Trotz niedrigerer Renditeerwartungen – so erzielen Anleger noch ausreichende Erträge

Zinsen und Renditen in der Eurozone sind auf Rekordtief. Wer regelmäßige Einnahmenströme braucht, für den ist das ein Problem. Aber kein unlösbares, meint Talib Sheikh von Jupiter. „Wer sein Portfolio aktiv und flexibel managt, kann sehr wohl auskömmliche laufende Erträge erzielen.“

Minus 0,4 Prozent. Auf dieses Rekordtief fiel die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen Anfang Juli. Wer bei Bundesanleihen noch eine positive Rendite bekommen will, muss deshalb inzwischen auf Titel mit einer Laufzeit von mindestens 20 Jahren zurückgreifen. Und deutsche Staatspapiere sind kein Einzelfall. Weltweit notieren rund 20 Prozent der Staatsanleihen im Minus. Und auch die Titel, die noch eine positive Rendite abwerfen, entschädigen längst nicht mehr für das damit verbundene Risiko.

Zugleich dürfte die Inflationsrate zum Beispiel in der Eurozone in diesem Jahr bei rund 1,4 Prozent liegen. Damit verliert das so investierte Kapital in diesem Jahr mehr als 1,4 Prozent an Kaufkraft. „Tatsächlich erodiert der reale Wert von Bargeld derzeit so schnell wie noch nie“, macht Talib Sheikh, Multi-Asset-Manager von Jupiter Asset Management klar. Und eine Änderung ist nicht in Sicht. „Um ehrlich zu sein, Anleger sollten sich eher darauf einstellen, dass die Zinsen für Jahre, wenn nicht gar für Jahrzehnte niedrig bleiben.“

 

Talib Sheikh, Head of Strategy, Multi-Asset

 

Gestiegene Risiken bei Staatsanleihen

Dazu kommt noch ein damit verknüpftes Risiko: Sollten die Zinsen doch steigen, bedeutet dies für Besitzer von Staatsanleihen erhebliche Kursverluste. Wer also laufende Erträge braucht, kommt nicht darum herum, seine Strategie und seine Asset Allocation zu überdenken. Allerdings muss das mit Bedacht geschehen. „Wir sind zwar der Meinung, dass dieser Zyklus noch anhält und sich die Wirtschaftsdaten im zweiten Halbjahr bessern können“, so der Multi-Asset-Manager. „Aber wir haben es mit dem längsten Aufschwung der Geschichte zu tun und das bedeutet, dass die Bewertungen nicht mehr günstig sind und die künftigen Renditen nicht mehr so üppig ausfallen werden.“

Konkret heißt das: Während ein gemischtes und am Index orientiertes passives Portfolio in den vergangenen zehn Jahren etwa acht Prozent pro Jahr brachte, werden es künftig eher drei bis vier Prozent sein und zwar bei einem mindestens genauso hohem Risiko. Aus diesem Grund wird im aktuellen Umfeld aktives Management immer wichtiger. Und mit einem flexiblen Ansatz, bei dem der Investor unbegrenzt und unabhängig von einer Benchmark in allen Anlageklassen und weltweit nach laufenden Erträgen sucht, sind nach Ansicht von Talib Sheikh regelmäßige Einkünfte zwischen vier und sechs Prozent drin.

 

Portfoliogröße: Weniger ist mehr

Allerdings müssen dafür einige Voraussetzungen erfüllt sein. So ist es entscheidend, kein zu großes Portfolio mit zu vielen Einzelwerten zu haben. „Ein paar hundert Titel bieten eine ausreichende Streuung, zugleich aber ermöglicht dies dem Investor, auf veränderte Marktsituationen rasch zu reagieren“, so der Multi-Asset-Experte. Mit einem milliardenschweren Portfolio sei das dagegen kaum noch möglich. Allokationen im High-Yield- oder Emerging-Market-Bereich in dieser Größenordnung seien zum Beispiel kaum noch aktiv und schnell zu managen.

Wichtig sei auch, nicht zu viel Risiko einzugehen, sondern stets auf ein angemessenes Rendite-Risiko-Profil zu achten. „Und schließlich kann ein Derivate-Overlay sinnvoll sein, mit dem wir in schwierigen Marktphasen schnell Risiken herausnehmen können“, so Sheikh weiter. Vor allem aber müssen Anleger abseits der sonst genutzten Anlageklassen wie traditionelle Investment-Grade-Anleihen und Aktien nach Alternativen suchen.

Wer das alles beherzigt, findet trotz der nicht mehr ganz günstigen Bewertungen noch  Investments mit einem attraktiven Chance-Risiko-Profil. Zum Beispiel bei hochverzinslichen Anleihen. „Da wir vorerst keine Rezession erwarten, auch wenn wir die Entwicklung natürlich sehr genau verfolgen, ist deren Beimischung derzeit eine gute Alternative, um bezogen auf das Risiko attraktive höhere laufende Erträge zu erzielen.“ Interessant seien auch Emerging-Market-Anleihen. „Wir stellen nämlich fest, dass sich in vielen Schwellenländern die Governance und die Transparenz derzeit verbessern“, sagt Sheikh.

 

Aktien: USA vor Europa

Um die Renditequellen im Portfolio stärker zu diversifizieren, mischt der Experte zudem alternative Anlagen aus dem Infrastrukturbereich oder REITS sowie Aktien bei. Bei Letzteren bevorzugt Sheikh derzeit die USA gegenüber Europa. „Zwar ist die Bewertung jenseits des Atlantiks mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 17 Mitte Juli schon recht hoch, aber wir sehen strukturelle Grenzen für die Effektivität der Geldpolitik in der Eurozone“, sagt er. „Und das wiederum begrenzt meiner Ansicht nach das Aufwärtspotenzial für den europäischen Aktienmarkt.“

Überhaupt muss die hohe Aktienbewertung nicht zwangsweise eine rasche Korrektur oder gar einen Kurseinbruch bedeuten. „In einem Umfeld lockerer Geldpolitik, die letztlich für eine Verlängerung des derzeitigen Konjunkturaufschwungs sorgen könnte, können sich solche hohe Bewertungen schon länger halten“, erklärt Sheikh. Außerdem sollten Anleger nicht vergessen, dass die teuerste Anlageklasse derzeit Bankeinlagen sind. „Denn dort ist der rasche reale Wertverlust vorprogrammiert und unvermeidlich.“