Start-ups: die neuen Lehrmeister der Top-Manager

Digitalerfahrung als Gradmesser für Manager 

Ein typischer Finanzvorstand ist bei der Entscheidungsfindung jeweils den Angaben des jeweiligen Fachbereichs ausgeliefert. Insbesondere Antworten zu Themen wie Prozessautomatisierungen, Umsetzungszeiten und Kostenschätzungen müssen von den jeweiligen Fachabteilungen bereitgestellt werden.

Ein Gegenbeispiel zum typischen Finanzvorstand findet sich in Jan Kemper wieder. Mit 37 wurde Kemper zum Chief Financial Officer von ProSiebenSat.1. Zu seinen Ausbildungsstationen gehörte das typische BWL-Studium an der WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar sowie die anschließende Promotion an der RWTH Aachen. Anschließend arbeitete er als Investmentbanker bei der Credit Suisse, bis er zu Morgan Stanley wechselte. Den Wechsel in den Vorstand von ProsiebenSat.1 führt Kemper besonders auf seine Digitalerfahrung zurück.

Insbesondere die Zeit beim Berliner Startup Zalando prägte die Entwicklung Kempers. Das Hauptaufgabenfeld in dieser Zeit lag in der Akquisition neuer Investoren. Zudem verhandelte er den Börsengang im Jahr 2014. Laut den Aussagen Kempers ist es bei einem Startup nicht ausreichend, wenn man lediglich einen Blick auf die Gewinn- und Verlustrechnungen wirft. Somit hat er sich bei Zalando zwangsläufig zum Generalisten entwickelt, der sich schnell in die digitalen Geschäftsmodelle verschiedener Abteilungen hineindenken und diese miteinander vernetzen kann. Schlussendlich erkannte auch ProsiebenSat.1 diese Kompetenz und warb Kemper ab. Laut eigener Aussagen entwickelte Kemper vor allem ein Verständnis für den Einsatz moderner Technologien, sodass diese einen positiven Einfluss auf die Geschäftsentwicklung ausüben.

 

Neues Anforderungsprofil bei Top-Managern 

Noch vor wenigen Jahren galt eine Beschäftigung bei einer bekannten Unternehmensberatung als Karrieresprungbrett. So kommen etwa Oliver Bäte, der CEO der Allianz, Frank Appel, der CEO der Deutschen Post, oder Claudia Nemat, eine Top-Managerin der Telekom, von McKinsey. Doch auch die Boston Consulting Group brachte mit Indra Nooyi und Jeff Immelt zwei Vorstandsvorsitzende hervor.

Doch dieses Anforderungsprofil an die Lebensläufe hat sich grundlegend geändert. Laut Experten werden Digitalunternehmen den klassischen Unternehmensberatungen den Rang als Ausbildungsstätte für C-Level-Managementkräfte ablaufen. Waren Absolventen von Eliteuniversitäten damals fast ausschließlich die Zielgruppe von Unternehmensberatungen, so konkurrieren diese heute mit Digitalunternehmen um das Personal. Mittlerweile zeichnet sich ein Trend ab, der verdeutlicht, dass immer mehr Studenten eine unternehmerische Tätigkeit anstreben. Diese Entwicklung basiert nicht nur auf den unternehmerischen Freiheiten, sondern vor allem auf einem Kalkül. Laut Experten könnten Managementkräfte, die bereits Erfahrungen in einem Digitalunternehmen besitzen rund 30 Prozent mehr Gehalt fordern. Mittlerweile sei ein Jahreseinkommen von 150.000 Euro selbst bei mittelständischen Unternehmen keine Seltenheit mehr, wenn es um die Leitung des Digitalgeschäfts gehe.


Für Unternehmen gibt es jedoch gute Gründe, um solche Gehälter zu zahlen, denn die Digitalisierung ist mittlerweile eine Angelegenheit für den Vorstand geworden. Aus diesem Grund werden vor allem Führungskräfte gesucht, die die bestehenden Strategien mit der technologischen Wirklichkeit in Einklang bringen können. Zudem werden Manager mit einem Mindset gesucht, welches auch das Veröffentlichen von Lösungen in einer Beta-Phase zulässt.

 

Unternehmen suchen digital denkende Manager 

Belegt werden diese veränderten Anforderungen durch eine Studie, welche die Personalberatung Rochus Mummert im vergangenen Jahr erhoben hat. Im Rahmen der Untersuchung wurden die Geschäftsführer von 114 Unternehmen bezüglich der Anforderungen an neue Manager befragt. Hierbei stellte sich heraus, dass insbesondere die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle eine hohe Relevanz einnimmt. Der Trend zur Digitalkompetenz soll auch in den kommenden Jahren anhalten. Diese Entwicklung lässt sich insbesondere anhand der großen Veränderungen unserer Zeit ableiten, denn diese sind allesamt technologisch getrieben. Vor allem das digitale Denken nimmt eine wichtige Rolle ein, da es zwangsläufig zu Innovation führt. Vor allem das Erkennen neuer Trends gehöre demnach in das Aufgabengebiet der kommenden Managementgeneration.