Stoppt die GameStopper!

Beim sagenhaften Anstieg von Underdog-Aktien wie GameStop liegt der Verdacht der Marktmanipulation in der Luft. Zeit, dass jemand einschreitet.

8000 Prozent Plus binnen zwölf Monaten. Ist die Wunder-App „Clubhouse“ heimlich an die Börse gegangen? Hat ein Biotechunternehmen ein Heilmittel gegen Krebs gefunden? Falsch. Hinter der Kursexplosion  steckt ein Unternehmen, dass ranzige Miniläden in  Einkaufszentren betreibt. Gebrauchte Computerspiele. Stationärer Einzelhandel. Weniger Superstar-Aktie geht nicht. Das Unternehmen, das Börsengeschichte geschrieben hat, heißt GameStop. Denn hinter der wundersamen Geldvermehrung stecken nicht die „Masters of the Universe“ an der Wall Street, sondern eine Gruppe von Hobby-Spekulanten, die sich auf dem Social-News-Aggregator „Reddit“ zum Kauf der Aktie verabredet hatten. Das hat extreme Folgen für sogenannte Leerverkäufer. 

Denn genau diese Leerverkäufer haben es auf die GameStops dieser Welt abgesehen. Firmen mit einem überlebten, nicht zukunftstauglichen Geschäftsmodell. In der Erwartung, dass deren Aktien fallen, spekulieren Leerverkäufer auf sinkende Kurse. Sie leihen sich Aktien, um sie später zu einem günstigeren Preis zurückzukaufen und damit Gewinne einzufahren. Zuletzt funktionierte das bei Aktien wie Wirecard prächtig. 


Plötzlich stürzen sich alle auf eine Aktie

Doch wenn der Kurs der vermeintlichen Schrottfirma plötzlich kometengleich steigt, kriegen die Leerverkäufer ein Mega-Problem. Sie müssen die geliehenen Aktien zurückkaufen. Um jeden Preis. Wirecard-Aktionäre konnten sich damit trösten, dass bei Null Schluss ist. Leerverkäufer können mehr verlieren als den Einsatz. Theoretisch kann ihr Verlust ins Unermessliche anwachsen. Die Angst vor einem solchen Szenario führt dann zu einem Short Squeeze. Wenn sich plötzlich alle auf eine Aktie stürzen, geht der Kurs ab wie eine Rakete. Und genau das ist mit GameStop passiert.


Unser CAPinside-CEO Philipp Schröder ist anderer Meinung als Guido Walter. Er fordert: Aktien sind für alle da! 

Zum Kommentar von Philipp Schröder 


Tesla-CEO Elon Musk befeuerte den Boom mit einem Tweet. Wenig erstaunlich. Musk führt sein Jahren einen Battle mit dem Shortseller David Einhorn, der Tesla-Aktien wegen ihrer hohen Bewertung leerverkauft. Damit hat Musk die David gegen Goliath-Illusion weiter befeuert. Denn der Gedanke liegt nahe. Ein paar durchgeknallte Kleinanleger machen die Aasgeier der Börse fertig. Diese Leerverkäufer-Typen, die sich kaputtlachen, wenn Deine Aktien in den Keller rauschen. Die an Deinem Elend Geld verdienen. 


Leerverkäufer sind wie Hyänen

Warum sollen immer die Hochglanz-Aktien aus dem Silicon Valley gewinnen? Warum nicht mal der Underdog? Schön, wenn es so einfach wäre. Leerverkäufer sind Hyänen. Aber auch die haben eine wichtige Aufgabe in der Wildnis: Sie beseitigen das Aas, und vermeiden damit Seuchen und Krankheiten unter den Tieren. Ganz ähnlich funktioniert es in der Börse. Leerverkäufer waren mit die ersten, die bei Wirecard den Finger in die Wunde gelegt haben. 

Doch die Reddit-Community macht das Geschäftsmodell der Leerverkäufer und Hedgefonds kaputt. Allein durch den Anstieg der GameStop-Aktie verloren sie Milliarden US-Dollar. Und es bleibt nicht dabei. Gezielt suchen die Anleger nach Titeln mit einem hohen Anteil an der Leerverkäufen, die etwa das US-Magazin „Barrons“ unter der Zeile "Another GameStop? Here Are the Next 10 Most Shorted Small-Caps" auflistet, darunter Mauerblümchen-Aktien wie Dillard’s, Ligand Pharmaceuticals, Bed Bath & Beyond oder National Beverage Corp. Weitere heiße Kandidaten: Blackberry und Nokia. Rückwärtsgewandter geht es nicht. 

Auch deutsche Reddit-Nutzer machen mit. Ihr Subreddit „Mauerstraßenwetten“ ist eine plumpe Übersetzung des mittlerweile schon legendäre Subreddits „Wallstreetbets“. Im Visier der deutschen Zocker: Evotec und Varta. In der Folge gingen die Kurse steil. Das deutsche „Robin Hood“-Pendant „Trade Republic“ stellte den Handel mit den Titeln ein. Auch in den USA war GameStop zwischendurch vom Handel ausgesetzt.


Maximaler Schaden per Short-Squeeze

Ist das Ganze überhaupt legal? Nachfrage bei Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW): „Verbotener Insiderhandel im eigentlichen Sinn ist diese Verabredung wohl nicht, da die Beteiligten keine exklusiven Kenntnisse aus der Unternehmenssphäre haben.“ Es handelt sich aus seiner Sicht eher um sogenanntes Frontrunning, mit dem der Kurs eines Papiers in die Höhe getrieben wird. „Wobei das angepeilte Ziel ja nicht die Maximierung des eigenen Ertrags ist, sondern das Anrichten eines maximalen Schadens per Short-Squeeze bei den Shortsellern“, sagt Kurz. Was zurzeit erstaunlich gut gelingt. Aber: „Wenn sich herausstellen sollte, dass sich hier mehrere Marktteilnehmer in einer Art konzertierten Aktion absprechen, um den Kurs einer Aktie nach oben zu treiben, liegt natürlich auch der Verdacht der Marktmanipulation in der Luft“, sagt Kurz. „Selbst dann, wenn es nicht ausschließlich um persönliche Gewinnmaximierung gehen sollte.“ DSW-Mann Kurz geht davon aus, dass die US-Börsenaufsicht SEC bereits in diese Richtung ermittelt. 


Es geht denen um Cash

Es ist längst Zeit, dass jemand die GameStopper stoppt. Geld, was Unternehmen mit Zukunftstechnologien durch die Börse zufließt, sorgt im besten Fall für Innovation, die dann der Gesellschaft nützt. So ist der Börsenboom der Aktien von Unternehmen, die auf Nachhaltigkeit setzen, sinnvoll und nachvollziehbar. Einen solchen Nutzen stiften weder die Reddit-Community noch die Unternehmen, auf die sie setzen. Kürzlich räsonierte eine Kollege, dass die Motive der Reddit-Leute im Dunkeln liegen würden. Ich wage eine Gegenthese: Es geht denen um Cash.