Warum Kapitalmarkt-Experten jetzt zum Einstieg raten

Einen durchaus optimistischen Blick auf das kommende Jahr wagten vier Kapitalmarkt-Experten bei einem Podiumsgespräch in Hamburg auf Einladung des Fixed-Income-Spezialisten nordIX.

Die schlechte Nachricht vorweg: Das legendäre Goldilock-Szenario ist passé, Italien, Brexit und Trump sind die Hauptgründe für ein Eintrüben der noch zu Jahresbeginn positiven Rahmenbedingungen. Entsprechend nehmen die Unwägbarkeiten an den Finanzmärkten spürbar zu. Doch wie wird 2019? Auf Einladung von nordIX wagten vier renommierte Kapitalmarkt-Experten im Hamburger Übersee-Club einen Ausblick auf das kommende Jahr.

Doch zunächst gab es in der von nordIX-Vorstand Moritz Schildt moderierten Veranstaltung den Blick zurück. Viel zu holen gab es für Investoren 2018 bislang nicht, sowohl Aktien- als auch Anleihenmärkte notieren bislang im Minus. Und dass, obwohl eigentlich Anlagedruck herrscht, wie Jens Franck, Portfoliomanager von nordIX es formulierte. „Die Märkte sind in Wartestellung.“

Für Bastian Bosse, Leiter Asset Management der BRW Finanz AG, bietet das Marktumfeld vor allem Chancen. „Für solche Märkte hat uns der Kunde ja“. Mit einem ausgewogenen Portfolio könne man immer noch Rendite erzielen. Und Dr. Christoph Kind, Chief Investment Officer des Family Office Marcard, Stein & Co, wies darauf hin, dass das aktuelle Umfeld eine neue Erfahrung für viele Investoren bedeutet. „Die Kunden sind von den vergangenen zehn Jahren verwöhnt.“

Handelskonflikt belastet

Einig waren sich alle Experten, dass insbesondere der Haushaltstreit in Italien, der Handelskonflikt zwischen den USA und China sowie die ungeklärte Brexit-Situation die Gefahr bergen, die Finanzmärkte schwer zu belasten. Nach Ansicht von Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei DONNER & REUSCHEL, hat vor allem US-Präsident Donald Trump das Jahr geprägt, angefangen von der Steuerreform, die zwar prozyklisch sei, aber dennoch der positiven Konjunktur nochmal Auftrieb gegeben habe. Und auch der „Handelskrieg mit dem Rest der Welt“, den Trump angefangen habe, sorge für Bewegung an den Märkten. „Der Handelskrieg lastet am stärksten auf der Konjunktur“, sagte Mumm.

Kontrovers war die Diskussion beim Thema Italien. Während nordIX-Mann Franck zur Besonnenheit aufrief („das System ist insgesamt sehr krisenresistent aufgestellt“) und auf die jüngsten positiven Unternehmensbilanzen italienischer Banken verwies, betonte Dr. Kind die große Bedeutung Italiens für die EU. Das Land sei immerhin der größte Schuldner im Euroraum. „Und der Kapitalmarkt hat schon den Daumen gesenkt“, warnte Kind. Trotz der aktuell schwierigen Situation ist sich dagegen Volkswirt Mumm sicher: „Italien wird nicht zum Sargnagel der EU und des Euro.“ Dafür müsse man jedoch in Italien als auch in Brüssel zu Kompromissen bereit sein.

Davon, dass das Niedrigzinsumfeld in der Eurozone unverändert anhält, waren alle Diskutanten überzeugt. Grund sei vor allem die nachlassende Konjunkturdynamik, die der EZb wenig Spielraum lasse. Welche Auswirkungen der Brexit – in welcher Form auch immer – haben werde, sei dagegen offen. „Aber eins ist klar: Brexit heißt: Alle verlieren“, warnte Bosse.

Kein Optimismus, keine Euphorie

Portfoliomanager Franck zeigte sich davon überzeugt, dass schon viele negative Nachrichten in den verschiedenen Assetklassen eingepreist sind. „Viele Titel sind wieder auf fairen Bewertungsniveaus zurückgekommen“, sagte der nordIX-Experte. Auch mögliche Rezessionsängste könne er nicht teilen, so dass aktuell für ihn ein guter Zeitpunkt sei, wieder zu investieren. Ähnlich sah es Bastian Bosse. „Es herrscht an den Märkten kein Optimismus, keine Euphorie. Das ist eine gute Grundlage zu investieren.“

Besonders positiv äußerte er sich über US-Titel. „Der nordamerikanische Aktienmarkt hat noch erhebliches Potenzial“, insbesondere dank der Effekte der US-Steuerreform, der Wachstumsdynamik der Technologietitel sowie der positiven Bilanzen der Rohölindustrie. Speziell Tech-Titel seien zwar volatil und derzeit stark unter Druck. „Aber wir sind langfristige Investoren und wollen eine Aktie wie Apple ja nicht morgen wieder verkaufen, sondern fünf bis zehn Jahre halten“, betonte Bosse.

Nicht ganz so optimistisch äußerte sich dagegen Dr. Christoph Kind. Investoren müssten künftig bescheidener werden. „Man kann immer noch Geld verdienen, aber es wird schwieriger.“ Die Renditen würden geringer ausfallen, außerdem werde die Unterstützung durch die Notenbanken deutlich geringer.

„Es ist schon vieles eingepreist, aber es kann durchaus noch günstiger werden“, erklärte DONNER & REUSCHEL-Volkswirt Mumm. Er wartet vor allem auf positive Nachrichten bezüglich des Handelskonfliktes. Sollte es da eine Annäherung geben, stehen auch für Mumm die Investitions-Zeichen auf grün. So waren sich die vier Experten am Ende in einem Punkt einig: Die Stimmung ist derzeit schlechter als die Lage. Abwarten ist für langfristig orientierte Investoren keine Alternative. Chancen nutzen, sollte stattdessen die Devise lauten.