Verliert London seine Finanzpassrechte?

Wie sich der Finanzplatz London nach dem Brexit verändern wird

Im neuesten "Global Financial Centres Index" ist die Londoner City als gegenwärtig bedeutendster Finanzplatz Europas aufgeführt. In der Hauptstadt Großbritanniens werden 60 Prozent der Kapitalmarktgeschäfte bearbeitet sowie 40 Prozent der Vermögenswerte des EU-Raumes verwaltet. Mehr als 260 Kreditinstitute nutzen den Londoner Standort zusammen mit zugehörigen Beratungs- und Servicedienstleistungen als Basis für weltweite Finanzdienstleistungen.
Das Spektrum der in London abgewickelten Finanzdienstleistungen ist inhomogen: dazu gehören die klassische Bankdienstleistung, das Investmentbanking, das Clearing sowie die Wertpapier-, Derivate- und Währungsabwicklung. Somit sind nach einem Brexit für die einzelnen Finanzdienstleistungen unterschiedliche Standortpräferenzen möglich.

 

Finanzpass steht auf dem Spiel

Viele amerikanische und asiatische Banken haben in London ihre europäische Hauptniederlassung. Die Banken können im gesamten EU-Raum grenzüberschreitende Bankgeschäfte ausführen, solange Großbritannien der EU angehört.
Der Finanzpass garantierte bisher, dass ein Kreditinstitut, das in einem EU-Staat seinen Hauptsitz hat oder eine Niederlassung unterhält in diesem der Finanzaufsicht unterliegt und seine Dienste ohne Beschränkungen auch in allen anderen Mitgliedstaaten offerieren darf. Dazu ist gegenwärtig weder die Unterhaltung einer großen Niederlassung noch eine Beaufsichtigung durch die dortigen Behörden notwendig.
Nach dem Brexit steht auch der Finanzpass auf dem Spiel. Mit dem Austritt aus der EU werden in London ansässige Finanzinstitute den ungehinderten Zugang zum Finanzmarkt der EU verlieren. Dann müssten sich die Finanzdienstleister für eine Banklizenz einen zusätzlichen Standort in der EU suchen, wobei zentrale Funktionen wie das regionale Management oder die interne Revision nicht außerhalb der EU angesiedelt sein dürfen.
Die Finanzdienstleistungen, die von europäischen Passrechten profitieren, sind in einer Reihe von EU-Richtlinien festgelegt. Zwei zentrale Richtlinien für Bank- und Investitionsdienstleistungen sind die Eigenkapitalrichtlinie und die Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente. Passrechte gelten ausschließlich für Finanzinstitutionen, die in Ländern des Europäischen Wirtschaftsraums niedergelassen sind. So profitieren die meisten Finanzinstitutionen der Schweiz - ein Mitglied der Europäischen Freihandelsassoziation, aber nicht des Europäischen Wirtschaftsraums - nicht von diesen Passrechten, da der Zugang der Schweiz zum europäischen Binnenmarkt durch eine Reihe bilateraler Abkommen mit der EU geregelt ist. Es ist somit möglich, dass britische Finanzinstitutionen nach einem EU-Austritt ihre europäischen Passrechte verlieren.

 

Alternative Finanzplätze der EU27

Da sich mittelfristig heute noch in London erbrachte Aktivitäten auf diverse nationale Finanzplätze innerhalb der EU verlagern, werden je nach Finanzdienstleistung neue Finanzzentren entstehen.
Klassische Bankdienstleistungen könnten sich nach Frankfurt und Dublin verlagern, während für Investmentfonds Paris oder Luxemburg an Bedeutung gewinnen könnten.
Gegenwärtig ist es nur möglich, Tendenzen aufzuzeigen. Pressemeldungen machen deutlich, dass sich die Finanzinstitute mit Sitz in London nach Frankfurt, Dublin oder Paris orientieren.

 

Fazit

Der EU-Austritt Großbritanniens könnte zu wichtigen Änderungen in der Finanzgeografie Europas führen. Der Finanzsektor des Vereinigten Königreichs spielt in doppelter Hinsicht eine herausragende Rolle im europäischen Finanzsystem. Er ist erstens ein Knotenpunkt für Firmenkundengeschäfte großer europäischer Banken und zweitens ein Hauptzugangspunkt für Kapital aus Nicht-EU-Ländern in den europäischen Binnenmarkt. Sollten Verhandlungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich in Zukunft dazu führen, dass britische Finanzinstitutionen ihre Finanzpassrechte verlieren, stehen beide Funktionen infrage.
Die Abhängigkeit des Vereinigten Königreichs vom Export von Finanzdienstleistungen dürfte dessen Position in den anstehenden Verhandlungen mit der EU schwächen. Da die Kosten für das Vereinigte Königreich im Falle eines Verlustes des Finanzpasses massiv wären, wird es schwer fallen, den verbleibenden EU-Mitgliedsländern größere Zugeständnisse abzuringen.