Warum das Niedrigzinsumfeld Stiftungen besonders hart trifft

In Zeiten knapper Staatskassen kommt Stiftungen eine immer wichtigere Aufgabe in der Gesellschaft zu. Doch die Erfüllung dieser Aufgabe wird in einem Umfeld extrem niedriger Zinsen auch zunehmend schwieriger. Wie Stiftungen damit umgehen können, lesen Sie in einer Serie zu diesem Thema. Teil 1 beschäftigt sich mit Stiftungen im Allgemeinen und dem neuen Anlageparadigma.

Es ist schon außergewöhnlich, was sich da am Rentenmarkt tut. Ende Juni 2019 rentieren zehnjährige deutsche Bundesanleihen mit -0,33 Prozent. So tief war deren Rendite noch nie, ein Rekordwert. Und überhaupt erst ab einer Laufzeit von 20 Jahren werfen Schuldtitel des Bundes eine positive Rendite ab. Es ist die Folge der extremen Niedrigzinspolitik der Notenbanken, die viele als die „Enteignung der Sparer“ bezeichnen. Wohl nicht zu Unrecht. Die Experten der DZ Bank beziffern die Netto-Zinseinbußen der privaten Haushalte in Deutschland über die vergangenen zehn Jahren hinweg auf 358 Milliarden Euro.

Doch sind sie nicht die einzigen, die von dieser Zinsentwicklung betroffen sind. Vielleicht noch viel mehr leiden Stiftungen unter dem extremen Niedrigzinsumfeld. Denn ähnlich wie viele deutsche Privatanleger investieren auch sie traditionell vor allem in Zinspapiere. Das war bis vor wenigen Jahren unproblematisch. Selbst 2011 rentierten zehnjährige Bundesanleihen noch mit rund drei Prozent, Mitte der 1990er Jahren waren es sogar noch mehr als fünf Prozent. Stiftungen, die eine klassische Portfolioaufteilung von 70 Prozent Anleihen und 30 Prozent Aktien verfolgten, konnten so ihr Stiftungskapital auch nach Inflation erhalten und über ihre Kosten hinaus Erträge erwirtschaften, um so ihren Stiftungszweck zu erfüllen.


Gemeinnützige Stiftungen: Selbstlose Förderung der Allgemeinheit

In der Tat sind Stiftungen in besonderem Maße auf auskömmliche Einkünfte aus ihrer Vermögensanlage angewiesen. Insgesamt gibt es hierzulande laut dem Bundesverband Deutscher Stiftungen rund 22.000 rechtsfähige Stiftungen bürgerlichen Rechts mit einem Gesamtvermögen von rund 100 Milliarden Euro. Mit 95 Prozent ist die weit überwiegende Mehrheit davon gemeinnützig. Bei ihnen geht es also um die selbstlose Förderung der Allgemeinheit. So gibt es Stiftungen, die auf den Schutz der Umwelt oder auf den Tierschutz ausgerichtet sind, solche, die sich im sozialen Bereich für Bildung oder die Unterstützung von in Armut lebenden Kindern engagieren oder sich auf die Erforschung seltener Krankheiten konzentrieren.

Da viele Staaten angesichts immer klammerer Staatskassen immer weniger in der Lage sind, alle diese Aufgaben zu übernehmen, kommt Stiftungen eine zunehmend größere Bedeutung zu. Sie sind deshalb ganz besonders darauf angewiesen, ihr Vermögen so anzulegen, dass es langfristig real erhalten bleibt, zugleich aber die Kosten der Stiftung gedeckt sind und danach noch genug übrig bleibt, um ihren Stiftungszweck zu erfüllen. Mit einer Bundesanleihe, die eine negative Rendite bringt, während zugleich die Inflation bei mehr als einem Prozent liegt, ist noch derzeit aber nicht einmal der reale Kapitalerhalt möglich. Aus diesem Grund stellt das aktuelle Niedrigzinsumfeld für Stiftungen eine besondere Herausforderung dar.


Vor allem kleinere Stiftungen leiden

Erschwerend kommt hinzu, dass rund zwei Drittel der Stiftungen hierzulande über ein Stiftungskapital von weniger als einer Million Euro verfügen. Während sich größere Stiftungen eher ein professionelles Vermögensmanagement leisten können, das ihnen hilft, auch in der Negativ- und Nullzinsära eine ausreichende Rendite zu erwirtschaften, ist das vor allem für kleinere Stiftungen in der Regel zu teuer. Sie müssen sich selbst darum kümmern, ihre Anlagestrategie an dieses neue Investmentparadigma anzupassen.

Deshalb empfiehlt der Bundesverband Deutscher Stiftungen seinen Mitgliedern, ihre Anlagestrategie ganz neu zu denken und das Stiftungskapital breiter, diversifizierter und womöglich wirkungsorientierter zu investieren, um dieser Herausforderung zu begegnen. „Stiftungen sollten das aktuelle Umfeld als echte Chance begreifen, um ihrem Portfolio über sichere Staatsanleihen und Cash hinaus auch Aktien, Anleihen geringerer Bonität oder alternative und gesellschaftlich positiv wirkende Investments beizumischen“, erklärt Felix Oldenburg, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen in Berlin.

Ganz so einfach ist das freilich nicht. Denn dafür müssen sich Stiftungsvorstände zunächst mit den rechtlichen und gesetzlichen Vorschriften auseinandersetzen und im zweiten Schritt intensiv mit dem Thema der Kapitalanlage und welche Investmentmöglichkeiten es gibt, befassen. In den folgenden Teilen dieser Serie soll deshalb erläutert werden, wie Stiftungen bei der Anpassung an das neue Anlageumfeld vorgehen und welche Alternativen der Kapitalmarkt neben den traditionellen Zinsprodukten noch bietet.