Wallstreetbets, Reddit und Gamestop: Was von der Chaos-Woche bleibt – und die (breiten) Märkte daraus machen

Am Ende der vergangenen Woche schaltete sich auch die Politik in den Wirbel rund um den Reddit-Channel Wallstreetbets und das Vorgehen des Neo-Brokers Robinhood bei der Gamestop-Aktie ein. Viele (US-)Kleinanleger fühlen sich indes getäuscht – und die Finanzbranche reagiert nervös. Ein Über- und Ausblick.

Mit dem Wochenende kam endlich Ruhe. Zumindest an die Börsen und an die internationalen Parkette, die im Laufe und besonders am Ende der vergangenen Woche Denkwürdiges erlebten. Weniger Ruhe herrschte am Wochenende dort, wo das Denkwürdige seinen Lauf nahm. Denn die abertausenden Privatanleger, die im Reddit-Channel Wallstreetbets den Plan schmiedeten, von Hedgefonds geshortete Aktien wie Gamestop oder AMC Entertainment nach eigenem Sprech „to the moon“ zu senden, waren natürlich auch außerhalb der Börsenzeiten online und echauffierten sich über die Hedgefonds wie Melvin Capital, die US-Börsenaufsicht SEC – oder auch Medien wie CNBC. Diesen „Eliten“ warf ein Reddit-User etwa geplante Panikmache vor, um die eigenen Geschäfte zu festigen. Die Fronten scheinen verhärtet.

Klar ist, dass seit der US-Neo-Broker Robinhood und auch das deutsche Äquivalent Trade Republic Ende der vergangenen Woche teilweise den Handel von den im Reddit-Channel gejagten Aktien einschränkten, das Kräftemessen zwischen den long-investierten Privatanlegern und den short-investierten Hedgefonds endgültig zum Politikum geworden ist. Die einen kritisierten den Handelsstop für einzelne Aktien, die anderen das Vorgehen der Trader. Weniger klar äußerte sich die US-Börsenaufsicht SEC, die am Freitag eine Stellungnahme veröffentlichte. Sie wies recht nichtssagend darauf hin, dass die SEC den Handel und die Volatilität beobachte – aber auch das Verhalten einiger Marktteilnehmer, das die Möglichkeit des Handels bestimmter Aktien einschränken könnte.


Lehrstunde für Hedgefonds?

Damit zeigte sich die SEC recht nüchtern im Vergleich zur aufgehitzten öffentlichen Debatte. Was als Kuriosum begann, wurde am Ende der Woche in US-Medien und auch in der deutschen Öffentlichkeit teilweise als Gefahr für die Stabilität der Märkte ausgelegt. Der DAX verlor deswegen am Ende deutlich, Beobachter bemerkten eine ansteigende Nervosität an den Börsen. Es mutet dabei aber fast schon kurios an, dass der verrückte Kursverlauf der Gamestop-Aktie die Märkte mehr verunsicherte als die weiterhin unklaren Aussichten der durch Lockdowns global gebeutelten Ökonomie. Gleichzeitig legten die Vorkommnisse nicht nur die Verwundbarkeit, sondern auch die Macht der internationalen Hedgefonds offen.

„Nicht die Geld- und Fiskalpolitik bewegte in den vergangenen Tagen das Kursgeschehen an den Märkten – ganz andere Kräfte kamen zum Wirken. Der leichte Kursrutsch bei Aktien scheint zum Teil mit Verkäufen von Hedgefonds zu tun zu haben, die im Ringen mit Hobbyaktionären in die Enge getrieben werden“, analysierte etwa Mark Dowding, Chief Investment Officer bei BlueBay Asset Management, die Lage an den Märkten. Die Kursverluste schätzt er demnach nur als temporäre und der Macht der Hedgefonds geschuldete Auswirkung auf die verhärteten Fronten ein. Die Entwicklung der Volatilitäsindizes weise außerdem darauf hin, dass die Gamestop-Gier nicht langfristig auf die breiten Märkte überschwappen würde.


Dennoch sieht Dowding durch das Gamestop-Politikum unter Umständen einen Umschwung angestoßen, der zumindest das Verhalten der Short-Investoren verändern könnte. „Hedgefonds mögen sich über diese von Raubtieren inspirierte Taktik der geballten Attacke beschweren, aber der Erfolg der Anleger in Gamestop & Co. könnte dazu führen, dass Hedgefonds, die zunehmend riesigen Verlusten ausgesetzt sind, die Tragfähigkeit ihrer Anlagestrategien überdenken“, meint er.


Breite Märkte bleiben ruhig

Die DZ Bank verwies mit Blick auf Gamestop auf die Theorie der dezentralen Finanzmärkte, die etwa bei Kryptowährungen schon länger beobachtbar sei. Dabei würden etablierte und zentralisierte Preisbildungsprozesse wie bei IPOs oder an den Börsen auf Dauer hinter neuen, dezentralen Plattformen zurückstehen müssen. Im Falle der Gamestop-Aktie dürfte das durchaus der Fall sein, am breiten Markt sieht Christian Kahler, Analyst bei der DZ Bank, aber noch keine Hinweise auf Dezentralität. „Vieles hängt aber davon ab, wie die US-Broker, Börsen und Aufsichtsbehörden auf die Entwicklungen dieser Woche reagieren werden“, meint Kahler.

Einiges dürfte auch damit stehen oder fallen, wie die Reddit-Trader weiter vorgehen. Der wochenendliche Blick in die Foren spricht eher dafür, dass das Thema auch in der neuen Woche noch latent aktuell bleiben könnte und die Volatilität bei den entsprechenden Aktien auf hohen Niveaus verweilen dürfte. Kahler sieht abseits dieser Titel aber keine Gefahr: „Für Anleger, die auf langfristig steigende Kurse setzen, besteht kein Handlungsbedarf. Diese sollten stoisch ihre Strategien weiterverfolgen.“ Paul O’Connor, Head of Multi-Asset bei Janus Henderson Investors, stieß ins selbe Horn wie Kahler: „Auch wenn die Scharmützel dieser Woche für viel Aufsehen gesorgt haben, wird der Trend am Aktienmarkt letztlich vom Ausgang des Wettlaufs zwischen Corona-Impfstoffen und Virusmutationen bestimmt werden. Diesbezüglich bleiben wir optimistisch.“

So pointiert also die Kommentare in den sozialen Medien, den Reddit-Foren und den Wirtschaftsmedien auch sind, so punktuell könnten die Auswirkungen sein. Entscheidend seien eher die langfristigen, größtenteils positiven Aussichten auf eine Erholung. „Dennoch denken wir, dass dieses Szenario zu einem guten Teil bereits in den Finanzmärkten eingepreist ist. Deshalb erwarten wir keine geradlinige Fortsetzung der Aktienrallye“, meint O’Connor. Eine gesunde Konsolidierung oder ein Umschwung sei wahrscheinlicher – und die könnte ja auch vielleicht irgendwann die Gamestop-Aktie ereilen.


Lesen Sie auch die Kommentare von CAPinside-CEO Philipp Schröder und CAPinside-Experte Guido Krüger zum Gamestop-Chaos: 

Krüger fordert: Stoppt die GameStopper! 

Schröder erinnert: Aktien sind für alle da!