Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Von wegen finanzielle Gleichberechtigung

Die Zahlen sind wenig überraschend, aber trotzdem dramatisch: Frauen erhalten 26 Prozent weniger gesetzliche Rente als Männer. Diese Rentenlücke gilt es zu schließen.

Frauen haben finanziell das Nachsehen, vor allem mit Blick auf die Rente. 26 Prozent – so hoch ist die zu erwartende durchschnittliche Rentenlücke von Frauen im Vergleich zu Männern in Deutschland. Das heißt: Frauen erhalten mehr als ein Viertel weniger gesetzliche Rente vom Staat als ihre männlichen Kollegen. In absoluten Zahlen bedeutet das: Im Schnitt hätte eine Frau, die mit 67 Jahren in den Ruhestand geht, nach heutiger Berechnung im Monat 140 Euro weniger gesetzliche Rente als ein Mann. Bezieht sie noch 15 Jahre Rente, fehlen ihr also rund 25.000 Euro. Das ist das Ergebnis der wissenschaftlichen Studie „The Gender Pension Gap in Germany“ von Alexandra Niessen-Ruenzi von der Universität Mannheim und Christoph Schneider von der Tilburg University im Auftrag von Fidelity International. So viel zum Thema Gleichberechtigung.

Trotzdem fühlen sich knapp 70 Prozent der Frauen in Deutschland finanziell für das Alter gut bis sehr gut abgesichert, wie eine repräsentative Umfrage des Bankenverbands jüngst gezeigt hat. Diese Selbsteinschätzung entspricht aber nicht der Realität. Denn die Absicherung von Frauen ist verglichen mit der von Männern häufig ungenügend. Ihre Rentenlücke ist immens, wie die Fidelity-Studie zeigt.

Um die geschlechtsspezifische Rentenlücke zu berechnen, haben die Professoren eine repräsentative Datenbank des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) herangezogen und so die gesetzlichen Rentenansprüche von mehr als 1,8 Millionen Arbeitnehmern berechnet. Die Ergebnisse der Studie basieren ausschließlich auf den gesetzlichen Rentenansprüchen von Einzelpersonen – privates Vermögen oder Immobilienbesitz werden nicht berücksichtigt. Ebenso sind in den zugrunde liegenden Daten keine Pensionsansprüche von Beamten, Richtern, Soldaten oder für Berufsgruppen mit berufsständischen Versorgungswerken enthalten. Die gesetzliche Rentenversicherung deckt 83 Prozent aller Beschäftigten und 81 Prozent aller Rentner in Deutschland ab; der Frauenanteil beträgt 48,5 Prozent.

 

Mit 35 Jahren öffnet sich die Schere

Der Blick in die Statistik zeigt: Je nach Alter ist das „Gender Pension Gap“ unterschiedlich groß. Bis zum Alter von 35 Jahren gibt es kaum einen Unterschied bei den erwarteten Rentenansprüchen von Frauen und Männern. Die geschlechtsspezifische Rentenlücke beträgt nahezu null Prozent. Doch ab etwa 35 Jahren öffnet sich die Schere. Danach erwerben Männer deutlich mehr Rentenpunkte als Frauen. „Der wahrscheinlichste Grund für diese Entwicklung ist, dass viele Paare in den Dreißigern eine Familie gründen“, sagt Niessen-Ruenzi, Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Corporate Governance. „Da Frauen häufiger als Männer nach der Geburt eines Kindes ihre Arbeitszeiten reduzieren, beginnt sich das geschlechtsspezifische Lohngefälle genau in dieser Altersgruppe zu entwickeln – mit drastischen Folgen für die Finanzen von Frauen und ihre spätere Rente.“ In der Literatur habe sich hierfür der Begriff ,Motherhood Penalty‘ durchgesetzt. In der Altersgruppe der 36- bis 45-jährigen Frauen liegt die geschlechtsspezifische Rentenlücke bei 15 Prozent, bei den 46- bis 55-Jährigen sogar bei 27 Prozent.

Die Botschaft der Studienmacher und von Fidelitiy: Frauen müssen stärker als bisher für das Alter sparen. Denn der „Gender Pension Gap“ lässt sich mit zusätzlicher privater Vorsorge schließen. Die Studie gibt Aufschluss darüber, wie viel Frauen sparen müssen, um diese Rentenlücke zu schließen. Eine 40-jährige Frau müsste bei einer erwarteten Rendite von drei Prozent und einer jährlichen Inflationsrate von 1,5 Prozent beispielsweise 77 Euro jeden Monat zusätzlich zurücklegen. Bei einer erwarteten Rendite von fünf Prozent reduziert sich der monatliche Vorsorgebetrag auf 57 Euro. Das entspricht 2,3 Prozent des Bruttojahresgehalts. „Frauen müssen sich bewusst sein, dass sie diese Unterschiede stärker kompensieren müssen als Männer“, sagt Claudia Barghoorn, Leiterin Privatkundengeschäft bei Fidelity International. „Deshalb wollen wir Frauen dazu ermutigen, zu investieren und sie auf dem Weg zur finanziellen Absicherung begleiten. Die Botschaft: Fangt mit kleinen Schritten an.“

 

Finanzielle Unabhängigkeit als Lebensziel 

Eine Botschaft, die immer mehr ankommt. Das Thema finanzielle Unabhängigkeit, und das nicht nur im Alter, ist Frauen immer wichtiger. Das hat auch eine Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Commerzbank vom Mai 2019 gezeigt: Finanziell unabhängig zu sein ist für vier von fünf Frauen in Deutschland das wichtigste Ziel im Leben. Ziele wie „Lebenspartner finden" und „Familie gründen" folgen. Weitere Ziele sind „Vermögen schaffen" und eine „Immobilie erwerben". Abgeschlagen auf dem Schlussplatz landet „Karriere machen“.

„Tatsächlich ist finanzielle Unabhängigkeit für viele Frauen mehr Wunsch als Wirklichkeit“, sagt Jenny Friese, Bereichsvorständin Privat- und Unternehmerkunden Ost bei der Commerzbank. „Denn Frauen sind leider noch immer seltener in Führungspositionen, arbeiten häufig familienbedingt in Teilzeit und verdienen oft weniger als ihre männlichen Kollegen. In der Konsequenz haben sie weniger Geld für Anlage und Vorsorge.“ So gaben in der Studie nur 15 Prozent der befragten Frauen an, dass sie über ein persönliches, monatliches Nettoeinkommen von über 2.000 Euro verfügen.

Diese Situation spiegelt sich deutlich in den Sparbeträgen wider, die Frauen monatlich zurücklegen: Während knapp ein Drittel der Männer im Monat Beträge über 200 Euro anspart, macht dies nur ein Fünftel der Frauen, zeigt die Umfrage des Bankenverbands. Darüber hinaus bevorzugen Frauen bei der Geldanlage sichere Produkte ohne Kursrisiken: Sie investieren deutlich seltener als Männer in Anlageformen mit höheren Renditepotenzialen. Auch in der Wahl von Anlageprodukten unterscheiden sich Frauen von Männern laut Bankenverband im wesentlichen in einem Punkt: Während von den befragten Männern immerhin 27 Prozent Aktien, Aktienfonds oder andere Wertpapiere besitzen, sind es bei den Frauen nur 18 Prozent. Die Ursache dafür dürfte in der unterschiedlichen Risikopräferenz liegen. Nach wichtigen Kriterien bei der Geldanlage gefragt, stufen 74 Prozent der Frauen die „Sicherheit“ als besonders wichtig ein, aber nur 64 Prozent der Männer. Männer geben mit 37 Prozent der Nennungen – Mehrfachnennungen waren möglich – hingegen dem Kriterium „Rendite“ eine höhere Priorität als Frauen (23 Prozent).