Umstrittenes Reiseziel: Siemens-Chef will nach Saudi-Arabien

Die diplomatischen Beziehungen zu Saudi-Arabien haben sich durch den Mord am Regimekritiker Khashoggi stark verschlechtert. Siemens-Chef Joe Kaeser hielt sich zunächst an die öffentliche Forderung, nicht nach Saudi-Arabien zu reisen. Doch nun sieht es so aus, als würde er eine Reise in das Königreich planen.

Nachdem ans Licht kam, dass Khashoggi durch Angehörige des Regimes ums Leben gebracht wurde, verschlechterten sich die Beziehungen dramatisch. Besonders die Bevölkerung forderte, dass es Konsequenzen geben müsse, damit man ein Zeichen setze. Daher besuchte Kaeser eine Messe in Riad nicht, auf der er sogar eine Rede halten sollte. Zusätzlich verzichtete er auf die Unterzeichnung von wichtigen Deals, die seinem Unternehmen jede Menge Profit versprachen. Nun hat er seine Meinung jedoch geändert und möchte dorthin reisen.


Als er absagte, begründete er diesen Schritt damit, dass die Ermittlungsbehörden zuerst ihrer Arbeit nachgehen und herausfinden müssen, wer für diese schreckliche Tat verantwortlich ist. Erst wenn die Täter und ihre Auftraggeber gefasst sind, könne er wieder geschäftliche Beziehungen mit Riad knüpfen.


Die wirtschaftliche Lage von Siemens in Saudi Arabien

Rund 2.000 Mitarbeiter beschäftigt der Weltkonzern dort. Er ist dabei in unterschiedlichen Bereichen tätig. So kümmert er sich um die Wartung von verschiedensten industriellen Anlagen oder errichtet diese selbst. Aufträge, die mehrere Milliarden Euro umfassen, stehen in den Büchern und sind noch abzuarbeiten. Sie sichern weitere Arbeitsplätze und garantieren den Anlegern hohe Gewinne, da die Bilanzen deshalb ausgezeichnet ausfallen. Daher sind die geschäftlichen Beziehungen extrem wichtig, doch bergen eine Vielzahl an Gefahren.


Will das Unternehmen ein Zeichen setzen und entscheidet sich dafür, dass es beispielsweise Handelsgüter nicht liefert, dann drohen hohe Strafzahlungen, welche vertraglich festgehalten sind. Zusätzlich sind die Investoren unzufrieden, da nun die Zahlen schlechter ausfallen, was sich negativ auf die Dividende auswirkt. Kommt der Konzern den Forderungen der Regierungen und der Bürger nicht nach, dann verschlechtert sich das Image. Der Betrieb steht dann als reiner „Geschäftemacher“ da, der keine moralischen Grenzen kennt und sich nur auf den Vorteil der eigenen Firma konzentriert.
 


Die jetzige Ausgangslage

Kaeser implementiert mit seinem Verhalten, dass der Anschlag aufgeklärt und es daher vertretbar ist, dass er eine solche Geschäftsreise antritt. Dies ist jedoch nicht der Fall, da es noch viele Ungereimtheiten und offene Fragen gibt. So ist nicht ans Tageslicht gekommen, ob die saudische Regierung selbst die Tötung in Auftrag gab. Mohammed bin Salman, der Kronprinz, steht noch immer im Verdacht, dass er dafür verantwortlich ist. Einige Hinweise hierfür existieren. Deutliche Beweise fehlen aber. Zusätzlich gibt es, dem Anschein nach, ein Tonband, welches die Ermordung festhielt. Die türkische Regierung hat dies einigen befreundeten Nationen zur Verfügung gestellt. Der Inhalt ist jedoch nicht bekannt. Außerdem ist bis zum jetzigen Zeitpunkt Khashoggis Leiche nicht aufgetaucht. Mutmaßungen stehen im Raum, dass diese in Säure eingelegt wurde. Die Flüssigkeit soll über die Kanalisation entsorgt worden sein.


Saudische Ermittler haben auch gegen mutmaßlich beteiligte Personen Gerichtsverfahren angekündigt. Öffentlich erklärten diese, dass sie für die Mörder die Todesstrafe anstreben. Diese hat selbstverständlich für die Hintermänner den Vorteil, dass Zeugen zum Schweigen gebracht werden, was den Druck deutlich vermindert.


Der Siemens-Boss selbst teilte mit, dass er nicht das gesamte saudische Volk verurteilen wolle, weshalb er das Land besucht. Er möchte einen Gesprächsfaden beibehalten, damit sich die Beziehungen nicht weiter verschlechtern.
Da das iktva-Forum, das er besuchen möchte, erst am 26. November stattfindet, beobachten er und seine Firma die Lage genau und reagieren auf etwaige Veränderungen.