschiedlichen Tagesrenditen im S&P 500 seit dem 17.03.2020:


Die unterschiedlichen Tagesrenditen in der Nasdaq 100 seit dem 17.03.2020:

Meine persönliche Interpretation des Mad-Monday ist, dass wir keinen Paradigmenwechsel bei den professionellen Investoren haben und mittel- bis langfristig der Freitag und der Montag auch wieder zu den schwierigeren Börsentagen gehören werden. Die aktuelle Abweichung zur Norm und die deutlich steigenden Kurse am Montag sind den vielen neuen Kapitalmarktteilnehmern geschuldet, die über gehebelte Positionen und mit einer hohen Auslastung der Marge über das Wochenende und am Montag investiert sind. Ein ganz ähnliches Verhalten konnte schon in den Jahren 1999 und 2000 beobachtet werden.

Risiken waren in diesem Umfeld – wie vielleicht auch aktuell – nicht mehr so stark im Fokus der Trader und Investoren, sondern es ging mehr um die möglichen Renditen. Seit März 2020 sind die Börsenkurse deutlich gestiegen und besonders in der Nasdaq 100 konnten Zugewinne an Montagen erzielt werden.

Wie lange dieses Phänomen noch zu beobachten sein wird, kann ich nicht sagen. Meine Vermutung ist aber, dass es die Euphorie am Montag nicht mehr allzu lange geben wird. Eine schlechtere Rendite am Montag könnte damit auch eine gute Indikation für eine abnehmende Risikofreude bei privaten Spekulanten darstellen.


Gut:

  • Einfache statistische Analyse
  • Leicht umzusetzen
  • Backtest mit insgesamt 11.478 Datenpunkten über 21 Jahre
  • Hohe Liquidität bei der Umsetzung von Aktien-Futures und oder ETFs
  • Funktioniert in verschiedenen globalen Aktienmärkten

Schlecht:

  • Viele Transaktionen
  • Kein SL
  • Phänomen ist am stabilsten in amerikanischen Märkten
  • Aktueller Drawdown durch die starke Performance am Montag

Interessant:

  • Verbesserung der Strategie durch individuelles Timing möglich
  • Strategie kann als Indikator für das Verhalten privater Spekulanten dienen
  • Strategie Mad-Monday könnte mit weiteren Filtern optimiert werden
  • Strategie könnte mit dem Verkauf von Put Optionen noch weiter optimiert werden