Strukturierte Produkte Teil 1: Grundlagen derivater Finanzinstrumente

Als Derivate (lat.: derivare, dt.: ableiten) oder derivative Wertpapiere werden Produkte und Finanzinstrumente bezeichnet, welche sich auf andere Finanzinstrumente beziehen – etwa auf Indizes, Aktien, Devisen, Anleihen oder Rohstoffe – und sich ihre Kursentwicklung von diesen ableitet.

Terminmärkte haben in der Öffentlichkeit häufig das Image, ein „Tummelplatz für Spekulanten“ zu sein. Ihrer tatsächlichen Bedeutung wird eine solch einseitige Sichtweise, die vor allem auf das Spekulationsmotiv Bezug nimmt, aber nicht gerecht. Zweifellos spielt die Spekulation an den Terminmärkten auch eine Rolle, sie sollte aber nicht mit dem Glücksspiel verglichen werden, da bei ihr reale und keine künstlich erzeugten Risiken, Chancen und Entwicklungen gehandelt werden. 

Zudem tragen Spekulanten zu einem wichtigen Bestandteil für das Funktionieren von Finanzmärkten bei: Sie sorgen für zusätzliche Liquidität. Ein anderes Bild der Terminmärkte ergibt sich, wenn man in Betracht zieht, dass von Beginn an zu einem überwiegenden Teil andere Motive verfolgt wurden, beispielsweise das der Absicherung und Risikobegrenzung. 

Vorausschauend und risikobewusst handelnde Unternehmen nehmen beispielsweise Sicherungsgeschäfte an den Terminmärkten vor, um starken Wechselkursänderungen an den Devisenmärkten oder Änderungen der Energiepreise vorzubeugen. Ein aktuell günstiges Zinsniveau kann für erst später benötigte Kredite durch Termingeschäfte abgesichert werden, ebenso kann durch den Kauf oder Verkauf von Rohstoffen auf Termin frühzeitig Planungssicherheit hergestellt und die Geschäftsentwicklung der Unternehmen stetiger gestaltet werden. Die Liste ließe sich fortsetzen. Auch der Handel in den Basiswerten profitiert von der Existenz der Terminmärkte. An den Finanzmärkten kann die Möglichkeit der Risikobegrenzung Anlegern ein Engagement in Basiswerten erleichtern, auf die sich Terminmarktinstrumente beziehen. Dadurch können beispielsweise besonders risikoreiche Aktien, die starke Kursschwankungen aufweisen, mehr Liquidität erhalten, als dies sonst der Fall wäre. Der Handel in diesen Titeln kann dadurch effizienter werden. 

 

Forwards und Futures

Eine typische Branche, in der abseits der Finanzmärkte schon früh Termingeschäfte getätigt wurden, ist die Landwirtschaft. So kann etwa ein Landwirt, um die Unsicherheit künftiger Preisentwicklungen abzufedern und sich mehr Planungssicherheit zu verschaffen, Teile seiner erwarteten Getreideernte bereits im Voraus zu einem fest vereinbarten Preis und mit einem fixen Liefertermin an einen Händler verkaufen. Ein solches Geschäft wird auch Forward genannt und beinhaltet für beide Seiten die verbindliche Verpflichtung der Erfüllung. Bei Fälligkeit des Termingeschäfts muss der Landwirt die vereinbarte Menge Getreide liefern und der Händler muss sie zum vereinbarten Preis abnehmen. 

Eng verwandt mit Forwards sind Futures. Während ein Forward aber eine individuelle vertragliche Vereinbarung darstellt, unterscheidet sich ein Future von diesem dadurch, dass seine Ausgestaltung standardisiert ist und er bis zu seiner Fälligkeit zentral an einer Börse gehandelt wird. Für landwirtschaftliche Produkte wäre dies beispielsweise eine Warenterminbörse. 

Analog zur Landwirtschaft werden letztlich auch in der Finanzbranche Forward- und Future-Geschäfte vereinbart und gehandelt, sogenannte Financial Forwards und Financial Futures. Financial Forwards kommen hier beispielsweise direkt zwischen Banken oder anderen institutionellen Investoren zum Einsatz, um etwa den Wert von Aktienbeständen abzusichern, die erst zu einem späteren Zeitpunkt tatsächlich verkauft werden sollen. Entsprechende individuelle Geschäfte sind aber natürlich auch zwischen Privatpersonen denkbar und möglich. Die standardisierten Financial Futures werden an Finanzterminbörsen gehandelt, etwa an der Eurex mit Sitz in Frankfurt am Main. Hierzulande am bekanntesten sind dabei der DAX®-Future (FDAX®) auf den DAX®-Index für die Aktien der 30 größten und umsatzstärksten deutschen Aktiengesellschaften, welche im Prime Standard notieren, sowie der EuroBUND-Future auf eine fiktive deutsche Bundesanleihe mit etwa zehnjähriger Restlaufzeit.

Beide Vertragsparteien sind zur Erfüllung verpflichtet, wodurch auch deren Chancen und Risiken, die aus den Preisänderungen des Basiswerts bis zur Fälligkeit resultieren, gleich verteilt sind. Der Käufer, der im Fachjargon eine sogenannte Long-Position einnimmt, profitiert von steigenden Kursen des Basiswerts, da er diesen bei Fälligkeit dann zu einem Preis unter Marktwert erhält. Der Verkäufer, der eine Short-Position einnimmt oder „short geht“, profitiert von fallenden Kursen des Basiswerts, da er diesen dann bei Fälligkeit über Marktwert verkaufen kann.

 

Optionen

Ein anderes Finanzinstrument stellen aus dieser Sicht Optionen dar, die auch als bedingte Termingeschäfte bezeichnet werden. Bei ihnen geht nur der Verkäufer – auch hier die Short-Position – eine Verpflichtung zur Erfüllung ein. Der Käufer einer Option, der die Long-Position einnimmt, erwirbt dagegen das Recht:

  • eine bestimmte Menge des Basiswerts,
  • zu einem im Voraus festgelegten Preis, 
  • innerhalb der Laufzeit (amerikanische Option) oder zu einem bestimmten Termin (europäische Option), 
  • zu kaufen (Call-Option) oder zu verkaufen (Put-Option). 

Dafür bezahlt er die Optionsprämie. Eine weitere Verpflichtung geht er nicht ein, wodurch sein Risiko auf den Verlust der bezahlten Optionsprämie beschränkt wird. Der Verkäufer eines Calls geht dementsprechend das Risiko ein, gegebenenfalls den Basiswert zu einem Preis unterhalb des aktuellen Marktwerts liefern zu müssen. Der Verkäufer eines Puts trägt das Risiko, unter Umständen den Basiswert zu einem Preis oberhalb des aktuellen Marktwerts kaufen zu müssen. Da der Verkäufer einer Option die Ausübung dieses Rechts durch den Käufer – nichts anderes ist eine Option – immer hinnehmen muss und zur Erfüllung des Geschäfts verpflichtet ist, wird er in diesem Zusammenhang auch als Stillhalter bezeichnet, der Verkauf einer Option auch als Stillhaltergeschäft.

Inzwischen haben sich Zertifikate und Optionsscheine neben Aktien, Anleihen, aktiv verwalteten Investmentfonds und ETFs (Exchange Traded Funds) als feste Anlageklasse etabliert. Einerseits sind die spekulativen Hebelprodukte zur Depotabsicherung sowie als riskante Wertpapiere mit hohem Gewinnpotenzial nicht mehr wegzudenken, andererseits setzen viele Anleger mit Anlagezertifikaten eher taktische Meinungen um. Dabei können bereits bestimmte Anlagezertifikate beispielsweise die Frage konkret beantworten, mit welchem Risiko welche maximale Rendite in einer festgelegten Zeit erzielt werden kann. 

In diesem Zusammenhang soll hier auch ein bei manchem Anleger hartnäckiges Missverständnis über die Rolle der Emittenten aufgeklärt werden. Denn Emittenten arbeiten im Derivatehandel üblicherweise mit marktneutralen Positionen; sie sichern also alle getätigten Geschäfte mit entsprechenden Gegengeschäften ab. Der Käufer eines Calls setzt auf steigende Kurse des Basiswerts, der Käufer eines Puts dagegen auf fallende. Allerdings nehmen die Emittenten in diesem Zusammenhang eine andere Stellung ein, denn sie haben kein Interesse, im Geschäft mit Derivateanlegern unkalkulierbare Risiken einzugehen.

 

Im zweiten Teil der Serie gehen wir auf Anlagezertifikate im Speziellen ein und erläutern die unterschiedlichen Funktionsmöglichkeiten.