Warum die Türkei-Krise (noch) keine Auswirkung auf den Goldkurs hat

Gold reagiert nie besonders schnell auf Spannungen oder Krisengefahren - der Meinung ist zumindest Nitesh Shah, der als Director Research bei WisdomTree, einem ETF-Anbieter, tätig ist. In seiner Analyse verweist Shah etwa auf die argentinische Krise des Jahres 2001, als der damalige Wirtschaftsminister die Banknoten einfrieren ließ. Die Krise, die mit 1. Dezember begann und am 23. Dezember den Höhepunkt erlebte, da die Regierung mit den Staatsschulden in Verzug geriet, sorgte dafür, dass der Goldpreis um gerade einmal 1,0 Prozent stieg. Erst im Zuge des ersten Halbjahres 2002 konnte Gold um 15 Prozent zulegen - mit der Argentinien-Krise und dem Platzen der Dotcom-Blase wurde also die geopolitische Aufwertung des Edelmetalls eingeläutet. „Auch im Krisenfall ist es daher nicht zu spät, wenn man eine Absicherung mit Gold aufbauen will“, so Shah.

 

Kommt es zur Eskalation, steigt der Goldpreis in die Höhe

Jedoch sind mitunter auch die landestypischen Merkmale der Grund, warum die Reaktion des Edelmetalls noch sehr gering ausfällt: Die türkische Zentralbank ist einer der größten Gold-Käufer - verteidigt die türkische Notenbank also die Landeswährung Lira, so könnte sie durchaus die Goldreserven verkaufen, sodass Spekulanten die Käufe auch „auf Verdacht“ zurückstellen können, um Verkäufe von Seiten der Zentralbank abzuwarten, sodass der Einstieg noch günstiger wird. Des Weiteren können auch die Geschäftsbanken der Türkei Gold verwenden, wenn es um die Deckung des Reservenbedarfs geht. So kamen 2017 von Seiten der Geschäftsbanken 187,7 Tonnen Gold in Richtung der Zentralbank. Die Frage, die sich vor allem Spekulanten stellen, lautet: Wann wird der Goldpreis nach oben klettern und welche Rolle spielt die Türkei? Denn am Ende wird es davon abhängen, ob die aktuellen Probleme nur vorübergehender Natur sind oder für eine Eskalation innerhalb des Landes sorgen werden. „Belastet die Gefahr, dass das türkische Gold nun verkauft wird, den Preis, so stellt sich die Frage, was die Bedrohung aufhalten könnte?“, so Shah. Eine Möglichkeit: Die türkische Zentralbank verkauft andere Währungen, bevor sie die Goldreserven anrührt - das heißt, die Türkei würde die Währungen von anderen Ländern benachteiligen und nicht das „staatenlose“ Gold. Reagiert haben aber auch die türkischen Geschäftsbanken, die die Goldreserven bei der türkischen Zentralbank reduzierten. So gab es zwischen den Monaten April und Juni 2018 einen dokumentierten Abfluss von rund 27,5 Tonnen Gold, sodass der Großteil der gut 30,7 Tonnen, die zwischen den Monaten Januar und März 2018 geflossen sind, nun zunichte gemacht wurden. „Heben Kunden und Geschäftsbanken nun vor Angst mehr Geld ab, so wird Gold wieder die traditionelle Rolle der Krisenwährung einnehmen“, ist Shah sicher. Die Folge? Der Goldpreis steigt.

 

Welche Pläne verfolgt Erdogan?

Jedoch ist Shah der Meinung, die türkische Regierung könnte durchaus auch drakonische Maßnahmen ergreifen, sodass den Haushalten gar nicht die Möglichkeit gegeben wird, sich mit der Krisenwährung Gold abzusichern. Einen derartigen Fall gab es etwa in den USA der 1930er Jahre. Damals unterzeichnete die Administration unter Roosevelt die Anordnung, „das Horten von Goldbarren, Goldmünzen und Goldzertifikaten innerhalb der Vereinigten Staaten“ sei verboten. Das Verbot wurde erst mit dem Jahr 1974 aufgehoben. Ein derartiges Gesetz würde das Edelmetall zu einem extrem begehrten Gut machen. Dass dieses Szenario nicht unrealistisch ist, beweist etwa auch die Rhetorik des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der vergangenen Freitag davon sprach, dass „all jene Türken, die US-Dollar, Euro oder Gold unter ihrem Kopfkissen haben“, es bei der „Bank umtauschen“ sollten. „Selbstverständlich ist die Beschlagnahmung von Vermögenswerten kein Schritt, der undenkbar ist, wenn das Land von einem Führer regiert wird, der größenwahnsinnige Tendenzen aufweist“, so Shah.