Stehen wir am Beginn einer neuen Energiekrise?
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2021-10-15

Stehen wir am Beginn einer neuen Energiekrise?

Ob Strom, Erdgas, Kohle oder Erdöl: Der starke Preisanstieg der letzten Monate bringt Unternehmen und Börsen ins Wanken und wird zur Gefahr der angeschlagenen Weltwirtschaft. Erste Energieversorger stellen ihre Lieferungen ein – welche Risiken und Nebenwirkungen uns erwarten und wie Anleger sich positionieren können, erklärt CAPinside-Experte Thomas Olbrisch.

Es war eine Ankündigung, die bei Verbrauchern und Investoren gleichermaßen für Aufregung gesorgt haben dürfte: Anfang Oktober gab die Rheinische Elektrizitäts- und Gasversorgungsgesellschaft (REG) laut Handelsblatt bekannt, ihre Stromversorgung einzustellen. Mehrere Hundert Kunden in Bremen und Hessen müssen sich nun bis zum 19. Oktober einen neuen Stromanbieter suchen. Dabei sind die Lieferengpässe bei der REG, die unter Marken wie Meisterstrom, Ideal Energie oder Immergrün Strom- und Gastarife anbietet, keineswegs ein deutscher Einzelfall, wie ein Blick auf die aktuellen Energiepreise erahnen lässt.

Denn: Anbieter wie die REG produzieren nicht selbst, sondern treten lediglich als Zwischenhändler auf. Der Einkauf erfolgt über Strombörsen und wird zu höheren Preisen an die Endverbraucher weitergegeben. Und genau das ist derzeit das Problem. Die Großhandelspreise pro Megawattstunde (MWh) bewegen sich aktuell auf einem Zehn-Jahres-Hoch und erreichten im September ein Niveau von durchschnittlich rund 127 Euro – was verglichen zum Vorjahr einer Verdreifachung entspricht. Zudem treffen an den Strombörsen, analog etwa zu den Rohstoff-Börsen, neben dem Angebots-Nachfrage-Prinzip auch zeitliche Faktoren aufeinander. Stromversorger wie REG können sich über längerfristige Terminkontrakte feste Preisniveaus sichern oder aber auf dem Spotmarkt kurzfristig eindecken, mit entsprechenden Chancen und Risiken möglicher Preisschwankungen. Hier kam es Anfang Oktober wiederum zu extremen Peaks – in der Spitze lag der Preis pro MWh bei über 400 Euro. Gleiches gilt für viele europäische Länder sowie für Großbritannien, wo ebenfalls mehrere Versorger Insolvenz anmeldeten. Dabei ist der galoppierende Strompreis nur ein Symptom der dahinterliegenden Ursache.


Welche Faktoren die Energie-Krise begünstigen 

Egal ob Strom, Kohle, Öl, Erdgas oder Uran: In Europa befinden sich die Energiepreise derzeit auf Höchstständen. Die Nachholeffekte nach dem pandemiebedingten Einbruch führen zu einem gestiegenen Energiebedarf, bei dem Erdgas gerade im europäischen Energiemix eine Schlüsselrolle spielt. „In den letzten Wochen sind die Strompreise zusammen mit den Erdgas- und Kohlenstoffpreisen stark gestiegen. Trotz der beträchtlichen Erhöhung der EU-Preise für Kohlenstoffemissionen, die im September 2021 die Marke von 60 Euro je Tonne überschritten, hat der Erdgaspreis am stärksten zum Strompreisanstieg beigetragen“, fasste es die DWS in einer aktuellen Markteinschätzung zusammen. Aufgrund globaler Lieferengpässe, geringer Gasimporte aus Russland und eines stärkeren Wettbewerbs mit Asien um das begehrte Flüssigerdgas (LNG) wird die Preisrally weitergehen: „Da die Gasnachfrage zum Heizen im Winter voraussichtlich steigen wird, die Lagerbestände unter ihrem historischen Durchschnitt liegen und es zu Versorgungsengpässen kommen dürfte, wird der Aufwärtsdruck auf die Strompreise in den kommenden Monaten wahrscheinlich anhalten“, heißt es in der DWS-Prognose weiter.

Das sind Meldungen, die mögliche Inflationsszenarien weiter befeuern. Laut dem Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, könnte diese im November auf fünf Prozent steigen, sofern die Energiepreise keinen Dämpfer erfahren. Dies könnte einerseits sinkende Konsumausgaben der Verbraucher nach sich ziehen. Auf der anderen Seite schmälern hohe Energierechnungen die Margen in energieintensiven Branchen wie etwa der Stahlindustrie. Außerdem könnten niedrigere Gewinnausweisungen die Bonität und Refinanzierungskosten von betroffenen Unternehmen beeinträchtigen. Auch Chris Iggo, Chief Investment Officer bei AXA Investment Managers, beobachtet das Marktgeschehen mit Sorge, zu hoch sei die Inflation bei den wichtigen Energieträgern Öl, Gas und Kohle: „Diese Preissteigerungen verstärken die Inflationssorgen und waren ein wichtiger Faktor für den jüngsten Anstieg der Break-Even Inflationsrate am Rentenmarkt. Das ist sicherlich ein weiterer Grund zur Sorge für die Anleger. Es wäre keine gute Kombination, wenn die Energiepreise und die Zinssätze weiter ansteigen würden.“


Wie Anleger durch die Energiekrise steuern können

Während angesichts der hohen Energiekosten vielerorts bereits mit Konjunktureinbrüchen gerechnet wird, verdienen viele Unternehmen entlang der Energiewertschöpfungskette kräftig an den Preisaufschlägen. Allen voran die globalen Schwergewichte im Energiegeschäft. Die Aktien von Shell, Exxon Mobil, Gazprom, BP, Chevron, Total oder Conocophillips waren in 2021 wieder gefragt. Die Aktie des Erdgasförderers Gazprom etwa konnte nach langjähriger Seitwärtsphase innerhalb der letzten 12 Monate einen Zuwachs von rund 150 Prozent verbuchen. Ähnlich sah es bei den Anteilsscheinen der Wettbewerber aus. Auch mit Fonds aus der Peergroup weltweite Aktienfonds Rohstoffe Energie verdienten Anleger zuletzt deutlich besser. Zu den Top-Performern unter den Energie-Fonds zählten der Schroder ISF Global Energy, Guinness Global Energy und der BlackRock World Energy – wobei der aktiv gemanagte Fonds von Schroder mit einem Wertzuwachs von 120 Prozent am besten abschnitt.

Dennoch könnte die Hausse der Energieversorger ein baldiges Ende finden, wie auch Chris Iggo, von AXA anmerkt: „Die Erdöl- und Erdgasmärkte befinden sich in Backwardation, das heißt die Terminpreise sind niedriger als die Spot-Preise. Dies ist ein klassisches Signal für eine kurzfristige Angebotsverknappung. Es deutet darauf hin, dass die Preise fallen werden.“ Langfristig, so seine Annahme, werden nur Energieunternehmen Kapital bei den Investoren einsammeln, die über einen diversifizierten Energiemix verfügen.


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